Zentrale Quelle

Medientagebuch Das Deutschlandradio widmet sich dem Filmemacher Thomas Harlan und seiner Arbeit an der deutschen Schuld

Selbstverständlich ist es ziemlich absurd, heute zu sprechen vom Sohn von Veit Harlan. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man, wenn man so alt ist wie ich das bin, noch Sohn von irgendjemandem sein könnte. Wahrscheinlich ist man es trotzdem. Aber es ist absurd. Diese Kapitel sind doch in jedem Leben längst erledigte Kapitel." Der das sagt, in dem Feature Radikal unversöhnt von Beate Ziegs, ist Thomas Harlan, fast 80 Jahre alt, und geboren eben als Sohn des Regisseurs Veit Harlan, der nicht nur mit dem Film Jud Süß sich als Ideologe des Dritten Reichs erwiesen hat.

Wenn Thomas Harlan von "erledigt" spricht, so meint er die Zeit der Biologie. Er meint damit nicht wie andere Söhne von Nazi-Vätern, dass die Vergangenheit, das Problematische an ihr, das Nicht-Begreifbare, vorüber sei. "Was nicht erledigt ist, ist der Grundton."

Der Grundton im Leben des Thomas Harlan ist die Erfahrung der Schuld, die Nähe des Vaters zu einem Regime, das sich im 20. Jahrhundert grausamer Verbrechen schuldig gemacht hat. Eine Nähe, die das Kind, das Thomas Harlan war, noch selbst erlebt hat, wenn er sich, wie das Feature erzählt, in einem "arisierten" Kaufhaus in Berlin an der Seite von "Onkel Joseph" Goebbels eine elektrische Eisenbahn aussuchen darf.

Mit 13 Jahren wird Thomas aus Berlin auf ein Gut in Ostpommern evakuiert, das nicht weit entfernt liegt von Kulmhof, einem der ersten Vernichtungslager der Nationalsozialisten, ohne Stacheldraht und Baracken. Ein Schloss, in dem der Massenmord organisiert wird in Lastwagen, in die die Menschen gesperrt und durch die ins Wagen­innere geleiteten Abgase umgebracht werden. "Wenn Sie wissen, wo Kulmhof war, und Sie gucken sich die Karte an, beginnen Sie zu zittern. So nah war ich, wie leicht wäre es gewesen, dahin zu fahren und niemand hätte Sie daran gehindert. Und wenn ich erfahre, was in Kulmhof war, in meiner Nähe geschehen ist, dass da 300.000 Leute in einem Wald verschwunden sind, das ist ein Ereignis, da bleibt doch die Welt stehen."

Und so sei er auch stehen geblieben mit der Welt, sagt Harlan dann, um den Moment des Erschreckens über das Unfassbare zu beschreiben. Dieses Stehenbleiben benennt keine Erstarrung, sondern übersetzt sich in einen ungemeinen Aktivismus. Harlan wird zum "revolutionären Weltbürger", lebt in Frankreich, reist nach Israel, in die Schweiz, nach Italien; er engagiert sich für die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und dreht einen Film über einen Abschnitt der portugiesischen Nelkenrevolution.

Beate Ziegs konzentriert sich in ihrem Feature auf, wie es im Untertitel heißt, Thomas Harlans "Erkundungen zum Vierten Reich", die Zeit der Restauration im Adenauer-Deutschland, als die meisten Nazis bruchlos ihre Karrieren in den Apparaten der Bundesrepublik fortsetzen. Bei der Aufführung eines Stückes von ihm in Berlin 1958 nennt Harlan die Namen von Menschen, die unbehelligt blieben, obwohl sie massenhaft Menschen töteten. Sein Schrecken über die Ignoranz, mit der im Deutschland jener Jahre der Holocaust ausgeblendet wird, motiviert eine jahrelange Recherche in Polen. Es wird sichtbar, wie die "Verschiffung" der Beamten aus der Nazizeit in die Bundesrepublik fast systematisch funktioniert hat: "Wenn du in der Gestapo von Lubmin gesessen hattest, warst du mit Sicherheit im LKA von Hessen." Und zumeist auf besserem Posten, "weil es sich um Beförderungen handelte".

Harlan arbeitet der "Zentralen Stelle" zur Aufklärung von NS-Verbrechen zu (deren ersten Behördenleiter Erwin Schüle schließlich selbst als Mitglied von NSDAP und SA ermittelt wird) und freundet sich mit dem Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer an, einem "väterlichen Freund", der 1968 unter nie geklärten Umständen tot in seiner Ba­dewanne aufgefunden wird. In einem der Briefe, die Bauer an Harlan schreibt, steht einmal, die verdichtete Wahrheit sei viel tiefer als die der Protokolle. Davon legt Harlan, der ein Künstler ist, Filmemacher, Dramatiker, Romanautor, in seinen Werken Zeugnis ab. Noch in dem Dokumentarfilm Wandersplitter (Freitag 35 vom 29. August 2008) von Christoph Hübner und Gabriele Voss aus dem letzten Jahr, der ein Gesprächsfilm ist, beweist Harlan sein erzählerisches Talent zur Verdichtung.

In Radikal unversöhnt gelingt es Beate Ziegs, die Vielstimmigkeit dieses Erzählens eindrucksvoll hörbar zu machen. Durch Zitate aus den Romanen, Clips aus den Filmen, vor allem aber durch die Stimme von Harlan. Die ist in den zitierten Ausschnitten aus Wandersplitter noch heller in ihrer faszinierenden zögernden Dynamik und klingt bei den Interviews mit dem kranken Harlan im Feature kehliger, versiegender. "Die Grenzen rücken langsam gegen mich vor", sagt Harlan, der nicht aufhören kann, er selbst zu sein: "Ich muss nicht lange nachdenken, um in der Nähe der Wunde zu bleiben."

Radikal unversöhnt. Thomas Harlan und seine Erkundungen zum "Vierten Reich". Feature von Beate Ziegs am 6. Dezember 18.05 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

00:00 04.12.2008

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare