Zeig mir doch alles

Mentorin Wer macht uns zu dem, der wir sind? Michela Murgia zeigt in ihrem Roman „Chirú“, wie wichtig der eine Mensch im Leben ist, der einen prägt und leitet
Angelo Algieri | Ausgabe 13/2017

Max Frisch sagte einmal: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass gute oder große Literatur entstehen kann, ohne dass ein politisches Bewusstsein dahintersteht.“ Sein Statement trifft auf Michela Murgia besonders zu. Die 44-jährige sardische Schriftstellerin prangert nicht nur in ihren Romanen, Essays und Pamphleten gesellschaftliche Missstände an, sondern ist selber politisch aktiv. So kandidierte sie 2014 bei den sardischen Regionalwahlen als Spitzenkandidatin für eine unabhängige Liste, die sich für mehr Autonomie der Insel starkmacht. Auch wenn Murgia beachtliche zehn Prozent bekam, hat ihr Block keinen Sitz im Regionalparlament erhalten – dank eines eigenwilligen Wahlgesetzes. Ein Gutes hatte aber ihre Kandidatur: Sie ist seitdem in ganz Italien bekannt – auch weil sie sehr medienaffin ist.

Ihre Medienaffinität pflegt Murgia seit ihrem Debüt Camilla im Callcenterland, das in Italien 2006 erschien. Über ihre Arbeit in einem Callcenter schrieb sie einen Blog, in dem sie die Absurdität ihres Jobs beschrieb. Bald wurde ein Buch daraus. Der Text kommt flott und witzig daher, doch bleibt einem das Lachen oft im Halse stecken. Es ist ein bitter-böser Text, der die moderne Ausbeutung trefflich schildert. Murgia wurde zum Sprachrohr für das junge Prekariat. Sie wollte nie diese Rolle annehmen. Allerdings – wie sie in ihrem aufschlussreichen Nachwort schreibt – platzte ihr der Kragen, als sich eine Politikerin arrogant über das Prekariat äußerte und forderte, dass das Leben sich der Produktivität unterordnen müsse. Murgia beschloss, nicht mehr nachzugeben, sich ein „bewussteres Kommunikationsregister“ anzulegen, gefüttert mit Daten, Fakten, Argumenten. Diese Haltung behält sie vehement bis heute bei, streitet sich leidenschaftlich in Sendungen, hält kluge Vorträge, sucht sich blendende Mitstreiter.

Gemeinsam mit der Journalistin Loredana Lipperini hat Murgia 2013 das äußerst lesenswerte Pamphlet L’ho uccisa perché l’amavo (falso!) („Ich habe sie umgebracht, weil ich sie liebte“ (falsch!)) herausgebracht, das sich dem Femizid widmet. Also Morden an Frauen, die vor ihrem Tod psychisch und physisch misshandelt werden, weil sie Frauen sind. Murgia und Lipperini ordnen ein, erklären, wie bereits im Kindesalter Stereotypen anerzogen werden, wie ein rückwärtsgewandtes Frauenbild in Film und Fernsehen vermittelt wird.

Für die Boheme

Neben feministischen und sozialen Themen stehen in Murgias Texten vor allem sardische Phänomene und ethische Fragestellungen im Mittelpunkt. Etwa in ihrem preisgekrönten Roman Accabadora (2010). Darin geht es um eine ältere Frau, die in einem sardischen Dorf nach einem Ritual Menschen ins Jenseits befördert, wenn sie sie darum bitten. Tatsächlich haben wohl bis in die 1950er Jahre Accabadora auf Sardinien gewirkt. Das Kuriose in Murgias Text: Ein junger Mann, der ein Bein verloren hat, bittet die Accabadora, ihn zu töten. Er fühlt sich wertlos, verlebt die Tage in Agonie. Wird sie ihn töten? Daneben erzählt Murgia von Fillus de anima; einer sardischen Praxis, bei dem ein Kind mit Einwilligung der Eltern meist bei einer kinderlosen Frau aufwächst – eine formlose Adoption. Maria wächst bei der alten Schneiderin Tzia Bonaria Urrai auf. Die Autorin selbst ist ein Fillus de anima.

Eine ähnliche Konstellation liegt in ihrem neuesten, nun auf Deutsch erhältlichen Roman Chirú vor. Darin geht es um ein Lehrerin-Schüler-Verhältnis, das nicht auf Sex oder Funktion basiert, sondern auf Wissensvermittlung. Der 18-jährige Chirú, Musikstudent in Cagliari, tritt an die 38-jährige Ich-Erzählerin und Schauspielerin Eleonora heran. Er möchte lernen, was sie weiß. Sie willigt ein, führt ihn in die Künstlergesellschaft ein, sensibilisiert ihn, wer wichtig ist und woran man das erkennt. Sie bringt ihn unter anderen zu einem Schneider, der Chirú zeigt, welche wertvollen Stoffe existieren und wie sie sich anfühlen. Mit dem neuen Bewusstsein für das Schöne will Chirú nicht mehr zurück in seine nunmehr trostlose Welt. Fatal: Er verliebt sich. Für Eleonora ist nun klar, dass sie die Beziehung abbrechen will … Spannend an diesem stilistisch brillanten Roman ist, dass ein Verhältnis zwischen einer Mentorin und einem jüngeren Schüler beschrieben wird, wie es in der Literatur kaum vorkommt. Außerdem strotzt dieser Text auf sympathische Art vor autobiografischer Erfahrung: Murgia pflegt solche Beziehungen, seit sie 25 Jahre alt ist. Ihr erster „Schüler“ war 14 Jahre alt und wollte Journalist in China werden. Sie half ihm, mit Redakteuren zu telefonieren, unterstützte ihn beim Chinesischunterricht, sensibilisierte ihn mit Beobachtungen für das Gegenüber. Sie zeigte ihm aber auch, wie man Teller wäscht. Schließlich berichtet er seit er 18 Jahre alt ist, aus China und Südasien. Murgia hat so bis heute mehrere Jugendlichen ihr (Lebens-)Wissen formlos vermittelt. Chirú ist definitiv ein Meistertext, der seine Schüler sucht.

So erweist sich die unbequeme Schriftstellerin Michela Murgia in ihrer politischen Haltung als exzellente Aufklärerin. Sie formulierte es selbst in einem Interview: „Schreiben ist ein politischer Akt.“

Info

Chirú Michela Murgia Julika Brandestini (Übers.), Wagenbach 2017, 208 S., 20 €

Angelo Algieri ist freier Journalist und Literaturkritiker. Er lebt in Berlin

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06:00 12.04.2017

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