„Wut tut gut“

Interview Egotronics Torsun Burkhardt will Deutschland an die Wand stellen und ärgert sich über die Hufeisentheorie

Torsun Burkhardt ähnelt stark dem Philosophen Slavoj Žižek. Ein bärtiger Querkopf, der mit seiner Band Egotronic seit 18 Jahren Punk und Electro zu widerständigen Hymnen verbindet. Mit seinem Humor eckt er nicht nur bei Nazis und Rechten an, die er in den Liedern durchgängig verspottet und bekämpft. Auch Facebook zeigte letztes Jahr wenig Verständnis, als sich Burkhardt der Zerstörung von Dresden mit einer viel beachteten Büttenrede widmete. Inklusive Narhallamarsch und dem Kommentar: „Fresst das, Pegida-Arschgeigen“. Das neue Egotronic-Album Ihr seid doch auch nicht besser enthält wieder jede Menge linksradikale Ohrwürmer. Die einschlägigen Wutbürger und Bedenkenträger aus der rechten Ecke meldeten sich bereits zu Wort.

Hallo Torsun, Sie und Ihre Band sorgen in rechten Blogs und Netzwerken gerade für ziemliche Empörung: „Linksextreme Band verherrlicht Morde an Rechten“ heißt es etwa auf „Journalistenwatch“. Und Compact meldet: Im „Kantholz“-Video der Electropunkband Egotronic wird Journalist Matthias Matussek erschossen“.

Torsun Burkhardt: Für mich war seine Party zum 65. eine ziemliche Zäsur. Prominente Vertreter der Mitte und sich liberal schimpfende Leute hatten kein Problem mit stramm Rechten zu feiern und sich dabei gegenseitig zu fotografieren. Da waren ja alle dabei, Spiegel-Kollegen, Reinhold Beckmann, der mit der Wandergitarre aufgetreten ist, bis zu Erika Steinbach und dem identitären Nazi Mario Müller. Die über Facebook bekannt gewordenen Bilder der Party, waren die Grundlage für das Artwork des Albums und die ersten beiden Videos.

Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr?“ fragen Sie in „Linksradikale“, vor dem Hintergrund exaltierter Prösterchen. Im bald darauf veröffentlichten „Kantholz“-Video bekommt die Geschichte einen anderen Dreh. Eine Attentäterin zielt auf die Akteure der Feier, die vor Angst ihren Rotwein verschütten.

Das erste Video bildet ab, das zweite ist eine Fantasie. Das sieht man am Stil, der sich an Action-Filmen orientiert. Beim Clip zu Linksradikale lag das Hauptaugenmerk auf dem Social-Media-Aspekt, weil die Party ja nur durch Social-Media bekannt wurde.

Aber ist das nicht trotzdem leicht misszuverstehen? Was, wenn eine rechte Band eine ähnliche Fantasie wie das „Kantholz“-Video veröffentlichen würde?

Der Titel spielt ja schon auf rechte Propaganda an. Es geht um die Attacke auf einen AfDler in Bremen, der danach behauptete, mit einem Kantholz angegriffen worden zu sein. So wurde ein Mordanschlag herbeifantasiert und genau das zeigt auch das Video. Nazis behaupten, das von uns gezeigte Szenario sei real, was faktisch selbstverständlich Unsinn ist. Dass sie sich so darauf stürzen müssen, zeigt sehr deutlich, dass es es keine Entsprechung dazu in der Realität gibt. Es ist somit ein Unterschied ums Ganze.

Haben Egotronic häufiger Ärger wegen Texten oder Videos?

Laut Mattuseks Twitter-Profil hat er uns gerade angezeigt.

Wegen des „Kantholz“-Videos?

Ja, genau.

Und davor? In Texten beziehen Sie ja relativ klar Stellung, wenn auch meist ironisch: „Wir stellen Deutschland an die Wand, Sachsen ist als erstes dran“.

Im letzten, oder vorletzten Jahr wurde uns mal bei einem Konzert Polizei auf die Bühne geschickt, aber da ist nie was gekommen.

Das ist alles durch die Freiheit der Kunst gedeckt?

Ja, da sind wir relativ entspannt. Auf der Twitter-Seite von Matussek steht zwar, das sei ein Aufruf zum Mord, aber das ist hanebüchener Unsinn. Im Video sind überhaupt keine Morde zu sehen und es fällt auch kein einziger Schuss.

Glauben Sie, dass die Wut in den Texten von Egotronic eine Wut ist, die viele spüren, aber oft nicht artikulieren können.

Genau, so bin ich ja auch politisiert worden. Durch Punkbands, die das Unbehagen formuliert haben, dass ich als Teenager mit mir herumtrug. Zum Beispiel Slime, aber auch Ton Steine Scherben. In dieser Tradition sehe ich mich beim Texten. Es ist der Versuch, die Wut, oder den Zorn über Zustände und Umstände zu artikulieren und rauszuschreien. Weil's in dem Moment auch einfach gut tut.

Steht dahinter auch der Wunsch Dinge zu verändern, politisch etwas anzustoßen?

Das habe ich eigentlich nie so gesehen. Doch wenn Kids oder junge Leute in einer Zeit wie dieser unsere Musik und Texte zum Anlass nehmen, sich intensiver mit Themen zu beschäftigen, dann ist natürlich viel gewonnen. Aber das war nie das primäre Ziel.

Die Berliner Band Atari Teenage Riot zeigte in den frühen Neunzigern eine ähnlich radikale Haltung, verband Punk mit Electro und Slogans wie „Deutschland Has Gotta Die!“. War das ein Einfluss für Sie?

Absolut! Ich gehöre zu den Leuten, die in den frühen Neunzigern nicht nur ins AZ (Autonomes Zentrum) gegangen sind, sondern auch auf Techno-Partys. Und da kam man, wenn man linksradikal war, an Atari Teenage Riot überhaupt nicht vorbei. Die haben es damals geschafft, wie kaum eine andere Band, eine ungeheure Energie rüberzubringen. Hetzjagd auf Nazis haben wir damals ständig gehört. Das brauchte gar keinen Text, bis auf das Sample „Der neunte Schuss ging sauber durch die Stirn“.

In „Ihr seid doch auch nicht besser“ geht es um die sogenannte Hufeisentheorie, die behauptet, dass sich Linke und Rechte im Grunde relativ nah sind.

Das war für mich diesmal ein ganz wichtiges Thema. Die Zeitungen sind voll mit Berichten über Faschos, die Waffen besitzen, deren Waffenbunker ausgehoben werden, die Menschen ermorden. Wir haben seit der Wiedervereinigung an die 200 politisch motivierte Morde – offiziell. Und alles was der Mitte dazu einfällt, ist zu behaupten, die Linken seien ja genauso schlimm. Dabei ist das, schon rein faktisch, ein völliger Blödsinn. Wir haben zur Zeit keine Linken die auf Menschen schießen.

Zur Person

Torsun, 45, bürgerlich Thorsten Burkhardt, wurde im Odenwald geboren und lebt in Berlin. 2001 gründete er die Band Egotronic, 2006 folgte ihr erstes Album Die richtige Einstellung . Das neunte, Ihr seid doch auch nicht besser, erscheint am 13. September bei Audiolith

Warum suchen Linke so oft den Schulterschluss mit der Mitte, anstatt sich solidarisch, wenn nötig auch kritisch, mit linksradikaler Politik auseinanderzusetzen?

Es ist etwas, das in der Linken weiter verbreitet ist als in der Rechten: Dass man differenzieren muss, nicht alles über einen Kamm scheren soll. Das ist prinzipiell eine gute Sache für den Diskurs. Aber dass man sich immer wieder anbiedert bei der Mitte, die doch die ganze Zeit nichts anderes tut als einen zu denunzieren, das verstehe ich nicht. Und es ist ja auch nicht die Polizei, die Aufklärung über Nazi-Strukturen betreibt, sondern die Antifa. Oder einzelne Zeitungen, wie jetzt die Recherche der taz zum Hannibal-Netzwerk.

In den USA erlebt die Antifa gerade eine enorme Popularität.

Das liegt daran, dass es dort im Moment eine sehr rechte Regierung gibt. Trump sagt, man müsse die Antifa eine terroristische Vereinigung nennen, was irre. ist Andererseits rufen amerikanische Antifas inzwischen dazu auf, sich zu bewaffnen, weil die Nazis längst bewaffnet sind.

