Wüste

Linksbündig Die Mauer bekommt das Gedenken, das sie verdient

Erinnerung kann als eine Landschaft vorgestellt werden, in die man Ausflüge aus der Gegenwart unternimmt. Die Landschaft wäre kein leeres Feld, sondern ein vielfältiger Mikrokosmos, in dem es alles gibt, was die Landschaften in der Natur auch bieten: klare Seen und dunkle Höhlen, grüne Auen und sperriges Dickicht, ausgetrampelte Wege und unentdeckte Pfade. Welchen Eindruck der Tagesgast von seinem Ausflug mit nach Hause brächte, hinge davon ab, welchen Teil der Landschaft er gesehen hätte.

Die Mauer als Sinnbild der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten wäre eine von vielen Gästen bevölkerte Wüste, aus der keiner unbeeindruckt an den Abendbrotstisch seiner Gegenwart zurückkehrte, aber jeder auch ein wenig ratlos. Um zu verstehen, warum die beiden deutschen Staaten getrennt waren und wie der eine deutsche Staat funktioniert hat, der die Mauer errichtet hatte, ist die Wüste ein denkbar unfruchtbarer Ort. Die Mauer galt als Symbol des Unrechtsstaats DDR. Tatsächlich war sie lediglich Symptom, Voraussetzung einer allumfassenden Repression, weil sie den Raum dafür definierte. An der Mauer lagen die Dinge klar: Dem Versuch, sie zu überwinden, stand ein Schießbefehl gegenüber, was den Tod der vielen Menschen, denen die Flucht nicht geglückt ist, nicht weniger beklagenswert macht. Gleichzeitig ist die Klarheit der Herrschaftsverhältnisse an der Mauer das Gegenteil jener Willkür, wie sie in dem Land dahinter herrschte, wo die Grenze zu dem, was die Staatsmacht für falsch und strafbar hielt, weniger deutlich zu erkennen war. Die Undurchschaubarkeit des Staates durch seine Bürger bot den Nährboden für Gängelung und Unterdrückung, für Überwachung und Drangsalierung. Selbst den, der sich vor einer Konfrontation mit dem Regime in Anpassung zurückzog, erreichte das Diffuse der Machtausübung noch als "Mulm" (Thomas Kapielski) im Alltag: als permanente Unsicherheit, jederzeit einen "Fehler" begehen zu können. Wäre die Mauer das Problem der deutschen Teilung gewesen, würde es die Schwierigkeiten im Annäherungsprozess zwischen der ehemaligen BRD und der ehemaligen DDR nicht geben. So gesehen war die Euphorie des Vereinigungsaugenblicks dem Fehlschluss aufgesessen, dass nur die Mauer aus einem Deutschland zwei gemacht hatte.

Aus heutiger Sicht ist die Mauer eine Tautologie ihrer selbst: in dem sie verschwunden ist, existiert sie nicht mehr. Sie taugt damit nicht zum Objekt von Erinnerung, wenn man darunter den reflektierenden Rückgriff auf Vergangenheit versteht, sondern lediglich als Anlass des Gedenkens, als innehaltende Besinnung auf das, was war. Betrachtet man vor diesem Hintergrund den Mummenschanz, der sich seit geraumer Zeit am Berliner Checkpoint Charlie abspielt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass jedes Relikt der Vergangenheit die Bearbeitung erhält, die es verdient. Die Mauer ist folgerichtig zum Gegenstand des kommerziellen Budenzaubers geworden, den die Betreiberin des privaten Mauermuseums in treuer Nachfolge ihres Gatten veranstaltet. Alexandra Hildebrandt ist die Witwe des Mauermuseums-Begründers Rainer Hildebrandt, der am Beginn dieses Jahres in hohem Alter starb. Kennen gelernt haben sich beide vor über zehn Jahren, als, wie es heißt, die heutige Frau Hildebrandt gut 30-jährig aus der Ukraine kam, um Hildebrandt ihre Kunst zu zeigen. An der fand der Mauermuseums-Chef weit weniger Gefallen als an der Künstlerin, und so braucht man mit Blick auf das Heer der Holzkreuze und die wieder aufgestellten Mauerteile am Südende der Friedrichstraße nicht verwundert sein: Über die künstlerischen Fähigkeiten von Frau Hildebrandt hat sich nicht einmal ihr Mann Illusionen gemacht. Dass die "Kunstaktion" sich so großer Beliebtheit erfreut - das Mauermuseum ist nach dem Pergamonmuseum das am zweitbesten besuchte in Berlin -, bekräftigt allenfalls, was man über den populären Geschmack schon immer wusste. Wer, wie gefordert, den Bundestag beauftragen will, die Aufsicht in allen Teilen des Landschaftsparks Erinnerung zu übernehmen, übersieht zum einen, dass es bereits eine würdige Gedenkstätte an der Bernauer Straße gibt, die in ihrer künstlerischen Abstraktion für den Massenbetrieb nur weniger attraktiv ist als die Mimesis nachgebauter Kontrollhäuschen. Und er vergisst zum anderen, dass auch die offizielle Erinnerungspflege aus der Wüste keine Oase machen kann. In der Wüste berauscht sich jeder an seiner eigenen Fata Morgana. Und irgendwo müssen die amerikanischen Touristen ja auch hin.


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00:00 26.11.2004

Ausgabe 38/2020

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