Wunderkiste der Trivialität

Sachlich In der Kunsthalle Tübingen zeigt der Fotograf Peter Granser seine Recherchen zur Freizeitkultur, zu Amerika und zum Alter

Nach Coney Island sind schon viele gefahren, nicht nur Touristen und Vergnügungswillige, sondern auch einige der besten Fotografen: Robert Frank, Andreas Feininger, Diane Arbus. Die Feiernden, die Schlafenden und die Betrunkenen, Farbige zumeist, die Robert Frank am 4. Juli 1958, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, am Strand von Coney Island vorfand, repräsentierten jenes andere Amerika, vor dem die Oberklasse am liebsten die Augen verschloss und noch verschließt: die politische Rechte protestierte damals wütend gegen Franks Reportage-Band Americans, aber auch gegen seinen "Coney Island"-Zyklus.

Der ehemalige Nobelort, nur ein paar Schiffsminuten von New York entfernt, wurde in den 1920iger Jahren zum Vergnügungspark der kleinen Leute - und ist nun seit vielen Jahren das in salziger Seeluft dahinfaulende, moribunde Abbild einer Gesellschaft, in der angeblich alle unheimlich viel Spaß haben. Die ideale Kulisse also für jemanden, der etwas über die Verlorenheit des Einzelnen im großen Getriebe berichten möchte.

Robert Franks düstere Schwarz-Weiß-Aufnahmen hatten noch den beiläufigen Blick des zufällig vorbeikommenden, aber durchaus teilnehmenden Beobachters, des Reporters. Peter Gransers Bilder sind ganz anders, nicht weniger virtuos, aber eben inszeniert: mit großer Vorsicht arrangiert er Menschen wie in Bühnenbildern, läßt sie posieren, sich selbst darstellen, eine Haltung einnehmen.

Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Strandbildern der holländischen Fotografin Rineke Dijkstra, die den von ihr porträtierten Jugendlichen allerdings durchaus naherückt. Granser ist behutsamer, distanzierter, er setzt Vorder- und Hintergrund in eine existenzielle Beziehung, und wenn die Menschen zu sagen scheinen: es geht uns klasse, werden sie vom Hintergrund widerlegt. Und wenn die Kulisse deftigen Frohsinn vorgaukelt, behaupten die trübe lächelnden Menschen das Gegenteil.

So erzählt Granser von einer bizarren Freizeitkultur, von grauenvoll kurzbehosten Männern mit Baseballkappe und Schwimmhandtuch, übergewichtigen Frauen in knappen Badeanzügen, Kindern in Hai-Masken, selbstgefälligen Body-Buildern, japanischen Touristen. Neben einem ausladenden Hot-Dog-Stand steht ein Rekrutierungs-Büro der US-Army. Eine grotesk ganzkörpergeschminkte Meerjungfrau lächelt uns an. "Thirsty?" fragt ein großes Schild vor einem Getränke-Automaten, und gleich daneben steht: "Don´t piss here". Auf einem der folgenden Bilder wirbt ein Schießstand mit der Aufforderung "Shoot Sadam".

Man mag letzterem nicht wirklich widersprechen - trotzdem sind das Nachrichten aus einer fremden, absurden Welt: in den USA ist alles ein bisschen krasser als bei uns. Granser hakt sich an Orten wie Coney Island fest, er bleibt, er recherchiert, er kommt wieder, er erzählt in Serien. Aus den vielen Bildern setzt sich dann die Magie eines Ortes zusammen, und dazu gehört der verwahrlosende, zugenagelte Spielsalon ebenso wie die Schwimmerin, die am Strand träumerisch im seichten Wasser kniet - und dabei einen Schatten wirft wie ein seltsames Tier.

Das alles ist ganz konzeptuell fotografiert, und, um das Inszenierte zu betonen, in Farbe - oder doch nicht? Die Farbe fällt kaum auf. Denn wenn man die Fotos von Peter Granser mit einem Wort charakterisieren wollte, so müsste man sagen: sie sind blaß. Das ist in diesem Fall keineswegs pejorativ gemeint: ihre Blässe, ihre Überbelichtung, ihr heller Ton lässt ihre Motive, ihre Protagonisten umso klarer hervortreten. Die fahle Stimmung macht die Bilder quasi durchsichtig: man sieht auf einmal, um was es eigentlich geht - um das fragile Selbstbewusstsein ungeübter Selbstdarsteller, um die aufgemotzte, aber blätternde Fassade einer Gesellschaft, die sich selbst als Film-Set und Rummelplatz begreift - und sich damit seltsamerweise immer wieder über die Runden rettet; und es geht um die, man muss sagen: offensive Zurücknahme des Beobachters, des Fotografen.

Man wird diese Haltung auch bei anderen Projekten Peter Gransers finden: nie ist der Blick zudringlich, sondern immer sachlich, fast neutral. Granser macht seine Bilder mit einer Hasselblatt, im immer gleichen quadratischen Format; das hat etwas von alten Tafelbildern, auch in der Art der Entwicklung wirkt manches wie gemalt. Die fast religiöse, demutsvolle Zurücknahme des Erzählers kontrastiert schön mit den Themen: Granser ist fasziniert vom Trivialen und Banalen, hinter dem dann oft eine Trauer, eine Gebrochenheit sichtbar wird - in den dummen Körperanstrengungen machistischer Body-Poser teilt sich zwar der Wille zur Macht, aber eben auch eine immense Lächerlichkeit mit, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass sie den Akteuren selbst sogar bewusst ist. Aber sie pfeifen drauf, sie spielen ihre Rolle weiter.

