"Wir wollen ein neues Russland!"

Moskauer Boheme Vor wenigen Monaten interessierten sich die wenigsten von ihnen für Politik. Seit Putins Wahlbetrug ist das anders. Sieben Porträts aus dem Restaurant "Jean-Jacques"

Alja Kirillowa, 29

./resolveuid/70ca29aeb0b942c40d05f5053af8f631„Vielleicht ist das alles auch nur Hipster-Kacke“, sagt die Fernsehproduzentin Alja Kirillowa über die letzten Wochen, über diesen russischen Frühling mitten im Winter. Alja gehört zu den Menschen, neben denen man sich nach spätestens fünf Minuten immer alt, verklemmt und wahnsinnig langsam vorkommt. Sie postet Kommentare auf Facebook, überfliegt ein paar Artikel zum Schiffsunglück der Costa Concordia und listet die besten Pointen der letzten Gebrüder Coen-Filme auf, während man selbst noch die Speisekarte studiert und sich nicht zwischen Croque Monsieur und Croque Madame entscheiden kann.

Wenn sie nicht im Jean-Jacques ist, 
arbeitet sie bei Dozhd TV, einem Internet-Fernseh-Sender, dessen Studios sich 
in der ehemaligen Schokoladenfabrik 
Krasny Oktyabr befinden – mit Blick 
auf den Kreml. Als am 5. Dezember die Menschen auf den Straßen Moskaus zum ersten Mal demonstrierten, waren die jungen Videojournalisten von Dozhd mittendrin – während das Staats-fernsehen schwieg oder höchstens mal die gute Arbeit der Polizei lobte.

„Wir wollen kein Oppositionsfernsehen sein“, sagt Alja – weil Opposition immer auch nach gestern riecht, nach vergessenen Dissidenten, nach rührenden Unentwegten. „Vor 20 Jahren machten sich unsere Eltern Sorgen um die 
Zukunft, als sie für Jelzin auf die Straße gingen“, sagt Alja, „doch unsere Genera-tion scheißt auf die Zukunft, wir leben jetzt. Und wir wollen eine Idee für unser Leben. Es kann doch nicht unser einziges Ziel sein, genug Geld zu verdienen.“ Und so wie Alja, die in Kasachstan geboren wurde und lange in New York gearbeitet hat, so ist auch Dozhd TV: live, laut und ungeschnitten, weil der Sender versucht, die Zuschauer zu wecken, statt sie müde zu machen.

„Das Internet hat in Russland alles 
verändert. Keiner meiner Freunde kauft mehr Zeitungen, die von alten Männern gemacht werden“, sie alle würden sich nur noch bei Online-Medien informieren. „Twitter und Facebook haben uns gezeigt, dass man gemeinsam etwas erreichen kann. Das Gefühl von Zivilgesellschaft – das haben wir im Netz gelernt.“ So habe eine Journalistin während der Wald-brände 2010 die Hilfe in den Dörfern 
koordiniert, vermisste Kinder werden dank Facebook gefunden, Wahlmanipulationen mithilfe von iPhone-Filmchen 
öffentlich gemacht.

„Es weht ein neuer Geist in diesem Land“, sagt Alja, Mutter eines dreijährigen Sohnes, der Vater sei weg, sie habe ihn eh nie gebraucht. „Und wenn dieser russische Frühling nach den Wahlen wieder zu Ende ist?“, fragt sie, noch traut sie dieser Aufbruchstimmung nicht so ganz, „in Russland kommt es nie gut, wenn du den Zaren zum Teufel jagst.“ Sie hadert, sie zögert, Politiker seien am Ende ja doch alle gleich. Fuck Putin! Fuck Alexei Navalny! Wieso solle sie für den auf die Straße? „Außerdem habe 
ich andere Sorgen“, sagt sie und hackt auf ihrem Computer rum, „ich muss eine Schule für meinen Kleinen finden.“ Und während sie die Kommentare ihrer Facebook-Freunde liest, verstreut über die ganze Welt, sagt sie noch: „Aber 
klar bin ich bei allen Demonstrationen in den nächsten Wochen dabei. Es macht Spaß. Und es fühlt sich verdammt echt an.“

Anna Spilko, 24

./resolveuid/4860cec4bc5e7f7c51bf09a6979a07f3„Ich gehe nicht zu den Demonstrationen. Mein Mann und ich haben immer wieder darüber geredet, aber vorläufig sind wir noch nicht überzeugt. Ich glaube nicht, dass die Leute wirklich bereit sind zu kämpfen. Sie machen mit, weil es trendig ist, sie spielen Französische Revolution. Und die Regierung lässt sie machen. Lass die Leute doch ihren Fun haben, wird sich Putin denken. Er weiß, dass er von dieser Gruppe nichts zu befürchten hat. Es gibt keinen Leader. Eine wahre Opposition ist nicht in Sicht. Wo werden die Demonstranten in zehn Jahren sein? Werden sie noch für ihre Ideale ein-stehen, wenn der Weg steinig und beschwerlich sein wird?

Von den amerikanischen Hippies haben wir gelernt, dass die meisten Revolutionäre abspringen und sich ein warmes Plätzchen in der Gesellschaft suchen. 95 Prozent der Russen verdienen 200, 300 Dollar im Monat, 
die werden es sich überlegen, ob sie ihre letzte Lohnerhöhung von 1000 Rubel aufs Spiel setzen wollen. Klar sympathisiere ich mit den Demonstranten, Freunde von mir gehen hin, ich mag Putin auch nicht. Er ist ein Zyniker mit einer dunklen Vergangenheit. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde, dass sich die Mentalität dieses Landes ändert.


Wir diskutieren oft übers Auswandern. Niemand fühlt sich sicher. Freunde von uns wurden von der Polizei zusammengeschlagen. In der Armee werden jedes Jahr Rekruten misshandelt, einige sterben einen sinnlosen Tod. Russland ist ein 
riesiges Land mit einer bewegten Geschichte. Seit 500 Jahren ist es doch so: Alle Führer, die wir hatten, waren immer schlecht. Kam ein neuer, versprach er 
jedes Mal den Himmel auf Erden – und wieder endete es im Desaster. Ist es nicht schrecklich, wie alt und pessimistisch 
ich klinge? Dabei bin ich noch nicht mal 25. Das ist wohl unser Schicksal.“

Tikhon Dzjadko, 24

./resolveuid/fe8b7576e3a7286edcfc50194d554ea5Am Abend des 3. Dezember, vor dem Wahltag in Russland, gab Tikhon Dzjadko dem ukrainischen Fernsehen ein Interview. „Es wird keine Proteste geben, 
niemals“, sagte er auf die Frage, wie die Menschen auf Wahlfälschungen reagieren würden. „Schon 2007 wurde getürkt, und kein Mensch ging auf die Strasse.“ Am Tag nach den Wahlen sei er wie 
immer ins Jean-Jacques gegangen, um etwas zu trinken, erzählt er. Er habe sich überwinden müssen, überhaupt zu 
jenem Protestmarsch zu gehen, der für den Abend angesagt war. „Dann traf es mich wie ein Schlag. Menschen, so weit das Auge reicht – und ich dachte immer, ich würde jeden einzelnen Putin-Gegner kennen. Da habe ich zum ersten Mal 
gespürt, dass sich etwas verändert hat.“

