Wirklich, ein idiotischer Krieg

Tschetschenien Soldatenbriefe nach Russland

Der Kaukasus bleibt ein europäischer Krisenherd erster Ordnung. 105 Menschen starben am 20. August beim Abschuss eines russischen Hubschraubers in der Nähe des Stützpunktes Chankala in Tschetschenien. Die Tatwaffe, eine tragbare Flugabwehrrakete des Typs Strela, lässt kaum Zweifel, dass es sich um einen Anschlag der tschetschenischen Guerilla handelte. Auch wenn die russische Militärführung immer wieder erklärt, der Krieg sei zu Ende - der Partisanenkrieg ist es nicht.

Die offiziell mitgeteilten Verluste der Armee Russlands in Dagestan und Tschetschenien seit dem 2. August 1999, dem Beginn des sogenannten "Zweiten Kaukasus-Krieges", besagen: es gab bis Ende 2001 3.433 Tote und 10.160 Verwundete. Darunter waren 2.036 Militärangehörige der regulären Streitkräfte, 1.397 Gefallene gehörten zu Verbänden des Innenministeriums. Valentina Melnikowa, die Sprecherin des Komitees der Soldatenmütter, nannte hingegen bereits Mitte 2001 eine Zahl von 6.500 ums Leben gekommenen Soldaten, was eine heftige Kontroverse mit dem Generalstab auslöste.
Die nachstehend veröffentlichten Soldatenbriefe aus Tschetschenien wurden von Ella Maximowa, Mitarbeiterin der Moskauer Tageszeitung Iswestija, gesammelt. Um die Verfasser zu schützen, wird nur der Anfangsbuchstabe ihres Nachnamens angegeben. Weil häufig Briefe, die über die "Feldpost" an die Heimatadresse gerichtet werden, ihr Ziel nicht erreichen, ist es inzwischen üblich, jemandem, der "nach Russland" fährt, die Post mitzugeben.

Nicht in Versen

25. Februar 2000


Meine liebe Mutter!
Ich werde Dir nicht in Versen gratulieren, sondern mit einfachen Worten: Herzliche Glückwünsche zum 8. März! Ich wünsche Dir das Allerbeste im Leben: Glück, Freude und Papas Liebe, mehr Unterstützung durch die Verwandten, und dass auch wieder mehr Geld in Deine zarten Hände kommt. Ich umarme Dich sehr, sehr fest. Verzeih mir meine Fehler, ich habe Euch doch alle lieb. Ich werde versuchen, bald zurück zu kommen.

Verfasser: Nikolaj P. aus dem Gebiet von Tomsk; kurz danach im Kampf gefallen




Bis zum Knie

17. März 2000


Hallo, Alter!
Nun schreibe ich Dir aus dem Krieg. Ich bin nicht mehr Matrose der Pazifik-Flotte, wie Du vielleicht annimmst, sondern Marineinfanterist in einem Stoßbataillon der Landetruppen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was für ein seltsames Leben wir hier führen. Wir waren an einem Ort stationiert, da gibt es (genauer gesagt: gab es) eine Speiseeisfabrik. Bist Du schon mal bis zum Knie durch Speiseeis gewatet? Und überhaupt: Könntest Du Dir unseren Stadtbezirk völlig zerstört vorstellen? Cafés, Häuser, Lagerhallen, der Supermarkt, alles kaputt? Du könntest Dir nehmen, was Du willst. Nur geht das eben leider nicht, denn Du bist ja von oben bis unten mit Munition voll gestopft.
Unsere Kompanie war an einem Fluss stationiert, wochenlang sind wir nicht aus den Schützengräben rausgekommen. Fast alle haben sich die Füße abgefroren. Schlafen ist gefährlich, denn die "Duchi" (tschetschenische Rebellen - die Red.) bringen Dich nachts mit bloßen Händen um. Und am Tag schläfst Du vier Stunden - dann wieder auf Posten.
Weißt Du, wie man ihre Scharfschützen abknallt? Wenn Du annimmst, sie könnten irgendwo in diesem Wohnhaus Dir gegenüber sitzen, aber wo genau? Dann such mal! Wir gehen so vor: Tür aufstoßen, Handgranate zünden, Feuerstöße aus der Mpi. Dann erst siehst Du nach, wie und was. Ich weiß nicht, wie viele Zivilisten so schon umgekommen sind. Das wünsche ich keinem Feind.
Weißt Du, welchen simplen Traum ich habe? Mich in einer Badewanne zu waschen und danach zu Hause ins warme Bett zu legen ...

Verfasser: Vladimir D. aus Moskau




Es juckt in den Fingern

17. März 2002


Meine Lieben,
wir kehren wieder in die Berge zurück. Ich habe gehört, dass man im Fernsehen sagt, der Krieg sei zu Ende, man habe damit begonnen, die Truppen wieder in ihre Standorte zu verlegen. Aber die Kämpfe gehen weiter, bloß unter noch schwereren Bedingungen.
Ich bin sehr müde und habe die Schnauze voll, so zu leben und mir mein Blut von Läusen aussaugen zu lassen. Am 5. Februar sind ungefähr hundert Kameraden nach Hause geschickt worden, aber alle anderen blieben hier. Für die gilt: Dahinsiechen und auf ihre Stunde warten. Es tut weh, wenn Jungs meines Jahrganges, die längst wieder zu Hause sein müssten, tot oder verwundet zurückgebracht werden. Es juckt mir in den Fingern, zu meiner MP zu greifen und alle über den Haufen zu schießen. Ja, Mutter, Du hast ja Recht mit dem Geld, es ist auch schon einiges zusammengekommen ...
Aber meine Stimmung. Welche Stimmung eigentlich, zum Teufel? Der Dienst geht eben weiter, bis wir alle krepieren. Ich habe Euch lieb und küsse Euch. Erwartet mich nicht so bald. Irgendwann kommen wir schon zurück. Grüß Irinka, ich hab´ große Sehnsucht nach ihr!! Und nach Euch!!