In Tübingen sind einige andere Projekte Gransers in Auszügen zu sehen: nie liegt die Wahrheit in einem Bild, immer in der Sequenz. "Spuren der Arbeit" fotografierte er in den leergeräumten Produktionsräumen pleitegegangener (deutscher) Unternehmen - die fade Präsenz weißer, abgenutzter Schrankwände, Tische und Stühle bekommt auf einmal etwas Endgültiges, Sperrmüllartiges, Geisterhaftes. Bunte Urlaubskarten hängen an den Schranktüren und erzählen von den kleinen Ausbrüchen, und das ist absolut formal fotografiert, als solle ein geometrisches Muster abgebildet werden; und diese Nüchternheit wirkt brutaler als alle anklägerische Sozialfotografie.

Seiner österreichischen Heimat nähert sich Granser über Fremdenverkehrs-Devotionalien und verbissen den Berg hochstapfende feiste Wanderer; in einem billigen Motel bei Memphis fand er Elvis-Presley-Imitatoren, die zum Todestag des Meisters im August einen bizarren Wettbewerb austragen; in Ferien-Exklaven in Bayern und im Harz wohnen traurige deutsche Indianer im Tipi und zeigen deutsche Wochenend-Cowboys ihre wahre Bestimmung - es ist das Spiel mit der Identität, das Granser interessiert, und der Spielmöglichkeiten sind wahrlich viele.

Nordamerika ist für Granser ein wenig das Orakel, das sagt, was auch uns blühen wird. In den USA gibt es bereits jetzt reine Rentnerstädte, am Reißbrett geplante, künstlich in die Landschaft gesetzte Gebilde - zum Beispiel "Sun City", ein riesiges Halbrund luxuriöser weißer Bungalows. Es ist nicht nur die unheilkündende Geschmacklosigkeit der Dekors, der Tapeten-Kitsch, die Pekinesen, die Vorgärten, die oft nur aus Kieselsteinen und künstlichen Flamingos bestehen. Es ist die freudige Leere in den Gesichtern, die einen fertigmacht: die älteren Damen in kurzen Röcken, die sich zur Tanzgruppe zusammengetan haben; die alten Herren mit ihren Schießprügeln; die fetten Individuen, die wie aufblasbare Puppen flach auf der Wasseroberfläche des Swimmingpools treiben. Die Leugnung des Alters, die hier Programm ist, wird von Granser in ein eher beiläufiges Bild gefasst: Es zeigt eine sehr alte, geschminkte Frau mit völlig verschrumpelter, hängender Haut an den Oberarmen und Beinen; über dem Rumpf trägt sie ein Kleid, auf das - in Brust- und Hüfthöhe - bunte Bikini-Teile gedruckt sind. Forever young - der Betrachter sieht im Geiste schon all die siebzigjährigen, künstlich befruchteten Jung-Mütter vor sich und wendet sich mit Grausen.

Den Abschluss der Ausstellung bildet Granser Studie über die Alzheimer-Krankheit, also über Gedächtnisverlust und Hilflosigkeit - das ist der Widerpart zu "Sun City". Viele Monate lang hat Granser sich in einem Pflegeheim bei Stuttgart aufgehalten und dann, mit Zustimmung der Angehörigen, fotografiert. Es sind starre, blicklose, orientierungslose, zukunftslose Gesichter, denen Granser die Würde jener persönlichen Biographie zurückgibt, die die Fotografierten selbst zum großen Teil vergessen haben. Ein Bild zeigt eine Frau, die sich verwirrt an einem Maschendraht entlang tastet. Ein anderes eine Spaziergängerin, der ein Mann (der Sohn?) beruhigend den Rücken stützt. Ein drittes eine Frau, die aus ihrem Versteck, aus einem Vorhang heraustritt wie zu einer Theatervorstellung, die freilich längst abgespielt ist; aber sie versucht es noch einmal.

Eine ganz reale neue Ära beginnt nun aber in der Tübinger Kunsthalle. Die großartige Granser-Ausstellung ist die erste Arbeit des neuen geschäftsführenden Kurators Martin Hellmold; Götz Adriani hat sich auf seine Funktion als Vorsitzender des Stiftungsrats zurückgezogen. Hellmold will sich stark auf Gegenwartskunst konzentrieren und noch in diesem Jahr Gilbert zeigen. Andererseits steht er durchaus für Kontinuität: auch Adriani zeigte in jüngeren Jahren die Künstler seiner Generation, die ihm wichtig schienen. Dabei waren (unter vielen anderen) Richard Serra, den er als Fotografen vorstellte, und Duane Hanson, der Bildhauer der amerikanischen Trivialkultur. Beide haben auf untergründige Weise auch mit Peter Granser zu tun. Hier werden also Erzählfäden weitergesponnen - man sollte wieder nach Tübingen fahren, auch ohne Groß-Retrospektiven auf Degas und Renoir.

Peter Granser: Fotoserien 2000 - 2005. Kunsthalle Tübingen, bis 2. Juli 2006. Zur Ausstellung erschien Peter Granser: Coney Island im Hatje Cantz Verlag, 100 S.,
72 farbige Abbildungen, 35 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.05.2006

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare