Zum Gelage der Nation

Alltag Es gibt keine gesellschaftliche Entwicklung, die sich nicht im Schlager und seinem Personal ausdrückt. Beobachtungen zum Zusammenspiel von Musik und Politik

Ob Gracias Teilnahme am deutschen Vorentscheid zum European Song Contest rechtens war, führte zu einem Streit in Deutschland. Ihr Produzent hatte etliche CDs aufgekauft, um Gracia in die Charts zu hieven und ihr so eine Wild Card für den Wettbewerb zukommen zu lassen. So ganz ist der Streit noch nicht abgeklungen, aber dennoch darf die Münchner Sängerin am 19. und 21. Mai Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kiew vertreten; der führende NDR-Funktionär hat ein Machtwort gesprochen. Früher hieß dieser Wettbewerb überdies Grand Prix Eurovision de la Chanson, aber damals war die Agentur für Arbeit ja auch noch das Arbeitsamt.

Auf Gracias Stimmbändern lastet eine große Verantwortung, denn sie soll den Abstand Deutschlands zur europäischen Spitze nicht allzu groß werden lassen. Ob ihr Song Run Hide das bewirken kann, ist fraglich. Aber in jedem Fall zeigt sich, dass sich im Schlager die gesellschaftliche und politische Entwicklung dieser Republik viel genauer erkennen lässt als etwa im politischen Feuilleton oder in Untersuchungen der empirischen Sozialwissenschaft.

Gracia wurde einer größeren Öffentlichkeit als Teilnehmerin am von RTL organisierten Wettbewerb Deutschland sucht den Superstar bekannt. Damals präsentierte Bundeskanzler Schröder der verblüfften Öffentlichkeit auch einen Mann namens Wolfgang Clement als Superminister, mit dem der Anschluss an den Weltmarkt gewiss geschafft würde.

Weder Clements noch Gracias Meriten sind nennenswert. Während Clement nicht gerade souverän das Bundesland Nordrhein-Westfalen regierte, präsentierte sich Gracia als bloß Fünfte beim Superstar-Wettbewerb.

Sind also beide, sowohl Gracia als auch Clement, nur auf undurchschaubare Weise nach oben gelangt, so bleiben beide auch nur dort, weil sich höher gestellte Autoritäten – ein zuständiger Redakteur des NDR auf der einen Seite, ein zuständiger Kanzler der SPD auf der anderen – für sie aussprechen. Außerdem wäre ein kurzfristiges Auswechseln des Personals so kurz vor dem Wettbewerb in Kiew beziehungsweise der nächsten Bundestagswahl kaum mehr vermittelbar.

Clement und Gracia sind nur die aktuellsten und nicht mal augenfälligsten Belege für eine sehr weitreichende Parallelentwicklung von Schlager und Politik. Die aktuellen Schlagercharts etwa werden von Gilbert mit seinem Titel Immer du angeführt. Der stammt zwar aus Österreich, aber der Umstand, dass er mit acht Jahren sein erstes Instrument erlernte und mit neun erstmals auf der Bühne stand, lässt ihn frappant an Roland Koch erinnern. Die politische Karriere des heutigen hessischen Ministerpräsidenten führte ja auch steil von der Schülerunion über die Junge Union in die Christenunion.

Noch mehr als Gilbert erinnert die aktuelle Nummer zwei der deutschen Schlagercharts, der Sänger Michael Heck, an Roland Koch. Heck, der aus dem hessischen Herborn wie Koch aus dem hessischen Eschborn stammt, reüssiert gerade mit Tequila Sunrise Bar und liefert damit die musikalische Untermalung der Kochschen Vorstellungen über amerikanische Sozialhilfe nach dem Modell des Bundesstaates Wisconsin.

Überhaupt gibt es keine gesellschaftliche Entwicklung, die sich nicht musikalisch im Schlager und seinem Personal ausdrückte. Und welche Bedeutung den jeweiligen Tendenzen beizumessen ist, lässt sich recht gut in den Verkaufszahlen und Hitparaden ausdrücken.

Zu den aktuell gut verkauften Titeln, die freilich nicht das Zeug zum ganz großen Hit haben, gehört Halleluja von Hanne Haller. Ein anderes Wort als Halleluja findet sich in dem sehr gospelähnlich gesungenen Lied nicht. Hanne Haller, die in Anbetracht der Jugendlichkeit des Schlagergenres mit ihren 55 Jahren schon ein päpstliches Alter erreicht hat, wirkte, wie analog Joseph Ratzinger, in den letzten Jahrzehnten auch sehr effektiv und richtungsweisend hinter den Kulissen als Produzentin, Texterin und Komponistin für den deutschen Schlager.

Mal entspricht der Schlager der historischen Entwicklung, und manchmal ist es auch die historische Entwicklung, die sich dem Schlager anpasst. Man kann es sich beinah aussuchen. 1990 etwa, im Jahr der Wiedervereinigung, wurde die deutsche Vorentscheidung für den Grand-Prix von dem mönchengladbacherisch-jugoslawischen Duo Chris Kemper und Daniel Kovac gewonnen. In ihrem Lied Frei zu leben hieß es ganz aktuell zur Entwicklung in den beiden deutschen Staaten: »Reißen wir die unsichtbaren Mauern endlich ein«. Die beiden wurden beim Grand-Prix-Auftritt Neunte, was nicht nur daran lag, dass die Deutschen nicht so beliebt waren, wie sie glaubten. Auch dass Norwegen mit einem Lied namens Brandenburger Tor und Österreich mit Keine Mauern mehr das deutsche Thema quasi klauten, bewirkte den kleinen Dämpfer fürs deutsche Liedgut.

Schon in der deutschen Vorausscheidung konnte sich das von Kemper und Kovac repräsentierte deutsche Freiheitsthema nur schwer gegen die neue Reiselust, die von der Gruppe Xanadu mit Paloma Blue musikalisch dargeboten wurde, durchsetzen. Und das von dem späteren PDS-Vize Dieter Dehm mit Text und Musik versorgte Duo Kennzeichen D kam mit dem Song Wieder zusammen nur auf Platz acht der nationalen Vorausscheidung.

Ein Jahr später, 1991, trat für Deutschland eine so willkürlich wie der neue Bundesrat zusammengepurzelte Kombo namens Atlantis 2000 an, deren Lied Dieser Traum darf niemals sterben eine Verarbeitung der DDR-Geschichte darstellte: »Und sie lehrten uns zu kämpfen / und wir lernten zu verlieren / auf der Suche nach der Freiheit / ließen wir uns oft verführen / was sie uns erzählten / alles haben wir geglaubt«. Die ARD hatte für die Präsentation der Lieder beim nationalen Vorentscheid die grandiose Idee, die Interpreten durch prominente Paten vorstellen zu lassen. Atlantis 2000 stellte man den Nahostexperten Gerhard Konzelmann zur Seite, gegen den nur wenig später ein Verfahren wegen Plagiats anhängig war und der sich bald entschloss, seine Suche nach Freiheit als Medienberater von Yassir Arafat fortzusetzen. Sage niemand, das sei reiner Zufall, oder das Ereignis der deutschen Wiedervereinigung sei halt so den Alltag durchschüttelnd gewesen, dass auch der Schlager es hätte verarbeiten müssen.

1956 wurde der Grand Prix erstmals ausgetragen, und ganz passend zum damaligen Stand der europäischen Integration fand er unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aber mit zwei deutschen Vertretern! Die Entsendung sowohl von Freddy Quinn (So geht das jede Nacht) als auch von Walter Andreas Schwarz (Im Wartesaal zum großen Glück) symbolisierte den gerade durch Remilitarisierung und Erlangung der Souveränität ausgedrückten innereuropäischen Machtanspruch der Bonner Republik nicht schlecht. Gerade in Schwarz´ Lied zeigt sich der unbedingte Wille zum Ende der weltpolitischen Isolation: »Es gibt einen Hafen, da fährt kaum ein Schiff« und »Man baute am Kai der Vergangenheit / einen Saal mit Blick auf das Meer«.

1962, etwa ein halbes Jahr nach dem Mauerbau, zeigte sich das westdeutsche Gemüt nicht von Sorge um die geteilte Nation geprägt, sondern vom Wirtschaftswunder und den sich daraus ergebenden Chancen. Deutschland wurde von Conny Froboess mit Zwei kleine Italiener beim Grand Prix vertreten: »Eine Reise in den Süden ist für andre schick und fein / doch zwei kleine Italiener möchten gern zu Hause sein.« Sowohl Gastarbeiterromantik mit erster Pizzeria als auch die Urlaubsreise mit dem Käfer über den Brenner finden ihren musikalischen Ausdruck.

Den größten internationalen Erfolg feierte der deutsche Schlager 1982, als Nicole mit ihrem Lied Ein bisschen Frieden den Grand Prix gewann. Das Lied war innergesellschaftlich durch die Angst vor Natoraketen getragen. Nach außen transportierten sowohl Friedensbewegung als auch Nicole ein neues Bild Deutschlands: nicht mehr kriegswillig und aggressiv, sondern zur Abrüstung bereit. Zeitgleich zu Nicoles europäischem Triumph erreichte Nena mit 99 Lufballons als erste Deutsche einen Nummer-Eins-Erfolg in den amerikanischen Charts.

1982 war nicht nur das Jahr der Friedensbewegung und des Nicole-Erfolgs, sondern auch der Amtsantritt von Bundeskanzler Helmut Kohl und der Schlagerregentschaft von Nicoles Produzent Ralph Siegel. Ähnlich lange wie Helmut Kohl auf die Kanzlerschaft hatte Siegel auf den Grand-Prix-Erfolg hingearbeitet. Und ähnlich wie Kohl als pfälzisch sprechende Birne verhöhnt wurde, erging es Siegel als Schnulzenproduzent. Aber der Erfolg gab beiden Recht, und im Jahr 1982 begann ihr einzigartiger Siegeszug. 16 Jahre dauerte ihre jeweilige Regentschaft, und beider Abwahl fand im Jahr 1998 statt.

Im Schlager war es Guildo Horn mit seinem Song Guildo hat euch lieb, der den Umbruch signalisierte, und in der Politik Gerhard Schröder. Für Horn setzte sich sein Produzent Stefan Raab mit dem sehr an Siegel erinnernden Pseudonym »Alf Igel« ein; für die SPD half der auf Kohl gemünzte Wahlslogan »Der Dicke muss weg«. Bei beiden Abwahlen waren primär ästhetische Gründe ausschlaggebend. Kohls Figur und Siegels Rhythmen waren nicht mehr aushaltbar. Nicht politisch, sondern im Bereich der Lebensverhältnisse bedurfte das Land einer kulturelle Modernisierung, das drückte sich auch im zweiten Platz des Duos Rosenstolz mit Herzensschöner aus: Eine heterosexuelle Sängerin und ein schwuler Sänger als kulturelle Boten des rot-grünen Projekts.

Ralph Siegel, der sich 1998 – wie Helmut Kohl – noch einmal zur Wahl stellte, wurde vom per T-Vote-Call-Verfahren abstimmenden Publikum abgestraft: seine drei für den Wettbewerb eingereichten Beiträge belegten Platz sechs, sieben und acht.

Im Jahr 2005, in dem Rot-Grün nicht mehr die Strahlkraft von vor sieben Jahre besitzt und auch Guildo Horn durch Bierzelte tingeln muss, hat sich die Nation darauf verständigt, dass Gracia das Land musikalisch auf den Begriff bringt.

Die juristische Verstimmung, ob Gracia überhaupt rechtens für Deutschland am Eurovision Song Contest teilnimmt, ändert nichts daran, dass sie per demokratischer Abstimmung gewählt wurde. Und ihr Song Run Hide, »Lauf und versteck dich«, formuliert recht präzise das Verhältnis der deutschen Wähler zur Sozialdemokratie: »Twenty five reasons – to leave you / But I´m still feeling / kinda blue inside / Watching our words collide« Und dann im Refrain: »You´d better run and hide / Too many dreams, hopes have died.«

Die Bereitschaft, mit deutschsprachigem Liedgut den Rest der Welt zu erfreuen, hat deutlich nachgelassen. Statt eigene Truppenaufmärsche zu veranstalten, ist Gerhard Schröder ja auch eher in Moskau anwesend, um bei der Parade des Endes des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Schlagersendungen wie die ZDF-Hitparade oder die SWR- Schlagerparade gibt es auch nicht mehr im Fernsehen, und für die Verlierer beim Kampf um den Anschluss an den Weltmarkt gibt es immer noch die volkstümliche Musik. Die erlebt einerseits seit Ende der achtziger Jahre einen einzigartigen Boom. Andererseits aber traut man sich hierzulande noch nicht, sie als deutschen Beitrag zum europäischen Vergleich anzumelden. Also schicken wir den singenden Wolfgang Clement vorbei.


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00:00 13.05.2005

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