Wo die rohen Eier fliegen

Gewalt Körperliche Angriffe, weniger Kunden, aber mehr Polizeikontrollen: Corona belastet trans Sexarbeitende in Berlin stark. Ein Ortsbesuch

An einem Sonntagabend im November sitzt ein Mann vor dem verschlossenen Eingang einer Kunstgalerie an der Kurfürstenstraße und redet mit sich selbst. Neben ihm ein Tetrapak Sangria. Vor ihm steht Caspar Tate von Trans*Sexworks, einem Netzwerk von und für trans Sexarbeitende in Berlin. Wie jeden Sonntag verteilt Caspar auf einem Lastenrad Kondome, medizinische Masken, Feuchttücher und andere Spenden an Sexarbeitende. Und wie jeden Sonntag möchte er dort, wo gerade der Mann vor der Galerie sitzt, mit der Berliner Obdachlosenhilfe Biertische aufbauen, um darauf warmes Essen auszugeben. Der Mann aber möchte bleiben – und fängt an zu brüllen.

Plötzlich schüttet jemand von einem Balkon über der Galerie einen Eimer Wasser auf den schreienden Mann. Und noch mal. Der Mann wiederum zückt ein Kettenschloss, holt aus, schlägt nach Caspar. Dieser weicht aus, rennt weg, der Mann hinterher. Dann schlägt er wieder nach Caspar, trifft ihn am Rucksack. Erst als ein Anwohner von oben „Ruhe“ brüllt, zieht der Randalierer ab.

Kaum Hilfe von der Stadt

Schon immer werden Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Straßensexarbeit verdienen, angefeindet, bedroht, diskriminiert. Doch die Pandemie hat ihre Lage verschlimmert. Zwischen Oktober 2020 und September 2021 wurden weltweit 375 trans und genderdiverse Personen getötet – so viele wie noch nie. Mehr als die Hälfte von ihnen waren Sexarbeitende.

Auch in Berlin wird die Lage immer problematischer. Mehr Polizeikontrollen; weniger Kunden, die dann auch noch weniger bezahlen wollen. Kaum Hilfe von der Stadt, geschweige denn vom Staat. Stattdessen hat dieser im vergangenen Jahr zweimal ein pandemiebedingtes „Sexarbeitsverbot“ verhängt, das die Geschäfte ins Verborgene und manche Menschen in die Obdachlosigkeit drängte. „Der Straßenstrich ist auf sich allein gestellt“, erklärt Caspar. Das war auch der Grund, warum er und sein Team anfingen, jeden Freitag, Samstag und Sonntag nicht nur an trans Frauen in der Frobenstraße Spenden zu verteilen, sondern an alle Frauen, die hier nachts arbeiten. Der Strich liegt direkt um die Ecke der berühmten Kurfürstenstraße, die seit mehr als hundert Jahren von Sexarbeit geprägt ist.

Um dem Mann mit dem Kettenschloss auszuweichen, zieht an diesem Sonntagabend die Essensausgabe einen Häuserblock weiter, zur Zwölf-Apostel-Kirche. Dort bauen Ehrenamtliche der Berliner Obdachlosenhilfe das gespendete Essen auf: Reis mit Huhn, vegetarische Suppe, Quark mit Blaubeeren, belegte Brote – süß und herzhaft, Lebkuchen oder Erdbeer-Popcorn aus Tüten. Aber nicht nur die Pandemie hat die Probleme hier verschärft.

An den Straßenstrich ziehen auch immer mehr Menschen, die sich an ihm stören oder ihn schlichtweg beseitigen wollen. Caspar erzählt von Glasflaschen und rohen Eiern, die aus Fenstern oder Autos auf der Frobenstraße landen, wo trans Frauen arbeiten. Die meisten von ihnen sind migrantisch. Er erzählt auch von Angriffen mit Messern oder Pfefferspray. Von trans Frauen, die zusammengeschlagen, angespuckt oder von Autos angefahren wurden. Mit seinen 22 Jahren ist Caspar selbst schon zahlreiche Male angegriffen worden.

