"You are history"

Unterwegs Die Mutter der Königin. Immer noch dieses Thema? Aber ja, hier auf der Insel ist es noch präsent. Mein lokaler BBC-Radiosender diskutierte kürzlich, ...

Die Mutter der Königin. Immer noch dieses Thema? Aber ja, hier auf der Insel ist es noch präsent. Mein lokaler BBC-Radiosender diskutierte kürzlich, ob es ein Denkmal für die Verstorbene geben soll und wenn ja, wo. Anruferinnen und Anrufer waren wild darauf, ihre Meinung zu sagen und die hieß in den meisten Fällen: ja. Der Londoner Trafalgar Square ist der prominenteste Platz, der genannt wurde. Das wäre, meinten nicht wenige, der geeignete Ort. Ich glaube nicht, dass eine Fremde wie ich, bei aller Zuneigung zu Britischem, begreifen kann, was hier los ist. Sonderhefte, Titelbilder, Bücher, Fernsehsendungen. Schlangestehen (very British) vor dem Kondolenzbuch und sogar eine Schweigeminute in der Rugby League. Rührung und betroffene Überraschung (!) beim Tod der Hunderteinjährigen. Eine Million Menschen, die in der Hauptstadt am Straßenrand standen, als der Sarg vorbeifuhr.
Der Apostroph sagt eigentlich schon alles. Ausgerechnet das Satzzeichen, mit dem die Deutschen am wenigsten zurechtkommen, nach dem Muster von "Gabi´s Blumenboutique", was nur im Englischen korrekt ist. Also Queen´s Mother. Und so heißt es eben genau nicht. Die Dame, die nun in hohem Alter verstorben ist, war Queen Mother. Etwas ganz anderes. Nicht die Mutter der Königin, sondern mehr. Ein Ehrentitel, der nur ihr irgendwann verliehen wurde, und keiner weiß, von wem.
Es konnte mir auch noch keiner sagen, wofür. Sie hat, weiß man, gern ein Glas getrunken, liebte Pferdewetten und wohnte in mehreren beachtlichen Häusern. Der Stil ihrer Garderobe ist anerkannt hier; ich habe solche Stücke schon prominent präsentiert in Läden gesehen, die sonst teure französische Pullover und andere normale Dinge führen: hellgrüner Faltenrock und hellgelbe Bluse mit aufgestickten Igeln. Bei der früheren britischen Königin wäre natürlich alles in einem Farbton gewesen, pastell auf jeden Fall. Aber das allein kann es doch nicht gewesen sein. Die Legende erzählt von ihrem heldenhaften Aufenthalt in Londons Eastend während der Bombardierung durch die Deutschen. Dem wäre, gerade von einer Deutschen, nichts hinzuzufügen. Nur hört man immer mal, das sei alles nicht so gewesen. Eine Legende eben.
Bleibt ihr Lächeln, von dem selbst modern denkende Engländer, die die Monarchie nicht mehr für direkt zeitgemäß halten und sich nach Elisabeth II. ein Staatsoberhaupt ohne Krone vorstellen können, sagen, es sei schön gewesen. So möchten viele Damen lächeln können, sanft, lang andauernd, nichtssagend. Männer vielleicht auch? Manche Journalisten rätseln auch hier über die sagenhafte Beliebtheit und die Trauer der Nation, die von anderen beobachtet und ausgerufen wurde. Mir bleibt die naheliegende Vermutung, man möchte sich selbst wiedererkennen in einer Frau an der Spitze der Gesellschaft, der unverdient so viel Reichtum und Ruhm zugefallen sind. In ihrer Freundlichkeit, die aber doch wohl professionell war; in ihrem Patriotismus, zu dem sie keine Alternative hatte. Und auch in ihren Vorlieben, um nicht zu übertreiben und geradezu Sucht zu sagen? Sie war "eine von uns", hört man. Aber das war sie ja nun bestimmt nicht. Egal, man möchte sich einfach identifizieren. Wie das in Deutschland auch gern viele tun. Mit früheren Kanzlern, mit sächsischen Königen, was sich in letzter Zeit nicht mehr so gut macht, davor aber schon. Der heimliche Hang zum Feudalismus des Herzens. Da soll jemand sein, der über Gemecker erhaben ist. Der trotzdem ist wie wir. Der alles richtig macht, aber doch menschlich bleibt (der Gin, die Wetten). Und dann gibt´s auch ein Denkmal. Lebensgroß und realistisch, nicht so ein modernes Ding. Vielleicht an der Seite des längst dahingegangenen Gatten. Mal sehen, ob sich die Idee durchsetzt. Immerhin schrieb eine Trauernde einsichtig - und mehrdeutig - in das Kondolenzbuch: "You are history". Hoffentlich.

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00:00 17.05.2002

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