Wir stinken nach Fleisch

Schön und giftig Die Gedichte des jungen polnischen Lyrikers Mariusz Grzebalski

Aus ihrem alten Traum von der "poésie pure", der "reinen Poesie", ist die moderne Dichtung unsanft erwacht. Zwar gibt es noch immer trotzige Versuche, sich in wohltönender Erhabenheit über alles krud Alltägliche zu erheben und das Erkenntnisglück in der absoluten Sprachautonomie zu finden. Poetisch fruchtbarer sind aber die Suchbewegungen einer Wahrnehmungspoesie, die dem Eskapismus der "poésie pure" ihre schroffen Dissonanzen und ihren Wirklichkeitshunger entgegen hält. Man sollte sich in diesem Zusammenhang wieder an Pablo Nerudas fast vergessene Formel von der "poésie impure" erinnern. Diese "un-reine Poesie" kennt keine Scheu vor dem Gewöhnlichen, im Gegenteil. Sie bedient sich eines unpathetischen Realismus und bezieht ihren Stoff vorzugsweise aus dem Grau des Alltagslebens und den Schattenseiten der menschlichen Existenz. Die "poésie impure" kennt die Schönheit nur noch als vergiftete Schönheit, in der Harmonie und Maß aus den Fugen geraten sind.

Die Texte des jungen polnischen Dichters Mariusz Grzebalski sind in einem buchstäblichen Sinn solcher "poésie impure" zuzurechnen. Denn ein Schlüsselwort dieser Poesie ist die Vokabel "Schmutz". Es ist der Schmutz, der sich in den grauen Vorstädten des post-sozialistischen Polen angelagert hat und dort eine bestimmte Atmosphäre des Verfalls erzeugt. Die Gedichte selbst sind, um eine Fügung aus der Miniatur Der heutige Tag aufzugreifen, "schön und giftig".

Diese schöne und giftige Poesie schickt den Leser durch die Kulissen einer zerfallenden Industriewelt. Grzebalskis lyrisches Personal bewegt sich durch trostlose Vorstädte, menschenleere Straßen und verwüstete Behausungen, vorbei an Schlachthäusern und Gaswerken - es ist eine graue Industrie-Welt voller Schmutz, in der alles menschliche Leben erloschen scheint. Die Lektüre dieser Gedichte gleicht einem unheimlichen Spaziergang durch die maroden Hinterlassenschaften des real existierenden Sozialismus, jener Gesellschaftsform, die der 1969 in Lodz geborene Autor nur noch in ihrem Verwesungs-Stadium erlebt hat. Die Stadtbilder Grzebalskis zeigen einen Scherbenhaufen des Urbanen, in dem desillusionierte Jugendliche und "minderjährige Voyeure" auf Beutezug gehen. Schon seit langem, heisst es im Gedicht "Schlachthof", haben wir fast nichts Menschliches mehr an uns. / Wir haben keine Hemmungen, wir stinken nach Fleisch. / Weder morgen noch sonstwann erwartet uns etwas Interessantes. Hier ist offenbar eine verlorene Generation unterwegs, die sich aller Utopien und Ideale entledigt hat. Was ihr bleibt, sind jähe Ausbrüche von Gewalt und krampfhafte Liebesversuche, die in der allgemeinen Orientierungslosigkeit Halt bieten sollen. Grzebalskis schwarzer Existenzialismus fasziniert, weil der Autor auf alles pathetisches Gedröhne verzichtet und stattdessen in lakonischer Prägnanz und spröder Genauigkeit seine Beobachtungen und Befunde sammelt. Seine poetischen Schauplätze sind neben den Schlachthäusern verrostete Dächer, ausgeraubte Kioske, verwitterte Parkbänke voller Betrunkener oder, wie es im Gedicht Maulwürfe heißt, "Wohnblocks mit schmutzigem Zahnfleisch" - ein städtischer Kosmos des Hoffnungslosen, in dem das Leben stillsteht und nur Gewalt und Todesahnungen gedeihen. Durch diese Zonen der universellen Entfremdung tastet sich das lyrische Ich mühsam vorwärts, aber es entdeckt überall nur Zeichen des Abschieds: Unter den Füßen starb der Boden. / Eine künstliche Haut aus Staub/ legte sich an die Tür. // Unten im Schrank, der mit verlorener Zeit vollgeräumt war, / wandten sich Blätter um. // Unruhig lauerten die Tiere / der Wände auf ein Signal. So lauert an jeder Straßenecke ein Todeszeichen, wie überhaupt der Tod zur düsteren Dominante dieser Gedichte geworden ist.

Mariusz Grzebalski gehört zu jener Reihe von herausragenden osteuropäischen Poeten, die von dem kleinen Wiener Poesie-Verlag "Edition Korrespondenzen" für den deutschen Sprachraum entdeckt worden sind. Seine vierzig Gedichte, die nun als zweisprachige Auswahl aus seinen bisherigen Bänden in der Übersetzung von Doreen Daume vorliegen, weisen ihn als einen Großstadtpoeten von weltliterarischem Rang aus, als einen Melancholiker, der erfolgreich angetreten ist, uns alle Illusionen über das neue Mitteleuropa zu rauben.

Mariusz Grzebalski: Graffiti. Gedichte. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Edition Korrespondenzen, Wien 2001, 105 Seiten, EUR 19, 20

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00:00 08.02.2002

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