Zum Foto

Die Fotoserie "Kurfürstenstraße" ist ein Porträt der Gegend rund um die Kurfürstenstraße in Berlin. Ein Areal, dass schon seit mehr als 130 Jahren für sein Prostitutionsgewerbe bekannt ist. Als Anwohnerin der Kurfürstenstraße hatte die Fotografin Kathrin Tschirner schnell das heterogene Nebeneinander vom Straßenstrich und dem eigenen gelebten Alltag akzeptiert. Ein kurzes Treffen mit einer Frau war für sie 2013 der Anstoß dies zu ändern und im Frauentreff 'Olga' als Ehrenamtlerin anzufangen. Diese Einblicke durch die Frauen selbst und das langsame Einfinden über einen Zeitraum von anderthalb Jahren, erlaubten ihr, ein Gefühl für diese neue und unbekannte Welt zu entwickeln

Fragt man die Pressestelle der Berliner Polizei, ob sich in der Frobenstraße durch Corona etwas geändert habe, schreibt sie von einer Zunahme des „Beschwerdeaufkommens durch Anwohnende“. Und meint damit Ruhestörungen durch den „Freier-Suchverkehr“. Auch Verschmutzungen durch Kot und Kondome würden von den Anwohnern kritisiert. Wie stark sich der Kiez rund um die Kurfürstenstraße in den vergangenen Jahren verändert hat, weiß Lonneke Schmidt-Bink. Sie ist die Leiterin des Frauentreffs Olga, einer Beratungsstelle für Frauen und trans Frauen, die auf dem Strich arbeiten: „Fakt ist, dass hier Gentrifizierung zu sehen ist – und damit auch ein Prozess der Verdrängung.“ Statt die Sexarbeiterinnen verdrängen zu wollen, fordert sie sichere Orte. „Viele Probleme würden sich deutlich reduzieren, wenn es mehr Konsumräume, Verrichtungsboxen, Rückzugsräume und Übernachtungsmöglichkeiten geben würde. Für soziale Projekte ist es aber extrem schwierig geworden, Räumlichkeiten zu finden.“ Früher habe es in der Gegend viele Brachen gegeben, auf denen „verrichtet“ oder konsumiert werden konnte. Inzwischen sei jede Freifläche verbaut, viele Stundenhotels verschwunden. „Es ist dann eben unausweichlich“, schlussfolgert Schmidt-Bink, „dass sich die Sexarbeit an zu sichtbare Orte verlagert.“

Blut, Dreck, benutzte Spritzen

Eine junge Frau mit blonden Dreadlocks springt aus dem Auto eines Freiers, als sie das Lastenrad von Trans*Sexworks sieht. Caspar fragt sie: „Hey, alles gut?“ Die Frau bejaht, die beiden kennen sich schon von den nächtlichen Versorgungstouren. „Ich muss mich nur beeilen“, sagt sie und blickt rüber zu ihrem Kunden. Hektisch nimmt sie eine Handvoll Kondome aus der Box von Caspars Fahrrad, dann noch eine Maske, Taschentücher, ein eingepacktes Sandwich – und steigt zurück ins Auto. Der Freier drückt aufs Gaspedal, dann verschwinden beide in die Berliner Nacht.

Erst nach etwa einer Stunde steht das Lastenrad an seinem eigentlichen Einsatzort: bei den trans Sexarbeiterinnen in der Frobenstraße. Wenige Meter davon entfernt steht ein Plumpsklo. „Eco Toiletten“ steht auf der hölzernen Kabine. Insgesamt sind vier solcher mobilen Toiletten auf dem Straßenstrich verteilt. Caspar schüttelt den Kopf. „Sowas ist menschenverachtend!“ Er erzählt von Blut, Dreck, benutzten Spritzen und zu wenigen Reinigungen. „Mit diesen Toiletten ist den Sexarbeiterinnen auch nicht geholfen!“ Ihm und seinem Team schwebt ein „Nachtcafé“ für trans Frauen vor, in dem sie Schutz suchen, sich umziehen oder ausruhen können. Sie hätten schon eine Zusage für einen leerstehenden Eckladen an der Bülowstraße erhalten. Aber seitdem hätten sie trotz Nachfragen, auch seitens des Bezirks, nichts mehr von dem kommunalen Wohnungsunternehmen gehört. Dabei bezeichnet sich dieses auf seiner Website als „die ganze Vielfalt Berlins“.

