Zu gut, um wahr zu sein

Finanzbetrug Jedes Jahr verlieren ahnungslose Kunden durch Finanzgeschäfte hunderte Millionen Euro an Betrüger. Die Behörden sind oft machtlos. Wir haben einen Fall aufgedeckt

Als Marco Russo zum Ritter gekürt wird, blickt er demütig zu Boden. Drei Meister legen ihm einen weißen Umhang um die Schulter, Hunderte Brüder schauen zu. Der sonst gern laute Geschäftsmann wirkt in dem alten Gemäuer zwischen all dem Gold andächtig, mit großen Augen und glühenden Wangen. Die Urkunde hält Russo später stolz in die Kamera: „Real Asociación Caballeros del Monasterio de Yuste“. Einer der ältesten Ritterorden Europas. Auch der ehemalige König Juan Carlos I. ist hier Ehrenmitglied. Es sieht so aus, als sei Marco Russo endlich in jener Welt der Schönen und Reichen angekommen, zu der er immer gehören wollte. Auf Facebook veröffentlicht er wenig später jede Menge Fotos. Alle sollen sehen können, dass er jetzt ein Ritter ist, ein ehrenwerter Mann.

Diese Bilder fügen sich in einen endlosen Strom von Porträts in Anzügen, auf Golfplätzen, in teuren Hotels, mit Geschäftspartnern und seiner Frau Yulia Shesternikova. Als er im Februar russische Geschäftspartner in Moskau trifft, bezeichnet er sie als „Putins Freunde“. Seine Frau Yulia sammelt für syrische Flüchtlinge im Libanon Geld; auf einem Foto posiert sie mit einer AK-47, einem russischen Sturmgewehr. Andere Bilder zeigen Russo in Hotelpools, unterwegs überall auf der Welt.

Marco Russo scheint im Geld zu schwimmen. Ein geachteter Mann. Das jedenfalls sollen seine Geschäftspartner glauben. In Mailand und Genf lädt er in große Anwaltsbüros, die stets in der Stadtmitte liegen und über eindrucksvolle Rezeptionen verfügen. Zu Terminen kommen Russo und seine Kollegen gerne mal in einem schwarzen Porsche. Alles Fassade. Das Büro in Mailand war fast leer, ohne Mitarbeiter, ohne Papier. In Genf, erinnert sich ein ehemaliger Kunde, lag überall Staub herum.

Marco Russo ist in Wahrheit ein Fälscher. Er fälscht Wertpapiere sowie Staatsanleihen. Diese verleiht er für viel Geld an Kunden, die dringend Geld benötigen. Sie nehmen diese Papiere und hinterlegen sie bei Banken. Dadurch bekommen sie, wenn alles gut geht, Kredite, die ihnen die Geldhäuser sonst nie gegeben hätten. Wenn der Deal auffliegt, kassiert Russo zwar seine üppigen Honorare, seine Kunden aber verlieren ihr Geld. Und wenn es brenzlig wird, wechseln die Betrüger einfach das Land und machen woanders weiter. Russos Modell benutzen Banden auf der ganzen Welt. Die Taktik sei nicht unüblich, sagt Sebastian Fiedler. Er ist beim Bund Deutscher Kriminalbeamter Sprecher für Finanzverbrechen. Deutsche Verbraucher verlieren jedes Jahr hunderte Millionen Euro wegen solcher und anderer Betrügereien.

Viele Strohmänner

Nun nimmt Marco Russo zusammen mit seinen Geschäftspartnern den deutschen Markt ins Visier. In jüngster Zeit ist er deshalb häufiger hierzulande zu Gast. In Hamburg trifft er sich mit Freunden zum Essen und zeigt sich, wie er in einem edlen Büro hoch über der Stadt Verträge unterzeichnet. In Hannover posiert er mit seiner Frau in der Fußgängerzone und besucht den Tierpark, in München ist er in der Nähe des Starnberger Sees zu sehen.

Der Fall des 1970 geborenen Florentiners ist einzigartig und erlaubt dennoch einen tiefen Einblick in das globale System der dreckigen Finanzschiebereien. Über Grenzen hinweg, mit wechselnden Mittelsmännern, Scheinfirmen und Strukturen fließt das Geld. Strohmänner sitzen in Italien, Spanien, der Schweiz, England und Deutschland. Sie arbeiten scheinbar ohne Limits mit Firmen in aller Herren Länder. Sie gründen und schließen Unternehmen, schneller als Behörden hinter die Fassaden schauen können. Die Kunden der Schieber kommen unter anderem aus Österreich, Spanien oder China. In China hat ein Russo-Klient gefälschte Sicherheiten im Wert von 560 Millionen Euro hinterlegt. Für eine österreichische Firma fingierte er 200 Millionen Euro und für eine Chemiefabrik in Russland manipulierte er Sicherheiten über 500 Millionen Euro.

Wie groß das Betrugsvolumen der Finanzschieber weltweit ist, weiß niemand. Ihr System wird so gut wie nie geknackt. Denn von ihrem Betrug profitieren alle. Die Banken, die Kredite vermitteln. Die Opfer, die das große Geschäft wittern. Und eben die Fälscher wie Russo, die Provisionen und saftige Gebühren vorab kassieren. Für Russo sind die Deals fast ohne Risiko. Und wenn er mal auffliegt, hat er sich längst aus dem Staub gemacht. Bis jetzt jedenfalls.

In einer aufwendigen Recherche haben Reporter aus vier Ländern die Spuren Russos und seiner Helfer verfolgt. El Confidetial aus Madrid hat seine Ritterorden aufgespürt. Der Schweizer Tages-Anzeiger hat Mittelsmännern in der Schweiz nachrecherchiert. Das Investigative Reporting Project Italy konnte Akten aus einem Strafverfahren gegen Russo auftreiben. Und das deutsche Recherchebüro Correctiv ging den aktuellen Deals des Betrügers in Hamburg und Hannover nach. Russo hat das nicht gefallen. Über Mittelsmänner ließ er Drohungen aussprechen. Wir sollten Angst kriegen vor juristischen Angriffen. Und zum Beispiel nicht schreiben, wie einfach es geht, Bundesschatzbriefe zu fälschen: Russo benutzte Corel Draw, eine gängige Software zur Bildbearbeitung. „Jeder Fünfjährge könnte das“, sagte Russo.

Italienische Ermittler jagen den Betrüger seit Jahren. Russo ist dort vorbestraft, seine Kriminalakte reicht bis 1995 zurück. Im Jahr 2002 wurde er wegen Betrugs verurteilt, außerdem hatte er sich mit Mitgliedern der Mafia eingelassen, wie Gerichtsdokumente zeigen. Im Mai hat ihn jetzt ein Gericht in Mailand erneut verurteilt. Viereinhalb Jahre soll er für schweren Betrug ins Gefängnis. Doch Russo verdient weiter Geld, nun mit der nächsten Firma in Deutschland.

In Hannover, um genauer zu sein. Von hier aus will Russo mit der von ihm Ende 2013 gegründeten Yuma Finance AG neue Kunden gewinnen. Dafür hat der Italiener Webseiten bauen lassen, die speziell auf hiesige Kunden zugeschnitten sind; auf normale Menschen, die eine finanzielle Beratung suchen. Und er hat richtig Geld investiert. Das geht aus Gesprächen mit seinen Geschäftspartnern hervor. Offenbar plant ein ganzes Team von Finanzbetrügern, in Deutschland Kasse zu machen. Die Russo-Bande arbeitet teilweise in einem legalen Graubereich und die Behörden wissen nichts davon, können potenzielle Kunden in Deutschland davor kaum schützen.

Vor einigen Monaten mietete die Yuma Finance AG einen Stand bei einer Banken-Konferenz in Berlin. Zur selben Zeit kündigte Yuma an, dass sie Zugang zu einem deutschen Fonds habe – ohne nähere Informationen dazu zu veröffentlichen. Ein Köder für deutsche Anleger. Das Angebot ist inzwischen von den Webseiten entfernt worden.

Beliebte Sicherheit

Wie Russo seine Geschäftspartner ausnimmt, kann man am besten am Beispiel der österreichischen Firma Trenkwalder erklären. Auf einer Geschäftsreise nach Istanbul trifft Trenkwalders Finanzberater Andreas Pölzelbauer einen Kollegen der Firma Trident. Beide wollen Kredite aufnehmen, um neue Geschäfte zu finanzieren.

Trenkwalder plant, in die türkische Müllentsorgung einzusteigen, Trident will in Asien eine Ölplattform kaufen. Das Problem: Beide Firmen haben nicht genug Sicherheiten, um die entsprechenden Kredite aufzunehmen. Über türkische Mittelsmänner kommen Trenkwalder und Trident mit Russo in Kontakt, der ihnen gegen eine Leihgebühr Anleihen der Royal Bank of Scotland im Wert von 200 Millionen Euro als Sicherheiten anbietet. Diese Anleihen werden auf der ganzen Welt gerne als Sicherheiten genommen.

Dann geht es schnell. Trenkwalder überweist eine Anzahlung von insgesamt 350.000 Euro als Garantie für die Sicherheiten an Russo. Fünf Tage später soll die Bank die Existenz der Anleihen bestätigen, bevor Russo sein finales Honorar von 10 Millionen Euro bekommen soll, fünf Prozent vom Wert der gefälschten Anleihen. Doch die Bankbestätigung kommt nie an. Trenkwalders Berater setzen Russo unter Druck, die Echtheit der Anleihen zu belegen. Als ihm Trenkwalder sogar mit einer Klage droht, lässt Russo die Firma abblitzen. „Macht, was auch immer ihr wollt, lasst mich verdammt noch mal in Ruhe.“

Wenig später habe er einen Anruf von Russos Handy bekommen, sagt ein Berater von Trenkwalder. Zu hören war die Stimme seiner Sekretärin. „Sie drohte mir, dass sie wüsste, wo meine Familie lebt und dass ich einen ,Besuch‘ bekommen würde“, sagte der Berater einem italienischen Staatsanwalt. „Sie hätten ,hohe Kontakte‘ und ich sollte gut auf mich aufpassen.“ Trenkwalder zeigte Russo trotzdem an.

Fast fünf Jahre später, im Frühjahr 2014, gibt Russo vor Gericht zu, dass er die Papiere für Trenkwalder gefälscht hat. „Ich hätte nie gedacht, dass diese Leute [gemeint sind Trenkwalder und ein anderes Opfer, Anm. d. Red.] mir wirklich 600.000 Euro für ein Stück Papier überweisen“, sagte er dem Richter in Mailand. Trenkwalders Berater Pölzelbauer sei der Betrug definitiv bewusst gewesen, sagte Russo. „Pölzelbauer war eindeutig. Er sagte zu mir: ,Du musst eine Lösung finden‘. Und ich habe ihm eine Lösung gebracht. Entschuldigen Sie, dass ich lache. Aber ich habe sie ihm gebracht.“ Für Russo war Trenkwalder ein willkommenes Opfer, schnell verdientes Geld.

Und so einfach funktioniert der Betrug: Früher bekam Russo von korrupten Bankern Ausdrucke aus der zentralen Verrechnungsstelle für alle europäischen Fonds-Geschäfte, aus Euroclear. Diese Ausdrucke bestätigten dann die Existenz von Staatsanleihen, die es eigentlich überhaupt nicht gibt, beschreibt die italienische Finanzpolizei. Das war in den 90er Jahren.

Heutzutage, da alles elektronisch läuft, haben es Betrüger wie Russo noch viel einfacher. Der Italiener verschaffte sich elektronisch Zugang zum Euroclear-System und druckte sich die gewünschten Bestätigungen einfach selbst aus. Für seine Kunden sah es nun so aus, als wären die Anleihen von einer Bank ausgestellt worden. Ein Betrug ohne Kosten, ohne Aufwand, der überall auf der Welt jederzeit wiederholt werden kann.

Vor Gericht machte sich Russo mehrfach lachend über die Naivität der Österreicher lustig. „Diese Bonds haben nie existiert. Ich bin keine Bank. Wo sollte ich solche Anleihen hernehmen?“ Auch sagt er, dass einige seiner Klienten die Fälschung stillschweigend geduldet hätten, vermutlich sogar davon profitiert. Im Fall Trenkwalder war das Gericht jedoch anderer Meinung. „Alle gefälschten Dokumente sind mit dem einzigen Zweck zusammengestellt worden, Trenkwalder zu täuschen“, schreiben die Richter.

Edel und teuer

Für solche gefälschten Anleihen bezahlte auch Gary Bradford, Geschäftsführer der Ölfirma Trident. 250.000 Euro kassierte Russo von dem Australier als Vorab-Gebühr für angebliche Sicherheiten im Wert von 100 Millionen Euro. Am Ende blieben nur ein paar wertlose Papiere übrig – sowie ein Gerichtsverfahren in Mailand. Weder Trenkwalder noch Trident wollten die Geschäfte mit und den Prozess gegen Marco Russo kommentieren.

Trident und Trenkwalder gehören zu den wenigen, die Russo bis heute vor Gericht gebracht haben. Doch allein die Staatsanwaltschaft in Mailand geht von mindestens vier weiteren Firmen aus, die zwischen 160.000 und 500.000 Euro verloren haben. Als die Finanzpolizei Russos Büro in der Via Durini 5 in Mailand durchsuchte, fand sie zahlreiche weitere Personen- und Firmennamen sowie halbfertige Verträge.

Das globale Volumen solcher und ähnlicher Finanzbetrügereien kennt niemand. Klar ist nur: Es gibt viele Russos. Sie machen ihre Geschäfte mal gemeinsam, mal alleine. Und immer leiden die Menschen vor Ort, platzen Kredite, gehen Arbeitsplätze oder ganze Firmen kaputt.

Marco Russo hingegen versteht es, mit dem ergaunerten Geld zu leben. Er ist Mitglied im edlen Golfklub Poggio dei Medici, mit bekannten Designern ist er persönlich befreundet. Hotels bucht er auch mal für 1.000 Euro pro Nacht. Als Russo die Firmen Trenkwalder und Trident betrog, gönnte er sich einen Porsche 997 für 150.000 Euro und dazu einen Bentley für 164.000 Euro. Erst kürzlich kaufte sich Russo ein Appartment für eine Million Euro, in der Nähe des Ponte Vecchio in Florenz.

Das erste Mal kommt der gebürtige Florentiner als junger Mann wegen Diebstahls und Hehlerei mit dem Gesetz in Konflikt. Später ist er Manager des apulischen Fußballvereins Foggia Calcio. Bis dort wegen Verdachts auf Betrug und Geldwäsche gegen ihn ermittelt und er in Rom unter Hausarrest gestellt wird. Ein Berufungsgericht stoppte damals die Untersuchung.

Verurteilt wird Russo dagegen 2002 in Pisa wegen Geldwäsche und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, ein spezieller Mafia-Tatbestand, den es so nur in Italien gibt. Fünf Jahre soll Russo ins Gefängnis, sitzt jedoch nur einen kleinen Teil davon ab. Schon zwei Jahre später ermitteln die Behörden erneut, diesmal wegen Diebstahls und Schmuggels von Kunstwerken.

In Spanien sollen Mitglieder aus Russos Netzwerk zum Beispiel die Geschäftsführer der Firma Forcusa in die Falle gelockt haben. Diese soll einen Kredit benötigt haben, um die Firma mit mehr als 200 Mitarbeitern zu retten. Ein Finanzberater empfahl den Besuch in einem staubig, fast schon verlassen wirkenden Büro in der Schweiz. Forcusa soll auf einen Kredit über 42 Millionen Euro gehofft haben, den die Firma in Spanien nicht bekommen hatte. Die Gebühren: 420.000 Euro vorweg, insgesamt fast drei Millionen Euro. Für den Kredit sollen die Geschäftsführer zu Treffen in London und Madrid gereist sein. Immer, so haben Ermittlungen in dem Fall ergeben, seien die Mittelsmänner mit neuen Fragen, gepaart mit weiteren Versprechungen gekommen. Den Kredit bekam Forcusa nie zu sehen, die Gebühren waren weg. Heute beschäftigt die Firma nur noch weniger als zehn Leute und wird bald ganz aufgelöst. In Madrid stehen in diesem Fall jetzt mehrere Makler wegen Betrugs vor Gericht.

Hohe Dunkelziffer

Russos bislang offenbar größter Betrug spielt in China, Spanien und Deutschland. Die Suntech Power Holdings Co., der weltweit größte Solarzellen-Hersteller, hinterlegte 560 Millionen Euro in deutschen Bundesschatzbriefen als Sicherheit für einen chinesischen Staatskredit. Die Schatzbriefe hatte es aber niemals gegeben. Als eine spanische Tochterfirma die Schatzbriefe nutzen wollte, flog der Schwindel auf. Suntech beschuldigte Russo, die Anleihen gefälscht zu haben. Man einigte sich schließlich außergerichtlich.

Vor Gericht in Mailand gab Marco Russo jedoch in diesem Januar zu, dass er Anleihen elektronisch gefälscht habe, um seinen Kunden bei Kreditanträgen zu helfen.

Russo spielte auch eine wichtige Rolle in einem der größten politischen Skandale Italiens, der Affäre Telekom Serbia. Der zentrale Vorwurf damals: Politiker sollten beim Verkauf der Telekom Serbia an die italienische Telecom von illegalen Rückzahlungen profitiert haben. Angeblich sollen damals 120 Millionen Euro auf einem Konto in Monte Carlo aufgetaucht sein. Schmiergeld. Letztlich kamen die Ermittler aber zu dem Schluss, dass die angeblichen Bestechungsgelder niemals existierten. Italienischen Gerichtsdokumenten zufolge waren die Belege über die angeblichen 120 Millionen Euro von Marco Russo gefälscht worden.

Mindestens zehn Mal, sagte Russo in diesem Frühjahr vor Gericht, habe er solch gefälschte Sicherheiten vor dem Deal mit der österreichischen Firma Trenkwalder schon an Kunden verkauft. Warum diese Firmen ihn nicht auf Rückzahlung der Gebühren verklagt hätten? „Es hat für beide Seiten gepasst,“ sagt Russo. Die Dunkelziffer solcher Geschäfte ist freilich riesig.

Zurück nach Deutschland: Für die Gründung der nun neuen, seit Ende 2013 existierenden Yuma Finance AG bekam Marco Russo Hilfe von drei Deutschen: Rita Herrmann, Michael Braun und dem Anwalt Bernd Karwiese. Letzterer ist Vorsitzender des Yuma-Aufsichtsrates und sagt, an der Gründung der Firma sei nichts Besonderes. Er habe keinerlei Informationen zu den Vorwürfen gegen Russo. Auch Vorstandsmitglied Herrmann sagt, sie wisse nichts über kriminelle Aktivitäten und sei für mögliche Probleme auch nicht haftbar. Michael Braun sagt dagegen, er habe seinen Vorstandsposten vor einiger Zeit niedergelegt. Grund dafür seien unter anderem die mangelnden Informationen gewesen, die er über Yuma bekommen habe.

Pressesprecherin der Yuma ist Yulia Shesternikova, die Ehefrau von Marco Russo. Sie schrieb noch vor kurzem einen Bericht über ihren Mann auf der Webseite iReport von CNN. In einer E-Mail behauptet sie nun, ihr Mann sei stets von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Weiter schreibt Shesternikova, ihr Mann sei 1985 in Abwesenheit verurteilt worden, ohne dass er sich habe verteidigen können und ohne dass ihm ein Urteil zugestellt wurde. Sie sei eine auf internationale Kriminalität spezialisierte Journalistin und leite die Lügen aus unserer Presseanfrage an ihre Anwälte weiter.

Die Yuma Finance AG wird aktuell von der deutschen Finanzaufsicht BaFin geprüft, sagte eine Sprecherin. Die Ermittlungen der BaFin begannen im August dieses Jahres, Grundlage sind Informationen aus einer Presseanfrage von Correctiv. Das Ergebnis der Untersuchung ist der Sprecherin zufolge noch offen. Sollte die Behörde auf kriminelle Aktivitäten stoßen, gibt sie die Ermittlungen an die entsprechende Staatsanwaltschaft ab. Die öffentlich bekannten Finanzgeschäfte von Russo und seinen Kollegen sind in Deutschland teilweise nicht reguliert. „Das ist ein Graubereich“, sagt die Sprecherin der BaFin. Die Ermittlungen sind deshalb extrem aufwendig. In Deutschland gibt es kein Gesetz, das es verbietet, Gebühren für die Vermittlung von Krediten an Dritte zu erheben. Natürlich ist es aber eine Straftat, Staatsanleihen oder andere Wertpapiere zu fälschen. Russo hat eine legale Fassade, die ihn davor schützt, auf den ersten Blick als krimineller Fälscher aufzufliegen.

Heiko Schöneck ist Finanzberater, der deutschen Kunden Anleihen wie die von Marco Russo vermittelt. Schöneck stand vor etwa vier Jahren in Kontakt mit Russo. Damals habe ihn ein Kunde darum gebeten, Sicherheiten für einen Bankkredit über 300.000 Euro zu besorgen. Schöneck sagte, er habe sich damals an einen weiteren Berater gewandt.

Dieser Berater habe sich als Mittelsmann angeboten und behauptet, er wisse, wie man Wertpapiere für eine bestimmte Zeit mieten könnte. Diese Anleihen würden dann wiederum von Banken als Garantie für Kredite akzeptiert. „Am Ende der Kette stand Russo“, sagte Schöneck. Ob sein Kunde den Kredit letzten Endes bekommen habe, wollte Schöneck nicht verraten.

Eine Kundin von Russo war auch Monique Boes. Boes ist eine in Deutschland lebende Französin und reiste 2009 dreimal nach Italien, um Geld zu organisieren. Dort traf sie sich mit einem Mitarbeiter Russos in einer auf den ersten Blick luxuriösen Anwaltskanzlei, in der Innenstadt von Mailand. Doch auf Boes machte die Kanzlei schnell einen komischen Eindruck: Das Büro war riesig und hatte eine Rezeption – aber keinerlei Mitarbeiter. Noch merkwürdiger war, dass sie in den Räumen nicht ein einziges Anwaltspapier fand, nicht einmal als sie in andere Räume schlich. „Ich habe noch nie eine Anwaltskanzlei gesehen, die kein Papier benutzt“, sagte Boes im Gespräch mit Correctiv.

Trotz all dieser Bedenken wollte ihr Kunde das Geschäft durchziehen. Gerichtsdokumente zeigen, dass Boes’ Firma JMB Europe Limited in der Mailänder Kanzlei 300.000 Euro in bar bezahlte.

