Woraus besteht das Zelt?

Im Gespräch Der Ethno-Psychoanalytiker Vamik Volkan über die Psychologie der Großgruppen, über Krieg und eine neue Renaissance

FREITAG: Sie veranstalteten kürzlich in Wien die Tagung "Psychoanalyse und Politik: Gewalt, Aggression, Regression". Ist es richtig, dass Sie die Rolle der Psychoanalytiker bei den dramatischen internationalen Konflikten stärken wollen?
VAMIK VOLKAN: Es war unser Ziel, Freuds Gedanken auf die sogenannten "Großgruppen" - wie etwa religiöse, ethnische und nationalistische Gruppen - auszudehnen. Wir stellten uns der Frage: Wie ist das Verhältnis von Großgruppe und Aggression zu bestimmen? Als Sigmund Freud seine Texte über Krieg und Aggression verfasste, ließ er sich von der inneren Welt der Individuen leiten. Wenn er über Großgruppen schrieb, dann fragte er sich, was diese Gruppen für das Individuum bedeuten. Dagegen streben wir heute an, eine Psychologie der Großgruppen zu begründen. Damit möchten wir gewährleisten, dass Psychoanalytiker, die Feldforschung in den weltweiten Konfliktherden betrieben haben, ihre Erfahrung in diplomatischen Prozessen einbringen können. Unser Ziel besteht also darin, Psychoanalytiker, die mit ethnischen und religiösen Konflikten vertraut sind, mit Diplomaten, die sich für neue Kommunikationsformen interessieren, zusammenzubringen.

Meinen Sie, dass Psychoanalytiker tatsächlich zu einer besseren Verständigung in der Welt beitragen können?
Die Psychoanalyse als solche kann nur wenig beitragen. Natürlich haben es Psychoanalytiker in ihrer Praxis ausschließlich mit Individuen zu tun. Außerhalb meiner eigenen Praxis beschäftige ich mich aber auch mit "Feindgruppen", so genannten enemy-groups. Ich bringe führende Vertreter dieser Gruppen zusammen, um sie zu einem Dialog zu bewegen. Beispielsweise besuchte ich mehrmals palästinensische Flüchtlingscamps. Aufgrund dieser Erfahrung konnte ich die Faktoren studieren, die für die Gewaltbereitschaft bei ethnischen oder religiösen Gruppe ausschlaggebend sind.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich folgendes Bild wählen: Stellen Sie sich ein riesiges Zelt vor. In ihm sind Tausende, ja Millionen Menschen versammelt - allesamt Individuen mit ihren eigenen seelischen Verfassungen. Das Zelt ist auf einen Pol, einen Führer ausgerichtet. Die Menschen sind alle Individuen, sie tragen ihre eigene Kleidung und haben ihre eigenen Identitäten. Aber jeder trägt auch ein Stück der Zeltleinwand als zweites, gemeinsames Kleidungsstück. Das ist die Großgruppen-Identität etwa von Arabern, Juden oder Christen. Entsteht nun eine Krise - dies passiert, wenn der Führer schwach ist oder wenn jemand das Zelt von außen mit Dreck bewirft -, dann beobachtet man immer die gleichen Verhaltensweisen: Die Menschen geben ihre eigene Identität auf und sorgen sich stattdessen darum, die Zeltleinwand zu schützen und zu reparieren. Geht man in die Flüchtlingslager oder Feindgruppen, um mit den Menschen ihre Probleme zu diskutieren, wird man immer das Gleiche beobachten: Sie würden alles tun, um ihre Großgruppen-Identität zu bewahren.

Vielerorts fühlen sich Muslime von westlichen Verhaltensweisen angegriffen. Meinen Sie, dass Konflikte zwischen arabischen und westlichen Kulturen anwachsen werden?
Leider muss man feststellen, dass die Probleme zunehmen werden, da weltweit die regressiven Tendenzen voranschreiten. Als Psychoanalytiker bevorzuge ich folgende Beschreibung: Es gibt einen Kampf zwischen dem Es - übersteigerte Emotionen, Sadismus, Masochismus, Mord - und dem Über-Ich - dem "das darfst Du nicht tun", "ich werde Dich schlagen". Bei all dem gibt es nirgendwo einen Platz für das Ich, das sich wundern könnte: "Was um alle Welt geht hier vor?" Es gibt keine Chance für Dialog.

