„Wollen wir Mode konsumieren wie Fast-Food?“

Interview Otto von Busch wünscht sich Kleidung, die ihre Produktionsbedingungen reflektiert

Was Modeindustrie mit Fleischkonsum zu tun hat und warum ein Designer mehr wie ein Therapeut denken sollte, um nachhaltig zu sein – erklärt Professor Otto von Busch von der Parsons School for Design an der New School in New York.

der Freitag: Otto von Busch, wie steht es mit der Nachhaltigkeit in der Modeindustrie? Verändert sich die Produktion von Kleidung? Oder ist das Verkaufs-PR?

Otto von Busch: Die Frage ist ja: Was genau wollen wir nachhaltig machen? Zu oft behandeln wir die derzeitige Art, Mode zu produzieren und zu konsumieren, als feste Form. Wenn wir dann nur die Umweltzerstörung verringern und in den Produktionsländern existenzsichernde Löhne zahlen, glauben wir, wir haben ein ideales System. Solche Nachhaltigkeit zielt nur darauf ab, das existierende System ein wenig zu optimieren.

Wie lässt sich das ändern?

Wir müssen überlegen, ob wir wirklich ein System des Billig-Konsumismus erhalten wollen, in dem ein Kleidungsstück kaum mehr als ein Kaffee kostet. Ich weiß wahrscheinlich mehr über die Herstellung meines Kaffees als über die meiner Kleidungsstücke.

Nachhaltigkeit ist für uns als Konsumenten also nicht zentral?

Ich will auf etwas anderes hinaus: Wir brauchen eine vielfältigere kulturelle Verbindung zu Kleidung. Wollen wir die „celebrity culture“ erhalten, den Elitismus, das implizite Prinzip von Gewinnern und Verlierern? Wollen wir die Trennung zwischen Designer, Produzent und Konsument? Kann man diese Grenzen aufheben? Wie würde eine erfüllendere Art, sich mit Mode zu beschäftigen, aussehen?

Ja, wie?

Derzeit behandeln wir Mode wie Fast Food. Im Moment bedeutet selbst nachhaltige Mode einen fortlaufenden Fluss von immer mehr neuer Kleidung. Aber wir müssen die Dinge drastisch verändern.

Hört sich nach einem fundamental anderen Verständnis von Mode an.

Ja. Wir sollten uns fragen: Wie viel wollen wir konsumieren? Ist Kleidung wirklich Teil einer kontinuierlichen Repräsentation unserer selbst? Indem wir solche Fragen stellen und systematisch über Alternativen nachdenken, können wir eine andere Art entwickeln, Kleidung zu entwerfen, herzustellen und sich mit ihr zu beschäftigen.

Wie würde das aussehen?

Nehmen Sie die klassische Antwort: Wir sollten weniger konsumieren und frugaler sein. Vivienne Westwood zum Beispiel fordert: „Kauft weniger Kleidung, dafür wertvollere, ihr zahlt mehr, aber seltener.“ Aber Westwood und ähnliche Marken bieten kein Bezahlmodell an, mit dem ich und andere diese Kleidung kaufen könnten.

Sie meinen Ratenzahlung?

Genau, wie für ein Auto. Mit Monatsraten könnte ich diese fantastischen, nachhaltigen und langlebigen Stücke bezahlen. Wir müssen auch andere Dienstleistungsmodelle finden. Genauso wie wir zertifizierte Automechaniker haben, müsste es Reparaturen und Ersatzteile für Alltagskleidung geben. Sonst tappen wir in die Elitismus-Falle.

Indem wir bei der Umweltverschmutzungsdebatte die horrenden Wachstumsraten im mittleren Preissegment diskutieren?

Solange wir keine Alternative zum gegenwärtigen Konsum finden, werden wir einfach ärmere Menschen im globalen Norden beschuldigen, das Elend in Produzentenländern zu vertiefen. Indem wir einfach sagen, „kauft weniger“, schließen wir einen großen Teil der Bevölkerung aus. Wir müssen Mode für Menschen zugänglich machen, die damit gesellschaftlichen Aufstieg erreichen wollen. Arme Menschen benötigen Bestätigung, positive Aufmerksamkeit und die soziale Mobilität, die Mode ermöglichen kann. Gegenwärtig werden sie und die Mittelklasse für die Zerstörung von Umwelt und Lebensbedingungen in den Produzentenländern verantwortlich gemacht. Oft bestätigt das Label Nachhaltigkeit nur den Status derjenigen, die ihn bereits haben: Reiche können sie sich leisten, andere werden ausgeschlossen.

Die Produktion von Luxusgütern funktioniert nach demselben Industriemodell, nur exklusiver.

Heute haben ärmere Menschen mehr Zugang zu Konsumgewohnheiten, die vorher Begüterten vorbehalten waren. Also diskutieren wir sofort soziale Fragen, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen: Wer hat Zugang zu was? Wer verdient was? Ich denke nicht, dass wir glauben sollten, Luxusgüter seien nachhaltiger. Sie sind nur teurer.

Zur Person

Otto von Busch unterrichtet Alternative Modestrategien an der Parsons The New School for Design in New York. Zusammem mit Karl Palmas hat er den Begriff des Realdesigns – analog zur Realpolitik – entwickelt: Design, das sich nicht darum kümmert, wie die Dinge sein sollten, sondern wie sie sind, das heißt also mit Macht, Korruption, Täuschung und Gewalt verknüpft. Realdesign will – davon ausgehend – Möglichkeiten des Widerstands und der Veränderung eröffnen

Können Sharing-Modelle helfen?