Tikhon nimmt einen Schluck aus seinem randvoll gefüllten Whiskyglas. Er ist ein gut aussehender, hoch aufgeschossener junger Mann mit einem zu ernsten Gesicht für seine 24 Jahre, Starmoderator beim größten Radiosender Echo Moskau, der jüngste der drei Dzjadko-Brüder, die alle bei den Medien arbeiten. Unverbesserliche Rebellen. „Ich war in den letzten Jahren bei einigen Demonstrationen“, sagt Tikhon, „und es war immer erbärmlich, ein trauriges Grüppchen von Unzufriedenen, umringt von ausländischen Journalisten. Doch an diesem Abend 
war es anders. Fröhlicher, bunter, es gab gute Musik. Als ich vor ein paar Jahren in Frankreich war, hörte ich Manu Chao 
auf einer Demo in Paris. Heute wird auch bei uns gelacht, getanzt. Es ist ein klares Zeichen: Wir haben keine Angst mehr.“ Und als er dann Alexei Navalny auf dem Podium sprechen hörte, den landesweit bekannten Blogger und Juristen, dann war ihm plötzlich klar, dass es kein Zurück mehr gebe. „Navalnys Worte waren so simpel und naheliegend und doch 
entscheidend. Er sagte: ‚Man muss keine Angst haben, für seine Rechte zu kämpfen. Das ist ganz normal. Zu schweigen 
und wegzuschauen, das ist das Übel.‘ “

Man kennt die Dzjadko-Brüder in Moskau. Tikhon, Filip und Timothy. Jede Woche machen sie ihre TV-Show bei 
einem Privat-Sender und kommentieren die politische Realität. Sie stammen aus einer Dissidenten-Familie, der Vater saß in den 1980ern im Gefängnis. „Anfang der Neunziger hatten wir Freiheit, aber kein Geld“, erzählt Tikhon. „Dann kam Putin.“ Was folgte, war eine Abkehr von den demokratischen Institutionen. 2001 wurde NTV geschlossen, 2004, nach 
dem Massaker von Beslan, die freie Wahl der Provinzgouverneure abgeschafft. Heute hat jeder eine Geschichte mit der Regierung, mit Korruption. Jeder kennt jemanden, der grundlos verprügelt, grundlos gepeinigt wurde, grundlos den Job verlor. Die Leute haben genug. Dostali heißt das Wort auf Russisch: Wir haben die Nase voll.
Aber die Menschen haben Putin einst gewählt. Er war jung und stark. „Sei unser Zar“, habe man ihn angefleht. Bring 
unser Land in Ordnung, das nach dem Ende des Kommunismus chaotische 
Zeiten durchmachte. „Sie hielten es nicht aus, sie wollten einen starken Vater, der aufräumt.“

Wenn Tikhon drei, vier Whiskys getrunken hat, wird er weicher, lacht viel und zeigt die Fotos seiner zwei Kinder auf dem iPhone. Er wirkt auf den ersten Blick melancholisch und unnahbar, 
was vielleicht daran liegt, dass er jeden Tag alle Schreckensmeldungen über 
sein Land liest, Reuters, AP, all die News-Ticker, und daran verzweifelt. „Das ist mein Job. Alles Schlimme landet auf 
meinem Schreibtisch.“ Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er noch seine Rolle sucht, dass es zum Selbstverständnis 
eines kritischen Politjournalisten gehört, grimmig zu sein, mit sich und dem Land zu hadern und sich am Whiskyglas 
festzuhalten. Er ist noch jung, wie alle hier, nur vergisst man das immer, wenn man sie sprechen hört. Vielleicht hat 
er auch nur einen Kater.

„Es wird weitergehen“, sagt er, „ich weiß es. In den Köpfen hat sich schon einiges verändert. Früher war Russland mein Problem. Ich hab es in mich hineingefressen, ich litt mit dem Land. Heute sind wir das Problem der Regierung. Sie müssen mit unseren Forderungen fertigwerden. Wir werden das Land verändern.“

Ilja Jaschin, 28

./resolveuid/0769c71eabdfe062d3c8663f7ffd5270Ganz am Ende des Gesprächs zeigt Ilja 
Jaschin Gefühle. „Warum ich keine Kinder habe? Weil ich nicht will, dass sie ohne Vater aufwachsen.“ Er war schon so oft im Gefängnis, er wolle nicht, dass sich 
irgendjemand Sorgen machen müsse. „Dass meine Eltern Angst um mich 
haben, reicht“, sagt er und blickt mit 
seinen Kinderaugen um sich.

Sein Vater ist Dachdecker, seine Mutter Hausfrau. Er ist der Erste der Familie mit Universitätsabschluss. Das Interesse für Politik habe er von den Gesprächen am Küchentisch. Ilja Jaschin ist zwar erst 28, doch die zwölf Jahre als Oppositionspolitiker haben aus dem schmächtigen Mann einen abgebrühten Redner gemacht, dessen Sätze sitzen wie seine Frisur.

Heute ist er eines der Gesichter des Widerstands. Er hat schon gegen Wladimir Putin demonstriert, als sich seine Freunde nur für Frauen, Geld und nochmals Frauen interessierten. Er ist der Marathonläufer unter den Protestgängern. Aufgerüttelt hat ihn der zweite Tschetschenienkrieg: „Die Menschen waren hysterisch, sie wollten Blut sehen.“ Jaschin war damals 16 Jahre alt, mehr als zehn Jahre musste er warten, sagt er, „bis die Menschen aufwachten“. Die Russen 
würden sich mit jeder Macht arrangieren, das stecke in ihren Genen, habe er 
immer wieder gehört. „Die Bewegung hat jetzt die kritische Masse erreicht.“

Trotz seines Engagements bleibt 
Jaschin eine umstrittene Figur. Er sei nur an Macht interessiert, sagen die einen, 
er ginge mit jeder ins Bett, sagen die 
anderen – wobei sie nicht ganz Unrecht haben. Ilja Jaschin ist ein enger Mitarbeiter von Garri Kasparow, dem Ex-Schachweltmeister und Gründer des Oppositionsbündnisses Solidarnost. Jaschin konnte den Verlockungen nicht widerstehen und ging im letzten Jahr zwei 
jungen Frauen in die Falle, die ihn eines Nachts verführten, ihm Drogen anboten und alles auf Video aufnahmen, um ihn politisch zu schwächen. Einmal kamen seine Gegner in Unterwäsche und nicht mit Fäusten, wie die Mitglieder einer 
Putin-nahen Jugendorganisation, die ihn auch schon verprügelten und vor seinen Augen auf sein Auto urinierten.

Früher seien seine Freunde ausgewandert, erzählt Jaschin, um nicht im Russland Putins leben zu müssen. Doch jetzt sei eine neue Generation da, die Gerechtigkeit fordere – Geld haben sie schon. Anders als in Ägypten, wo viele Jugendliche ohne Arbeit und Perspektive den Tahrir-Platz besetzten, seien es in 
Russland die Kinder der Mittelklasse, die protestieren. „Es ist zurzeit nicht cool, die Leute an der Macht zu unterstützen.“

Noch sitzt Jaschin häufig an den 
Tischen im Jean-Jacques. „Hier diskutiert man über Gott und die Welt, wie zu Sowjetzeiten zu Hause in der Küche.“ Jaschin trägt eine weiße Schleife am Revers 
seiner Jacke, das Zeichen des friedlichen Protests, von der Putin im Fernsehen verächtlich meinte, sie erinnere ihn an ein Kondom. „In ein paar Jahren“, sagt 
Jaschin gelassen, „bin ich im Gefängnis – oder im russischen Parlament.“

Ilja Azar, 25

./resolveuid/f19c16ba96560e410c5918688300fcf4„Vorläufig wird uns Putin machen lassen“, sagt Ilja Azar und schiebt seine Horn-brille zum vielleicht hundertsten Mal die Nase hoch. „Zumindest bis zu den Präsidentschaftswahlen. Wir befinden uns 
in einer Übergangsperiode, bis Putin am 5. März wieder zum Präsidenten gewählt wird. Schwer zu sagen, was nachher 
geschieht. Vielleicht wird er uns zerschlagen. Wer weiß das schon.“

Ilja beugt sich nachdenklich über den Bistrotisch, wie einer der legendären russischen Schachspieler vor dem nächsten Zug. Mit seinem eindrücklichen Schädel sieht er aus, als könnte er die Welt erklären. Ein guter Freund von ihm, der Journalist Oleg Kaschin, wurde im November 2010 mit Eisenstangen 
zusammengeschlagen. „Wahrscheinlich waren es Leute von Wassili Jakemenko, dem Anführer der Putin-Jugend“, sagt Ilja. Kaschins Verletzungen waren so schwer, dass er ins künstliche Koma versetzt werden musste. „Zwei Stunden vor dem Überfall war ich mit Oleg essen“, 
erzählt Ilja. Es gehe seinem Freund 
wieder besser. Doch die Täter habe man noch nicht gefasst.

„Aber Russland ist nicht China und nicht Nordkorea. Das Internet können sie nicht kontrollieren“, sagt Ilja, „diese 
Zeiten sind vorbei.“
Ilja ist der Sohn einer Werberin und des ersten Tourismusministers der Jelzin-Regierung, er ist mit der Politik aufgewachsen. Er arbeitet als Journalist bei der Internetzeitung lenta.ru, die täglich eine halbe Million Leser erreicht. Vor ein paar Wochen wurde er in Kasachstan verhaftet, weil er über den Streik der Ölarbeiter berichtet hat. Er war hinter den russischen Linien in Südossetien und in Bischkek, als in Kirgisien der Aufstand losbrach. Wenn man ihm zuhört, spürt man das Draufgängertum und die Neugier wie in den neunziger Jahren auf dem Balkan, 
als die jungen Journalisten nach Sarajewo an die Front gegangen sind. Einige ließen dort ihr Leben. „Es kann gefährlich sein“, sagt Ilja mürrisch, „aber es ist aufregend. Jemand muss vor Ort sein, um zu erzählen, was geschieht.“

Die traurigen Protestmärsche der Menschenrechtler, an denen er jahrelang teilgenommen habe, seien Vergangenheit, sagt Ilja. „Irgendetwas muss in den Menschen passiert sein.“ An der Uni habe er einen Kollegen gehabt, der später Anwalt geworden sei. „Er hat mir erzählt, dass er im Wahllokal mit eigenen Augen gesehen habe, wie Mitglieder der Putin-Jugend ganze Stöße von Wahlzetteln eingeworfen hätten. Der Mann hat sich nie für Politik interessiert. Alles, was er vom Leben 
wollte, war ein sicherer Job, etwas Geld, eine Familie. Und plötzlich beginnt er, in seinem Viertel Flugblätter zu verteilen, selbst gemachte Flyer, und am 5. Dezember ist er demonstrieren gegangen.“

Und was denken die einfachen Leute, die Bauarbeiter, die Busfahrer, die Krankenschwestern? „Ich weiß es nicht. Ich kenne sie nicht“, sagt Ilja und schenkt sich Rotwein ein. „Dass sich die Intelligenzija in Russland politisch engagiert, hat Tradition. Mitte des 19. Jahrhunderts hat es zum Terror geführt, als sie den 
Zaren umbrachten. Wir stehen in einer langen Geschichte.“

Er trinkt das Glas in einem Zug und schmettert den Schlachtruf der Nationalbolschewiken über die Tische des 
Jean-Jacques. „Nicht, dass ich mit ihnen sympathisiere“, sagt Ilja, „aber Putin muss weg.“

Sascha Bojarskaja, 25

./resolveuid/afd2072504ff58c594663ec0136b231cDas Einzige, was man im Westen tun 
könne, sagt Sascha Bojarskaja in akzentfreiem Englisch, sei, die Leiter hochzuklettern. „Und wenn man sich lange genug bemüht hat, erhält man seinen Platz in der Gesellschaft.“ Hier in Moskau seien die Menschen lebendiger. „Du findest leicht einen Mäzen, der dir Geld gibt, wenn er von dir überzeugt ist.“ Es gebe so viel Platz, alles sei im Umbruch. „Es gibt keinen, der dir sagt, so wirds seit jeher getan“, sagt sie und trinkt ihr Glas Wein aus.

