Interview
28.01.2009 | 00:00

Wird das Problem der dicken Kinder herbeigeredet, Herr Zwick?

Nachgefragt Seit einigen Jahren macht die Bundesregierung Kampagnen gegen das Übergewicht bei Kindern. Haben wir nach Ihrer Einschätzung zu viele dicke ...

Seit einigen Jahren macht die Bundesregierung Kampagnen gegen das Übergewicht bei Kindern. Haben wir nach Ihrer Einschätzung zu viele dicke Kinder?
Wir müssen uns zunächst fragen, wer wird denn eigentlich für zu dick erklärt? Momentan wird hauptsächlich mit dem Body Mass Index (BMI) gearbeitet, der von der Industrie kommt, aber nicht wissenschaftlich begründet ist. Alle Kinder, die wir in der Forschung interviewt haben, waren körperlich gesund - und zwar egal wie dick sie waren. Auf der anderen Seite leiden dicke Kinder sehr unter Hänseleien. Wenn aber behauptet wird, die Adipositas, also die Fettleibigkeit, sei eine Epidemie, ist das vollkommen falsch. Sie ist weder ansteckend und noch breitet sie sich rasant aus.

Belasten nicht die gesundheitliche Risiken von Übergewicht das Gesundheitssystem?
Renate Künast hat einmal gesagt, durch die adipösen Menschen entsteht in Deutschland jährlich ein Schaden von 72 Milliarden Euro. Dieses Geld ist aber das Einkommen von zigtausenden Menschen, die davon leben. Und es gibt immer mehr Marktnischen: Reiseanbieter spezialisieren sich auf besonders Dicke oder Hersteller von medizinischen Heilapparaten - das sind Marktfaktoren. Eine einseitige Schadenssemantik ist völlig fehl am Platz.

Wird hier also ein Problem herbeigeredet?
Es existiert durchaus ein Interesse daran, Übergewicht zu dramatisieren. Die Krankenkassen einmal ausgenommen, haben viele Interessengruppen von der Adipositas einen Nutzen: Die Nahrungsmittelindustrie, die Pharmabranche, die Ärzte und Kurkliniken, auch die Wissenschaft. Lässt sich ein sozialer Sachverhalt als ein Problem etablieren, dann setzt das eine Umverteilung von Mitteln in Gang. Und genau das ist bei der Adipositas geschehen.

Sie sagten, dicke Kinder leiden an Ausgrenzung. Wie hilft man ihnen ?
In einer Überflussgesellschaft wie unserer müssen die Menschen lernen, bei Lebensmitteln kompetent und regelgeleitet die richtige Auswahl zu treffen. Statt den Einzelnen zu gängeln brauchen wir eher eine Prävention, die Anreize setzt und ordnungspolitische Maßnahmen, wie zum Beispiel, eine eindeutige und einfache Kennzeichnung von Lebensmitteln nach dem Ampelsystem wie es sich in Großbritannien bewährt hat. Man könnte im Städtebau den menschen- und bewegungsgerechten Umbau fördern, mehr Schulsport, aber keine Benotung nach Leistung, da haben die Adipösen immer Nachteile. Es gibt viele Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Connie Uschtrin

Michael M. Zwick ist Soziologe an der Universität Stuttgart.