Verfasser: Vladimir N.




Geschweige denn kämpfen

ohne Datum


Lieber Mutter!
Wie man einen Schützenpanzer steuert, das haben wir noch kurz vor der Abkommandierung nach Mozdok (Ort im Norden Tschetscheniens - d. Red.) gelernt. Was weiter kommt, weiß ich nicht. Mich zu drücken, hatte ich weder Zeit noch Gründe. Wohin wir fahren, haben wir erst erfahren, als wir schon 24 Stunden unterwegs waren.
Mutter, weißt Du, ich habe erst jetzt kapiert, dass ich in der Armee nichts verloren habe. Da ist so ein Bengel erst zwei Monate dabei, und schon sitzt er bei mir auf dem Schützenpanzer. Er kann noch nicht einmal schießen, geschweige denn kämpfen! Er hat keinen blassen Schimmer, an welches Ende der Welt sie ihn hier geschickt haben. Die Nummer meiner Erkenntnismarke - der "smertnika" - ist F-926411, die Nummer eines "Todeskandidaten", weißt Du.
Herzliche Grüße von mir an die Mädels zum 1. September, hoffentlich haben sie Verständnis für mich.

Verfasser: Aleksej M. 19 Jahre alt, aus dem Gebiet von Twer; inzwischen im Kampf gefallen




Nachts unterwegs

25. April 2002


Guten Tag, Natasa!
Es tut mir leid, dass ich mich nicht verabschiedet habe, es geschah alles irgendwie im Laufschritt. Wir leben hier völlig isoliert. Zeitungen bringt nur der Zampolit (Polit-Stellvertreter des Kommandeurs - die Red.) und die sind eine Woche alt.
Hier ist nichts organisiert. Hart ist es nicht wegen des Alltags im Krieg und der anderen Schwierigkeiten, sondern weil es keine Rückmeldung gibt. Wir haben das Gefühl, man hat uns hier abgesetzt und vergessen, dass wir existieren. Wenn ich vorher gewusst hätte, was ich jetzt weiß, hätte ich nicht den geringsten Wunsch verspürt, hierher zu kommen.
Die Einheimischen bitten uns regelmäßig um medizinische Hilfe, bringen uns Kinder und werdende Mütter; wenn wir jedoch am Tag durch die Stadt fahren, dann können wir den allgemeinen Hass geradezu spüren. Wären wir dort nachts unterwegs, würde man uns einfach alle machen. Da ist es völlig egal, ob du eine Frau und eine Ärztin bist. Für sie sind wir alle Feinde ...

Verfasserin: Larissa S., Militärärztin




Aus Spaß

Ohne Datum


Lieber Vater!
Ich weiß nicht, ob Du Mutter gesagt hast, wo ich hingeraten bin. Zwei Monaten nun schon habe ich in diesem idiotischen Krieg zugebracht. Idiotisch deshalb, weil hier im Hinterland noch mehr geschossen wird als an der vordersten Linie. Und es ist besonders aufbauend, wenn Du Dich auch noch mit den eigenen Leuten herumschlagen musst, mit den Soldaten der Luftlandetruppen oder mit den OMON-Leuten (Spezialeinheit des russischen Innenministeriums - die Red.)
Nachts ist die Stadt voller Wachtpatrouillen. Jeder hat den Befehl, sofort scharf zu schießen. Und herum streunende besoffene Schwachköpfe gibt es hier leider zur Genüge. Mit der Munition steht es bestens - nimm, so viel Du tragen kannst. Am besten aber, Du bist auf einem Schützenpanzer unterwegs.
Wir müssen in den Wohnbunkern oder einfach auf freiem Feld campieren. Manchmal sind wir auch in luxuriösen Häusern untergebracht, sitzen auf persischen Teppichen und verfeuern Mahagoni. Wir essen Perlgraupen mit getrocknetem Brot einmal pro Tag. Das geschieht aber selten, denn in den Städten kommt es uns wie in den besten Restaurants von London oder Paris vor.
Dieser Krieg hat viele Militärs zu Millionären gemacht. Und wir? Wir können alle diese Luxusfernseher, Videorecorder und Möbelgarnituren nur mit dem Messer zerstechen oder darauf ein paar Magazine abfeuern - aus Spaß. Und für ein neues Importauto gibt es eine Handgranate. Das geht sowieso verloren.
Was hier alles zerstört wurde, einfach so, aus Langeweile - von Privathäusern bis zu Fabriken. Wirklich, ein idiotischer Krieg! Und was drucken die Zeitungen? Sie erfinden wahrscheinlich alles selbst, denn hier sind die Redakteure nie gewesen ...

Verfasser: Nikolai. N.



Auswahl und Dokumentation: Alexander Proskurjakow/Lutz Herden
00:00 30.08.2002

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