Workingman Wolfgang Hilbig Blues

Formwille Am 31. August wäre Wolfgang Hilbig 67 Jahre alt geworden. Jetzt kann man seine Gedichte in einem Band lesen

Im Sommer vor einem Jahr starb mit 65 Jahren Wolfgang Hilbig. Dieser Knochenkrebs, der ihn so früh fortnahm, geht auf das Konto der DDR, deren filterlose Kohleöfen in den volkseigenen Betrieben der Arbeiter und Dichter jahrelang heizte, so rechtete ich damals. Jetzt lese ich in einem seiner Gedichte von 1973: "was soll ich sagen halbwegs hier / gewesen in der potemkinschen wüste dem / traum der proleten / soll ich sagen nachts mit der maserung / schwarzen marmors vorm aug / husten die heizer das hohe-c". Und nur ein tröstliches Bild stellt sich ein: Hilbig, wie er am 3. Mai 2007, vier Wochen vor seinem Tod, in der Berliner Max-Schmeling-Halle im Konzert von Bob Dylan aufsprang und mit erhobener Faust seinen Bruder grüßte, den gleichfalls 1941 in einem Bergarbeiterort geborenen und aus mancher Hölle lebend wiedergekehrten Sänger. Was der 22jährige Dylan in seinen Eleven Outlined Epitaphs festhielt, das gilt auch für Hobo Hilbig: "An´ mine shall be a strong loneliness / dissolvin´ deep / t´the depths of my freedom / an´ that, then, shall / remain my song."

Hilbig hinterließ kein sehr umfangreiches, aber einzigartig radikales Werk, gewichtig an Zeit und Seele: rund 500 Seiten Gedichte, zwei Bände Erzählungen, drei Romane, einige Reden. Der Fischer Verlag hat jetzt den ersten Band einer Werkausgabe vorgelegt: die Gedichte.

Das sind zunächst die vom Autor selbst zusammengestellten und in Frankfurt am Main publizierten Bände abwesenheit 1979, der ungeheuer starke Auftakt noch aus der der DDR heraus, die versprengung 1986, als Hilbig bereits mit einem Dauervisum in Westdeutschland lebte, und die Bilder vom Erzählen 2001. Dazwischen der bei Reclam-Leipzig 1983 erschienene Band stimme, stimme. Aber aus ihm wurden hier all die Gedichte weggelassen, die sich schon in abwesenheit fanden (über die Hälfte) und aus die versprengung all diejenigen, die schon stimme, stimme enthielt (rund ein Viertel). Der Leser bekommt also kein klares Bild von der ursprünglichen Komposition des Bandes die versprengung und auch nicht von der einzigen Gedichtauswahl, die zu DDR-Zeiten von Hilbig erschien.

Es folgen Verstreut veröffentlichte Gedichte aus den Sammelbänden Das Meer in Sachsen (1991) und zwischen den paradiesen (1992) sowie aus Zeitschriften. Hier fehlen kommentarlos aus der Zeitschrift L 76 zum Beispiel Gedichte wie eingeborener abgesang oder klage hin und zurück.

Erstmals aus dem Nachlaß publiziert wird ein von Hilbig um 1964 beendeter Gedichtband Scherben von damals und jetzt. Er galt als verloren. Die Staatssicherheit hatte ihn konfisziert und Hilbig erhielt ihn in den neunziger Jahren von der Gauck-Behörde zurück. Seine posthume Veröffentlichung ist problematisch. Herausgeber Jürgen Hosemann meint, hier lasse sich "die Selbstgründung dieses Autors studieren", "sein Ringen um die angemessene Ausdrucksform". Das mag philologisch von Interesse sein. Hilbig selbst wollte das nicht publizieren. Er wollte erst mit seiner ab 1965 gewonnenen eigenen Stimme in abwesenheit öffentlich werden. Mit Recht. Denn wenn diese frühen Gedichte von ihm selbst "nicht aus Gründen mangelnder Qualität unveröffentlicht" blieben, wie Hosemann behauptet, aus welchen dann?