Gerade für Menschen mit geringem Einkommen oder eben für solche sozialen Einrichtungen ist der Berliner Wohnungsmarkt wie verriegelt. Auch in der Kurfürstenstraße stand bis vor kurzem ein großer Eckladen über zwanzig Jahre leer. Nun ist dort die Kunstgalerie „Heidi“ drin. Fragt man die Galeristin Pauline Seguin, wie sie mit dem Straßenstrich umgeht, antwortet sie: „Für mich ist es die Straße der Sexarbeiterinnen und nicht meine. Insofern habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn sie vor der Galerie stehen, am Eingang sitzen oder die Ausstellung besuchen. Im Gegenteil. Sie waren vor mir hier und sie werden hoffentlich noch nach mir hier sein.“ Eine Sexarbeiterin habe ihr sogar mal ihre Zeichnungen gezeigt. Doch so freundlich wie Seguin sind nicht alle.

Direkt unter der Hochbahn, wo die Frobenstraße die Bülowstraße kreuzt, nah am Nachtcafé, das noch keins ist, steht in dieser Nacht Ramona, eine trans Sexarbeiterin mit lila Plüschjacke, Lippenstift und langgelockter Perücke in Platinblond. Hier wartet sie jede Nacht auf Freier. Sie ist 20 Jahre alt und stammt aus Osteuropa. „Meine Familie weiß nicht, wer ich hier bin und was ich hier mache“, erzählt sie und möchte daher nicht ihren echten Namen verraten. Auf einer nahegelegenen Parkbank nimmt sie Platz. Vor allem mehr Freier habe es vor der Pandemie gegeben, die regelmäßig in ihrer Mittagspause zum Strich gefahren seien. „Jetzt sind sie in Kurzarbeit, haben weniger Geld oder Angst, sich mit Corona anzustecken.“ Ramona erzählt von einem ausbleibenden Stammkunden, der immer alle zwei Wochen zu ihr gekommen sei. Einer, der ihr für vier Stunden 500 Euro gegeben habe – eine Summe, mit der sie zwei Wochen das Hotelzimmer bezahlen konnte, in dem sie lebt. „Aktuell gibt es weniger Kunden. Und die wollen dann auch noch weniger zahlen“, erzählt sie. Im vergangenen Jahr, als ihr die Kunden teilweise komplett ausblieben, half ihr ein Notfallfonds, den der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) ins Leben gerufen hatte. Neben finanziellen Sorgen hat Ramona auch mit gezielten Angriffen zu kämpfen, die seit der Pandemie zugenommen hätten. Oft würden alte Leute sie beleidigen, junge Leute sie auch körperlich angehen. Flaschen und Pfefferspray habe sie schon mehrmals abbekommen, Jugendliche auf E-Scootern und ein Mann im Auto hätten sie schon angefahren. Etwa einmal in der Woche würde sie Gewalt erfahren – ausgenommen die Gewalt, die manchmal von Kunden ausgeht. „Aber es sind nicht nur Männer“, sagt Ramona. Sie habe auch schon rohe Eier von Frauen abbekommen, die im Auto an ihr vorbeigefahren sind. „Das Problem ist: Die Leute denken, wir sind nicht stark.“

Auch auf die Polizei ist Ramona nicht gut zu sprechen. Nicht nur, weil sie im vergangenen Jahr hart gegen sie und andere trans Sexarbeiterinnen vorgegangen sei. Sie erzählt von einem konkreten Vorfall: „Vor etwa drei Monaten ist ein Polizeibus langsamer gefahren, als sie mich sahen. Als sie auf meiner Höhe waren, meinte einer aus dem Auto heraus: ‚Hier ist Aids.‘ Die anderen Polizisten im Bus haben dann gelacht.“

Wenn Ramona von solchen Erfahrungen spricht, wirkt sie plötzlich sehr kühl, so als hätte sie viele Abwehrmechanismen aufgebaut. Lonneke Schmidt-Bink vom Frauentreff Olga meint dazu: „Viele Sexarbeiterinnen sind solche Vorfälle schon so gewöhnt, dass sie sie gar nicht mehr melden.“ Vor allem dann, wenn sie schon schlechte Erfahrungen mit der Polizei hier oder in ihrem Heimatland gemacht hätten.

Als Ramona wieder an ihrem Arbeitsplatz unter der Hochbahn steht, sagt sie: „Mir ist kalt.“ Und: „Ich möchte doch einfach nur, dass die Leute meine Arbeit als Arbeit akzeptieren.“ Wer so viel Ablehnung und Demütigung erfährt, muss sich einen gewaltigen Schutzpanzer aufbauen, um weiterzumachen. Nicht alle schaffen das. Erst im September verbrannte sich eine aus dem Iran geflüchtete trans Frau öffentlich am Berliner Alexanderplatz.

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