Aber worauf würde das hinauslaufen? Auf einen Bürgerkrieg?

Darauf arbeiten viele rechte Gruppen hin. Der Bürgerkrieg wird beschworen von militanten Gruppen wie Combat 18, bis hinein in die AFD. Und im Endeffekt sind wir der Sache ausgeliefert: Das Militär hat ein Fascho-Problem, die Polizei hat ein Fascho-Problem – ich sehe da noch nicht mal die Chance sich zu verteidigen.

Als Sympathisant der Antideutschen verfolgen Sie sicher auch die Debatte um den BDS, der mit Boykott, Divestment und Sanktionen Israel unter Druck setzen möchte?

Dazu möchte ich zwei Sachen sagen: Es gibt Teile der Antideutschen, die massiv ins rassistische gekippt sind, von denen grenze ich mich extrem ab. Die haben inzwischen einen Sprech, wie jeder stinknormale Wutbürger. Aber vom BDS möchte ich mich mindestens genauso sehr abgrenzen. Wenn BDS-Gruppen brüllen: „From the river to the sea, palestine will be free“, wollen sie die Juden abschaffen. Das ist eine in weiten Teilen antisemitische Bewegung, auch wenn nicht jeder Antisemit ist, der da mitmacht. Trotzdem ist es Wahnsinn, wie da die Realität ausgeblendet wird, um Israel zu dämonisieren.

Egotronic gibt es jetzt seit 18 Jahren, wie hat sich Ihr Verhältnis zu Deutschland in dieser Zeit verändert?

Eigentlich gar nicht. Ich wurde politisiert in den frühen Neunziger Jahren und jetzt jährt sich gerade wieder Rostock-Lichtenhagen. Es ist ja nicht besser geworden. Ein Beispiel ist mein Verhältnis zur SPD. Wenn ich damals noch gedacht habe, dass es in der SPD ein paar gute Leute gibt, war das mit dem sogenannten Asylkompromiss vorbei.

Gibt es deshalb in „Adieu SPD“ die hämische, im Parteijargon gehaltene Refrain-Zeile „Unter fünf Prozent ist machbar, Herr Nachbar“.

Die haben jetzt mit der CDU ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den Rechtsstaat für Geflüchtete abschafft. Die machen jede Schweinerei mit – und geben sich dann immer noch den Anspruch, eine linke Partei zu sein. Das macht sie für mich zur meistgehassten Partei.

Und die Grünen?

Die kommen gleich danach. (lacht) Schauen Sie, dieses Gesetz ist durch den Bundesrat gegangen, mit den Stimmen von Hessen und Baden-Württemberg, also Grüne und Grün mitregierte Länder. Da weiß man ganz genau, dass die im Zweifel auch jede Scheisse mitmachen.

Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll, Wahlen sind für Sie dann keine Option?

Bei mir ist das genau anders herum. Ich war immer überzeugter Nichtwähler, aber bei der Europawahl habe ich meine Stimme abgegeben. Ich finde, alles was dazu beitragen kann, das Tempo des Rechtsrucks zu bremsen, ist eine Option die ich wahrnehmen würde.

Und wen haben Sie gewählt?

Jutta Ditfurth und ÖkolinX, leider ist sie nicht reingekommen. Trotzdem glaube ich, dass sie im Europa-Parlament das Richtige zu sagen gewusst hätte.

Haben Sie auch eine Meinung zu Greta Thunberg und Fridays For Future?

Ich finde das erstmal gut. Es ist total irre, wie vor allem alte Männer gegen eine 16-jährige losgehen. Das ist der helle Wahnsinn! Es ist fast egal, ob sie recht hat oder nicht, wenn man sieht wie hier der Mob gegen ein junges Mädchen tobt. Oder wenn in allen Zeitungen diskutiert wird, ob ihre Reise nach New York klimaneutral ist, während in Brasilien der Regenwald brennt. Ich finde gut an dieser Jugend, dass sie sich politisiert und auch radikalisiert. So lange es so etwas gibt, ist noch nicht alles verloren.

06:00 10.09.2019
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