Guter Rat ist rar

Boes sagt, ihr Kunde habe die ,Vorab-Gebühr‘ bezahlt, weil er von Russo deutsche Staatsanleihen im Wert von 500 Millionen Euro leihen wollte. Insgesamt hätten Russos Gebühr dafür am Ende 13 Millionen Euro betragen sollen. Die Anleihen wiederum sollten einer Schweizer Bank als Sicherheit für einen Kredit präsentiert werden. Diesen Kredit benötigte Boes‘ Kunde, um den Aufbau einer Chemiefabrik in Russland zu finanzieren. Ihre Rolle dagegen sei es gewesen, den Kredit in der Schweiz zu organisieren und die Gespräche zwischen ihrem Kunden und Russo zu übersetzen. Boes wollte weder den Namen ihres Kunden nennen noch sagen, ob er den Kredit letztlich bekommen hat.

Glaubt man Finanzberater Heiko Schöneck, steht Marco Russo am Ende einer ganzen Reihe von Beratern. Die größten Geschäfte würden dabei von den Mittelsmännern gemacht. Doch die Jagd nach Opfern beginnt viel eher. Die allermeisten potenziellen Opfer sind normale Bürger, viele benötigen einfach nur Beratung, wie sie mit ihren Ersparnissen oder Schulden umgehen sollen. Doch guter Rat ist gerade in Finanzfragen schwierig zu finden. In Deutschland gibt es kaum Geld für unabhängige Beratungsstellen. Das gilt auch für die Verbraucherzentralen. Andreas Gernt ist Finanzexperte bei der niedersächsischen Verbraucherzentrale. Gernt sagt, in den 1980er Jahren habe die Zentrale in größerem Umfang Kreditberatung für normale Verbraucher angeboten. Wegen fehlender Finanzierung sei das jedoch stark zurückgefahren worden.

Das ist besonders gefährlich in einer Zeit, in der immer mehr Betrüger Geschäfte anbieten, die zu gut sind, um wahr zu sein. Ein Beispiel sind schufafreie Darlehen für Menschen mit miserabler Kreditwürdigkeit. Die Schufa selbst gab deshalb im Jahr 2012 eine Studie in Auftrag. Das Ergebnis: Weniger als zwei Prozent aller Testkunden, die Gebühren für die Vergabe von Krediten bezahlten, bekamen auch wirklich einen Kredit. Die betrügerischen Gebühren für diese angeblichen Kleinkredite betrugen im Schnitt 400 Euro. Das Fehlen von vertrauenswürdiger Finanzberatung hinterlässt eine Lücke, in die Betrüger wie Marco Russo hineinstoßen, um dann als angeblich seriöse Finanzberater aufzutreten.

Russo investiert viel Zeit in seine Maskerade. So veröffentlichte seine Ehefrau Yulia Shesternikova zwei Geschichten über ihn auf CNN iReport, unter ihrem Mädchennamen. CNN iReport ist eine scheinbar angesehene Nachrichtenseite des bekannten Senders. Tatsächlich werden dort aber auch Public-Relation-Sachen ins Netz gejagt. Shesternikova preist in ihren Geschichten denn auch ihren Gatten als erfolgreichen Geschäftsmann. CNN schreibt schlicht auf seiner Webseite, dass es die Fakten der Geschichten auf iReport nicht überprüft.

Mehrere Bitten um ein persönliches Gespräch wies Russo ab. Auf Anfrage von Correctiv antwortet er schließlich per E-Mail. Er sei immer von allen Vorwürfen freigesprochen worden und dass Reporter, die über ihn schreiben, Verlierer-Journalisten seien, die eine “absurde Recherche“ verfolgen würden. Bisher sind Betrüger wie Russo den Ermittlern stets einen halben Schritt voraus. Russo selbst scheint das zu genießen. Sein Lieblingsfilm ist Geschäftspartnern zufolge der Hollywood-Erfolg ‘Catch me if you can’.

Eine Kooperation mit dem Recherchebüro CORRECT!V

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06:00 17.09.2014

Ausgabe 31/2020

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