Einmal auf noch unpublizierte Gedichte angesprochen, die 1983 während seiner Lesung bei dem Bürgerrechtler Gerd Poppe in Ost-Berlin aufgezeichnet wurden, sagte Hilbig: "Die habe ich verworfen." Zu dem am selben Ort gelesenen, grandiosen Prosatext Die ewige Stadt nickte er: "Ja, den habe ich noch nicht wieder reaktiviert." Aus dem, was Hilbig verwarf oder nicht wieder reaktivierte, hätten andere ein ganzes Œuvre gemacht. Aber eben ein weniger bewußtes, weniger geformtes.

Die Wortwahl in den Scherben ist noch überwiegend konventionell: Das Gras ist "grün" und das Grün ist "zart", es "singt und klingt" und Herz reimt auf Schmerz. Diese 53 Gedichte im Nachklang einer Liebe sind Stilübung und Spiegelung der eigenen Gefühle in der Dichtung des 19. Jahrhunderts: in Hölderlin, Novalis und Heine vor allem. Die Moderne ist noch nicht entdeckt und damit auch nicht die konkrete Arbeitswelt Hilbigs als Gegenstand seiner Lyrik.

Aber an der Gliederung in sieben Zyklen "Natur I", "Einkehr und Rückkehr", "Tageswahrheiten", "Natur II. Wälder und Meer", "Nach der gläsern Barke Flug", "Rest-Stimme" und "Stimme", an Widmung, Epigraphen, Vorspruch "Von der Liebeserklärung eines Dichters" und abschließendem Vorsatz "Nichts außer Kunst" ist bereits der starke Formwille erkennbar, dem Hilbig bis zuletzt treu blieb. Auch begegnet man hier schon seinem Urbild der Einsamkeit, im Dialog mit Hermann Hesse: "wir, Schiffer ohne Stern und Glück"; dem Spiel mit dem eigenen Schatten, stilisiert nach Heines Gedicht Der Doppelgänger; der im Hölderlin-Ton rückwärtsgewandten Sehnsucht nach "meinen grünen Wäldern"; und einem Schlüsselwort von Hilbig, "Azur", das sich später auf "Arthur" (Rimbaud) reimen wird.

Da gibt es einen Syllogismus "Vom Verlorensein" in der Liebe, den so auch eine Figur von Shakespeare sagen könnte: "Da Liebe Wahrheit ist / gibt es keine Wahrheit, / und die Wahrheit ist Lüge, / denn da man so leicht vergißt / ist nur die Lüge wahr / und jede Wahrheit ist Lüge / und heißt sie Liebe gar". Und "Nichts außer Kunst" bleibt am Ende der sehnsüchtigen Frage nach dem Wo und Wie des Glücks.

Doch der eigentliche Schatz dieses Bandes sind die Weiteren Gedichte aus dem Nachlaß der Jahre 1965-2003, die man sich chronologisch zwischen den Verstreut veröffentlichten Gedichten 1966-2007 abgedruckt wünschte. Der Herausgeber wählte von 221 nachgelassenen Gedichten, die Titel, Jahreszahl und Signum des Autors tragen, also erste abgeschlossene Fassungen darstellen, nur etwa einhundert zur Veröffentlichung aus. Warum nicht alle? Und die Datierungen sind leider nicht unter dem jeweiligen Gedicht abgedruckt, wie das sinnvollerweise beide Gedichtausgaben bei Reclam-Leipzig tun, sondern im Anmerkungsteil.

In diesen Gedichten ist Hilbig in seiner konkreten Gegenwart angekommen, deren Materie er in einer hochkünstlerischen, aus Romantik und Moderne verwobenen Sprache umwandelt in erschreckend schöne Bilder. 1965 reflektiert er Richter und Angeklagte des Auschwitz-Prozesses und fragt sich, was mit dem Publikum geschieht. Er faßt die Verwandlung des jungen Bohrwerkdrehers Hilbig unter der Dusche am "Feierabend" ins Bild. Er spießt die Worthülsen der restlos verbürgerlichten Revolutionäre auf und fragt ("Wir Erben"): "wofür wie womit gegen wen" kämpfen, hier, "bei unserem Alles / diesem Nichts / außer eurem lästerlichen Grinsen und / unserem Zähneknirschen." Und sein Ruf "aus der tiefe" im Land des sozialistischen Kollektivs lautet: "hilf mir und helft mir alle aber / zähmt mich nicht weil ich / weiterleben will".