Manche schon. Einige Marken stellen diese Frage. Es gibt Ketten, die eigene Geschäfte für ihre Retouren als Second-Hand-Kleider haben. Es gibt viele Initiativen, Stoffe werden geschreddert, daraus neues Garn hergestellt. Das sind Anfangspunkte. Transparenzprinzipien werden diskutiert. Es gibt aber noch nicht viele Initiativen, die explizit die sozio-ökonomischen Bedingungen angehen, die es bräuchte, um nachhaltige Mode zugänglicher zu machen.

Im Schnitt kaufen Menschen 40 Prozent mehr Kleidung als vor zwanzig Jahren. Sie erwähnen Transparenz. Das soll eine moralische Ressource mobilisieren, Kaufentscheidung beeinflussen.

Ohne Transparenz können wir die Details nicht sehen und diskutieren, die wir ändern müssen. Gleichzeitig ist Transparenz aber auch eine Täuschung. Unternehmen wollen mit Transparenz Dinge ins Licht stellen, die für sie günstig sind. Unterschiedliche Organisationen haben verschiedene Prinzipien, verschiedenen Zertifikate ..

Etwa über existenzsichernde Löhne?

Genau. Aber damit erfüllen wir erst einmal nur Anforderungen und Werte, mit denen westliche Organisationen den Planeten, oder zumindest die Lieferketten überziehen. Existenzsichernde Löhne sind natürlich toll für Fabrikarbeiter und unterstützenswert. Aber es gibt andere Fragen, ganz banale Alltagsarrangements zum Beispiel wie die Vorhersehbarkeit von Arbeitsstunden, Kinderbetreuung, Transport, Unterkunft, die wesentlich für eine Verbesserung der Lebensumstände sind. Die werden von dem Transparenz-Modell überhaupt nicht erfasst.

Warum produzieren und kaufen wir nicht längst viel mehr ethisch produzierte Kleidung?

Natürlich gibt es ein moralisches Gebot: Wir sollen tugendhaft sein. Aber das scheint hier nicht zu greifen. Ich weiß, dass es eine unglaubliche Menge an Leid gibt, furchtbare Arbeitsbedingungen, schlecht bezahlte Jobs und jede Menge misshandelter und getöteter Tiere in der Fleischindustrie. Trotzdem esse ich immer noch Wurst und trage Lederschuhe.

Der Aufruf zur Tugendhaftigkeit verpufft?

Auf jeden Fall. Ich fürchte, er produziert neue Formen von Elitismus, indem eine gewisse Gruppe sich damit hervortun kann, dass sie es sich leisten kann, tugendhaft zu sein, bestimmte Produkte zu kaufen. Und das ist verbunden mit Missgunst nicht nur gegenüber den wirtschaftlich Marginalisierten, sondern den modemäßig Abgehängten. Es gibt eine Form von Anmaßung, die erst mit der scheinbaren moralischen Überlegenheit entstanden ist, die nur einigen wenigen zur Verfügung steht. Modedesigner müssen sich dessen viel mehr bewusst werden.

Wie?

Indem sie verstehen, was sie tun und für wen. Wenn sie Anzüge für Geschäftsleute herstellen, kann es sein, dass sie ein paar Menschen finden, die sich für umweltbewusst und fair hergestellte Kleidunginteressieren. Aber vor allemdienen diese Anzüge dazu, Macht, Hierarchie, Prestige darzustellen. Als Designer müssen wir viel vorsichtiger damit umgehen, was wir produzieren, welche Werte wir damit hochhalten. Zugleich ist Mode immer ein Spiel mit Sünde und Tugend, mit dem, was verboten ist. Das kann Teil des Appeals sein. Aber wir müssen verstehen, in welchem Maße wir einem Kunden das in die Hand geben wollen. Was aber, wenn wir eine viel beglückendere Art zu konsumieren finden könnten?

Wie sähe die aus?

Wir konsumieren Mode, so wie wir Fleisch essen, ohne Gedanken an das Leid, das damit verbunden ist. Vegan zu leben, ist eine Art, sich dem zu widersetzen. Eine andere wäre es, sich der Produktionsbedingungen viel bewusster zu werden. Muss ich ein Tier selber töten, um mir meiner Beziehung zum Fleisch bewusst zu werden? Analog dazu: Muss ich meine eigene Kleidung herstellen, um ihren Wert zu verstehen? Oder können wir uns gehaltvollere Rituale vorstellen, Fleisch oder Kleidung zu konsumieren? Mode könnte doch so sein wie frisch geschnittene Blumen ...

Kein nachhaltiges Gewerbe, oder?

... richtig, das muss aufhören! (lacht) Das ist die frugale Antwort. Aber Menschen, die frische Blumen schätzen, ihren Duft, sehen sie als etwas an, das Schönheit und Lust verbreitet. Kann Kleidung das nicht? Uns sinnlich bereichern?

Wie könnten wir denn unsere Beziehung zu Kleidung verändern?

Wir könnten viel intimere und persönlichere Beziehungen mit Design und Designern eingehen. Ein Designer könnte mich kennenlernen, verstehen, was meine Wünsche und Sehnsüchte sind. Unser derzeitiges Modell gründet auf einem ziemlich miesen psychologischen Spiel, das unser Selbstwertgefühl ständig untergräbt, damit wir wiederkommen und mehr kaufen. Stattdessen könnte Mode ermutigend sein, unser Selbstbewusstsein stärken. Der Designer könnte eher so was wie ein Friseur oder ein Therapeut sei.

Nur würde das der Modeindustrie als Industrie entgegenlaufen?

Vielleicht suche ich einen komplementären Teil dazu. Ich kann doch zu einem Designer gehen, der mein altes Kleidungsstück auffrischt, repariert. Wir kehren zur Ausgangsfrage zurück: Wollen wir eine Industrie unterstützen? Oder das Wohlbefinden der Konsumenten und damit auch der Produzenten fördern?

06:00 09.04.2019

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