Sascha Bojarskaja ging mit 15 weg von der Schule, um als Bildredakteurin zu 
arbeiten. „In Russland wirst du schnell erwachsen.“ Mit 17 begann sie über Mode zu schreiben, drei Jahre später wurde sie für ein Interview nach London geschickt. „Do you want sex with me?“, wurde 
sie am helllichten Tag von einem Unbekannten gefragt. „Vielleicht später“, 
antwortete Sascha, „und wenn du eine Freundin suchst, probiers doch mit Blumen.“ Ein paar Monate danach haben 
die beiden geheiratet. Der Unbekannte, stellte sich heraus, war Chris Waitt, eines der größten Talente des englischen Kinos.

„Er hatte mindestens sieben Viagra geschluckt und drehte gerade einen Film über sein Sexleben“, erzählt sie beiläufig. Heute ist Sascha 25. Sie stammt aus der Moskauer Intelligenzija, ihr jüngst verstorbener Großvater war 
Naturwissenschaftler, ihr Urgroßvater Aron Bojarski ein Pionier der mathematischen Statistik. Die halbe Trauergemeinde habe sich nach dem Begräbnis ihres Großvaters bei den Demonstrationen wiedergetroffen, sagt sie und wirkt wie eine dieser zerbrechlichen Mädchenfrauen aus einem russischen Roman 
des 19. Jahrhunderts, die sich über den Gang der Welt früh Gedanken machen. Sascha lebt die meiste Zeit mit ihrem Mann in London, als sie Anfang Dezember nach Moskau kam, habe sie sofort „eine veränderte Stimmung“ gespürt, als läge etwas in der Luft.

„Lange Zeit sind die guten Ideen aus dem Westen gekommen“, sagt Sascha. Auch das Jean-Jacques sei ja nichts anderes als die Verpflanzung eines französischen Bistros nach Moskau. Aber die Gäste hätten ein russisches Lokal daraus gemacht. „Es wird hier lauter gelacht und mehr getanzt als in Paris.“ Schon sei eine nächste Generation von einheimischen Gastronomen mit neuen, eigenen Ideen am Werk. Zwar arbeite sie mit ihrem Mann Chris an einem Drehbuch (über ihre russisch-britische Liebesgeschichte), aber gleichzeitig möchte sie in Moskau wieder Fuß fassen, „der spannendsten Stadt der Welt“. Sergej Kapkow, Kulturbeauftragter der russischen Hauptstadt, habe ihr zugesagt, ein paar ihrer Projekte zu fördern.

Sascha steht auf, der Zigarettenrauch, der hier in der Luft hängt, brenne in 
ihren Augen. Sie muss weiter, sagt sie. „Moskau wartet nicht.“

Natascha Guljaewa, 25

./resolveuid/40244b52f4196e20e33eac104a349b8f„Noch vor wenigen Monaten hat sich in meinem Umfeld niemand für Politik interessiert. Jetzt ist das ganz anders. Auch ich poste jetzt Dinge über Putin, obwohl ich das erste Mal Angst hatte. Total unbegründet, ich weiß schon. Wahrscheinlich stecken hinter dieser Angst all die Horrorgeschichten über Stalin, jedenfalls 
hat man, wenn man hier geboren wurde, dauernd Angst, verpfiffen zu werden. Was ich über Putin schrieb? Dass ich das Botox in seinem Gesicht widerlich finde, ich kenne mich aus – meine Mutter ist Schönheitschirurgin.

Moskau ist eine harte Stadt, die Luft ist schlecht, die Menschen unfreundlich. Im Straßenverkehr wirst du von Männern in großen BWMs nur angeschrien. Ich habe die Hoffnung, dass durch die Demonstrationen neue Politiker an die Macht kommen. Leute unserer Generation, die nicht wie Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd posieren. Vielleicht wird ein gesellschaftlicher Wandel möglich, weg von diesem Machogetue, hin zu mehr Freundlichkeit. Ich weiß, dass das naiv klingt. Wahrscheinlich wird sich das hier nie ändern, aber man wird doch noch hoffen dürfen.“


Moskau auf der Straße! Max Avdeev hat auch die Demonstrationen mit der Kamera festgehalten

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07:00 16.02.2012

Ausgabe 38/2020

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