Wie können denn Dialoge zwischen verfeindeten Parteien entstehen?
Solche Fragen lassen sich wunderbar intellektuell durchspielen, aber in Wirklichkeit sind die emotionalen Blockaden immens. Fragen Sie mich am besten nicht, wie ich diese Dialoge beginne. Eines kann ich Ihnen mit Sicherheit beantworten: Wenn man darauf verzichten würde, lediglich fünf Bomben zu bauen und das freigewordene Geld - vielleicht eine Million Dollar oder weniger - einer interdisziplinären Gruppe gäbe, einer Gruppe, wie ich sie fast 20 Jahre lang in den Vereinigten Staaten geleitet habe, und den Dialog zwischen den verfeindeten Parteien begänne, dann wäre außerordentlich viel erreicht. Es dreht sich alles darum, einen Dialog zu eröffnen, einen Kommunikationsraum zwischen den sich bekriegenden Parteien herzustellen. So können die Menschen ihre psychischen Realitäten verstehen. Und die Fehler in einen Dialog einbringen - nicht in einen intellektuellen, aber in einen emotionalen Dialog.

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Seit dem 11. September konnte ich feststellen, dass sich die Feinde immer dann, wenn Krisen dauerhaft und ausweglos werden, einander angleichen. Das geschieht überall. Damit meine ich nicht, dass sich die Vereinigten Staaten in die Taliban verwandeln und grauenhafte Anschläge verüben. Ich denke vielmehr, dass sich die Feinde im Verlaufe bestimmter Prozesse angleichen. Derzeit gibt es keine interdisziplinäre und nicht-politische Gruppe, die sich den drängenden Fragen zuwendet und dazu beiträgt, dass diese Menschen eine empathische Vision und eine heilende Sprache hervorbringen können. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Entwicklung zu unterstützen.

Sie haben sich jahrelang mit dem Phänomen der Selbstmordattentäter in der islamischen Welt auseinander gesetzt. Wie wird sich dieses Gefahrenpotenzial entwickeln?
Selbstmordattentäter werden aufgrund bestimmter Erfahrungen, zugefügter Erniedrigungen und Traumata ausgewählt und zwei Jahre lang ausgebildet. Diese systematische Erziehung zielt darauf ab, sie zu Wortführern der Großgruppe zu machen. Schließlich schleicht sich die Religion ein, die sie sich an die Illusion klammern lässt, nach dem Selbstmordattentat nicht wirklich zu sterben, sondern im Himmel die geeignete Frau für die Hochzeitszeremonie zu finden.

Heutzutage ist das islamische Zelt erschüttert. Sie können die islamischen Selbstmordattentäter nicht aufgrund ihrer individuellen Psychologie verstehen. Denn sie verhalten sich gemäß der Großgruppen-Psychologie. Normale, selbstmordgefährdete Menschen besitzen ein schwaches Selbstwertgefühl. Dagegen haben Selbstmordattentäter ein hohes Selbstwertgefühl, weil sie zum Wortführer der Großgruppe aufsteigen. Es ergibt keinen Sinn, zu ein, zwei oder vielleicht hundert Selbstmordattentätern zu gehen, bevor sie uns töten. Die Strategie muss vielmehr lauten: "Wie können wir verstehen, woraus die Zeltleinwand besteht? Welche Wunden sind dort vorhanden? Was können wir unternehmen, um die Zeltleinwand zu befestigen?"

Warum ist es für den Psychoanalytiker aussichtslos, den Einzelnen therapieren zu wollen?
Wir müssen erkennen, wie die Großgruppen-Psychologie funktioniert und aus der Regression herausgeführt werden kann. Ich habe auch das Leben von Osama bin Laden studiert. Man kann daran sehen, wie die Psyche von Führern unter bestimmten Bedingungen durch historische Prozesse beeinflusst wird. Die Umstände seiner Kindheit machen es verständlich, dass aus bin Laden ein rachsüchtiger Mensch geworden ist. Heute sind es Tausende und Abertausende radikale Muslime, die es ihm gleichtun. Wir müssen verstehen: Weshalb folgen diese Menschen diesem Wahnsinn? Welche Wunden haben sie? Wie können wir erreichen, sie nicht zu erniedrigen? Wir brauchen eine neue Vision, um die Welt zu verstehen. Aber auch, um die Menschen besser zu verstehen, die derart grauenvolle Dinge tun. Wenn wir einfach das Böse verurteilen, dann werden wir niemals dahin gelangen, die Handlungen dieser Menschen zu studieren. Sehen wir aber hinter diesen Handlungen die Menschen, dann können wir versuchen zu erforschen, was sie so furchtbar macht. Außerdem können wir Strategien entwickeln, die darauf abzielen, sie zu befrieden.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung von 40.000 Mitgliedern der iranischen Revolutionsgarden, sich als Selbstmordattentäter zu opfern, falls die Amerikaner einen militärischen Angriff ausführen sollten?
Dies überrascht mich keineswegs. Sie müssen verstehen, was diese Menschen durch ihre Religion und Kultur antreibt. Wie sieht der Masochismus aus, der sie in diese Lage versetzt? Wenn sich Religion mit Politik vermischt, ist der Ausgang tödlich, und zwar überall. Daraus entsteht ein äußerst regressiver Prozess, weil sich die Menschen zugleich als omnipotent und als Opfer empfinden. Der Selbstmordattentäter fühlt sich als Opfer, doch zugleich als allmächtig, weil er Gott auf seiner Seite weiß. Dann ist er fähig, eine Psychologie zu entwickeln, die ihm erlaubt, die meisten sadistischen und masochistischen Handlungen zu begehen. Diese Psychologie liegt dem radikalen Islam zugrunde.

Wir müssen diese Dinge sehr ernst nehmen. Sie sind nicht mit Bomben aus der Welt zu schaffen. Seit dem 11. September 2001 gab es weder bei den Amerikanern noch bei den anderen Parteien Anstrengungen, die darauf abzielten, interdisziplinäre, nicht-politische Gruppen aufzubauen, deren vordringliche Aufgabe darin bestünde, gemeinsame Strategien zu entwickeln, die uns in die Lage versetzen, der Psychologie weltweiter Regression zu begegnen.

Nicht nur im Islam gibt es ein Anwachsen fundamentalistischer Strömungen. Auch in den Vereinigten Staaten bemerkt man eine Rückkehr der Religion, verbunden mit massiven fundamentalistischen Tendenzen. Ist dies ein universales Phänomen?
Wie ich schon zuvor sagte: Wenn sich Politik mit Religion vermischt, dann ist der Ausgang tödlich. Wenn George W. Bush heutzutage wieder von einem "Kreuzzug" spricht, dann belegt dies tatsächlich, wie universal dieses Phänomen ist. Im Grunde benötigen wir eine neue Renaissance, um dem zu entkommen. Dies verlangt aber ein neues Denken und die Entwicklung von ernsthaften und friedlichen Initiativen.

Das Gespräch führte Klaus Englert

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stammt aus einer türkischen Familie in Zypern. Er studierte in Ankara Medizin. 1957 wanderte er in die USA aus, wo er zum Psychiater und Analytiker ausgebildet wurde. Der vielfach ausgezeichnete Arzt erforscht die Psychologie internationaler Konflikte. Er war für internationale Organisationen von der UNO bis zur American Psychiatric Association als Berater, Vermittler und Gesandter in vielen Krisengebieten der Welt unterwegs. Er ist Professor Emeritus für Psychiatrie an der University of Virginia im amerikanischen Charlottesville, wo er das Center for the Study of Mind and Human Interaction gegründet hat. Gegenwärtig arbeitet er in Wien.

Volkans über 30 Bücher wurden in mehr als zwölf Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihm 2006 im Psychoszial Verlag der Band Blindes Vertrauen. Großgruppen und ihre Führer in Krisenzeiten.

00:00 16.06.2006

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