Die Seelenzustände des "abtrünnigen" in seiner täglich teuer mit Fabrikarbeit erkauften Freiheit werden in körperlich stimmigen Bilder faßbar: die Unruhe, "unheimliches tier aus nichtstun und tatendurst", die Angst, die Flucht und die Trauer: "Langsam gehen ist gut / unglücklich ist die Unruhe / derer die das nicht können".

Hilbig flicht einen Gutenacht-Refrain in das "Landunter" seines Deutschland. Und es gibt wie in den Songs von Dylan einen Chorus: "mose steig aus / aus deinem uralten mercedes dort vorn / steig aus und zeig uns die gesetze." Dreimal variiert, macht er Hilbigs kafkaeske wüstenwanderung (1980) zu einem woing song und einer badman ballad der Folk- und Rock-Tradition.

Wie sehr ihm die im Blut lag, begriff ich erst, als ich Teil 3 seines Langgedichts über die Wendezeit, prosa meiner heimatstraße (1990), las und Hilbig hier für die Metapher vom "Salz in den Straßen" an die 68-er Hymne der Rolling Stones erinnerte: "Let´s drink to the hard working people, / Let´s drink to the salt of the earth."

In einem der nachgelassenen Gedichte bekennt der Autor: "Nein es gelingt mir nicht die junge Art zu singen / ich fasse nicht die Laute welche außerhalb des dunklen Baums / in wurzelloser Helle sich verbergen sollen / die Worte die nur dieses eine Leben nennen" (Traditionelle Erzählung, 1972). Hier spricht einer, der im Abgründigen wurzelt und davon reden muß: Wie alles anfing mit einem Nein gegen ein Leben, in das ihn Herkunft und Staat für immer meinten gestellt zu haben, und mit einem Aufbruch in die eigene Sprache im "dunklen Ton", nicht in den "hellen leichten Farben".

Mit diesem kompromißlosen Nein war ein Öffentlichwerden als Dichter in der DDR für Hilbig ausgeschlossen. Als der Staatssicherheit aber bekannt wurde, dass er eine Buchpublikation in Westdeutschland vorbereitete, nahm sie ihn 1978 für zwei Monate in Untersuchungshaft. In welchem Maß diese Erfahrung Hilbig radikalisierte, ist jetzt in einem Gedicht von 1978 nachzulesen: "schickt mein im gefängnis / abgeschnittenes haar nach auschwitz", "verwebt meine flechten / den bergen dunklen frauenhaars die dort liegen", "die hier nicht wuchs diese / liebe laßt blitzen laßt wehen / verschlungen dem kostbaren haar dieser welt."

Das sind die kohlschwarzen Herz-Ass-Stiche des Dichters, der in diesem Band zu entdecken ist. Rebel songs wie mich kettet grenzenloses in das haus und heartbreak love ballads wie abwesenheit von Wolfgang Hilbig gehören zum unveräußerlichen Kulturgut des 20. Jahrhunderts.

Niemand sang den Blues wie Hilbig. Ein Gedicht des 28-jährigen bittet, vom Erlös seiner letzten Zeilen ein mit gelben Rosen bedrucktes Hemd zu kaufen und ihn, "den Ungeliebten", darin zu beerdigen. Und dann träumt er: "von Rosen die aus der Erde schießen / gelb die Erde besät dichtes erbittertes Gelb / unzeitgemäßer sublimer Herbst über die Erde / die ich bin euch allen ferne Erde / besät mit gelbem Herbst und allen / entfremdeter Ruh von Rosen / und einen Traum / zuletzt bitt ich um einen Traum / noch wenn ich gestorben bin."

Wolfgang Hilbig Werke. 1. Gedichte. Herausgegeben von Jörg Bong, Jürgen Hosemann und Oliver Vogel. Fischer, Frankfurt am Main 2008, 53 S., 22,90 EUR

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