Zerwürfnisse

Zeitschriftenschau Die österreichische Zeitschrift "Wespennest" wird 35 Jahre alt

Im kleinen österreichischen Literaturbetrieb gibt es seit je so viele Platzhirsche, dass das eifersüchtige Dauergezänk zur üblichen Verkehrsform zwischen den Akteuren geworden ist. Lange Jahre war das ein erbittertes Hauen und Stechen zwischen "Avantgarde" und "Realismus", zwischen den Jüngern der Wiener Gruppe auf der einen Seite und den prononciert politischen und ihrerseits wieder zerstrittenen Autoren um Michael Scharang, Werner Kofler oder Josef Haslinger auf der anderen Seite der Frontlinie.

Das unterhaltsamste Zerwürfnis der letzten Jahre liefern indes seit 1997 Gustav Ernst und Walter Famler, der alte und der neue Herausgeber der Literaturzeitschrift Wespennest. Bei ihrer Erfindung im Jahr 1969 war die von Peter Henisch und Helmut Zenker begründete Zeitschrift ein Blatt mit großem gesellschaftskritischem Ehrgeiz, das sich per "Blattlinie" (die bis in die frühen Neunziger gültig blieb) auf alle üblichen "Methoden und Spielarten realistischen Schreibens" verpflichtete. Der Schriftsteller Gustav Ernst, den man noch heute einen undogmatischen Linken nennen darf, prägte zwei lange Jahrzehnte mit seinem Realismus-Verständnis das Blatt, bis er sich mit seinem Nachfolger Walter Famler wegen einer kritischen Rezension zum Opernball-Roman von Josef Haslinger überwarf. Auf Famlers Konzept einer neuen literarischen Beweglichkeit und grafischen Eleganz reagierte Ernst mit einer puristischen Gegengründung, der Zeitschrift Kolik, die ihren Namen zum Programm machte: mit der Kunst der literarischen Tirade, dem eloquenten Wutanfall und der aggressiven Entzauberung aller Erscheinungsformen von literarischem Opportunismus.

Als das Wespennest im Frühjahr 1999 seinen 30. Geburtstag feiern wollte, holte Gustav Ernst in Kolik zu einer großen Beschimpfungs-Suada aus: Das einst angriffslustige Wespennest, so dröhnte Ernst, sei zu einem kulturkonformistischen Beliebigkeitsblatt mutiert, zu einem grafisch aufgeblähten "Kulturmüll-Sammellager", das nur noch "Kulturschleim" verbreite in einem entsprechend "kleidsamen Mainstream-Arschkriecher-Buckel im innovativen Super-Design". "Was als ›Wespennest‹ herumgeistert", so der grimmige Befund, "ist nur ein Name, Schall und Rauch, der an ferne Zeiten erinnert."

Vom Löwengebrüll des Polemikers unbeeindruckt, hielt Famler seinen Kurs: mit der Erweiterung seines Themenspektrums hin zur Musik und Fotografie, ohne die Neugier auf die im Untertitel des Blatts avisierten "brauchbaren Texte und Bilder" aufzugeben. Seit nunmehr acht Jahren dominiert im Wespennest nicht mehr der scharfe Stachel der Gesellschaftskritik, sondern ein ästhetischer Pluralismus, der mit immer neuen Überraschungen aufwartet. Wer Verkaufszahlen als Erfolgskriterium nimmt, den vermag Walter Famler im Editorial von Heft 133 (2004) sicherlich mit dem Hinweis auf die seit 1990 verdoppelte Auflage (von 2.500 auf 5.000) beeindrucken. Das ist eine verblüffende Entwicklung, zumal im gleichen Zeitraum Periodika wie der Freibeuter oder das Forum vom Markt verschwunden sind oder zu verschwinden drohen (wie das Kursbuch).

Aber was ist unterdessen mit den "brauchbaren Texten" geschehen, die der frühere Redakteur Gustav Ernst so schmerzhaft vermisst? Wer den Beliebigkeits-Vorwurf, der sich durchaus gegen einzelne Hefte erheben lässt, zum unumstößlichen Negativ-Urteil generalisiert, der übersieht die wirklich famosen Porträt-Hefte zu Ernst Jandl (Nr. 125) und Wolf Wondratschek (Nr. 127) oder auch die inspirierten Themenhefte zur Verfallsgeschichte der Literaturkritik (Nr. 111) und zur Kulturgeschichte der "Feindschaft"(Nr. 131), die alle unter der alleinigen Regie Walter Famlers erschienen sind. Der übersieht auch, dass im Wespennest in den letzten fünf Jahren die letzten großen Essays von Lothar Baier publiziert worden sind.

Im aktuellen Jubiläums-Wespennest (Nr. 135) werden nun die entscheidenden Zäsuren in zwei intellektuellen Lebensläufen markiert. Zum einen erscheint eine Würdigung zum 60. Geburtstag von Gustav Ernst, ein sehr geistreiches Porträt des bitterbösen Wespennest-Kritikers, in subtiler Eleganz verfasst von Klaus Kastberger. Diesen Geburtstagsgruß darf man durchaus als Versöhnungsgeste verstehen. Der zweite bewegende Text im neuen Heft ist ein Aufsatz von Lothar Baier, eine kleine diskrete Autobiographie. Baier bilanziert hier sein Dasein als nomadisierender Städtebewohner, den es endgültig nach Montréal und in die kanadische Provinz Quebec verschlagen hat. In seinem letzten Lebensjahr wohnte Baier im Montréaler Stadtteil Saint-Henri, einer Hochburg der Elendsprostitution. Hier, unter den Ärmsten der Armen, hat er noch einmal jene "Wärme" gefunden, die ihm im "lieblosen" Frankfurt versagt blieb. Am Ende seines Textes berichtet Baier von seinem Versuch, das lärmende "Stadtgetriebe" hinter sich zu lassen. Dies gelingt ihm im einsamen "Zwiegespräch mit einer Katze", die der Autor in "Montréaler Französisch" anspricht. Woraufhin die Katze zu schnurren beginnt. Mit diesem zarten Schlussbild hat sich Lothar Baier aus der Welt verabschiedet.

Wespennest, Heft 135, Walter Famler, Rembrandtstraße 31/4, A-1020 Wien. 112 Seiten, 12 EUR. In Deutschland wird das Wespennest über die Deutsche Verlags-Anstalt in München vertrieben.


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00:00 03.09.2004

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