Zur Lage der Union

Bild Die Agentur Ostkreuz setzt seit 1990 aufs Kollektiv. Jetzt blicken die Fotograf:innen gemeinsam auf Europa
Zur Lage der Union
„La Rada di Augusta“ von Sebastian Wells (2019/20)

Die Gründung der Agentur Ostkreuz war im Kontext der politischen Wende 1989/90 eigentlich ein Paradox; als die meisten anderen Kunstschaffenden froh waren, der kollektivistischen Zwangsjacke entronnen zu sein, und sich aufmachten ins individualistische Zeitalter, taten sich sieben Fotografen zusammen, um ein Fotografen-Kollektiv zu begründen. Was auf den ersten Blick rückwärtsgewandt erscheint, entsprang jedoch der weitsichtigen Erkenntnis, dass man als Einzelkämpfer aus dem Osten kaum eine Chance auf dem damals schon harten Markt der freien Fotografen gehabt hätte. Die Gründung einer Agentur, die, ähnlich wie das berühmte Vorbild Magnum, als Genossenschaft organisiert war, erschien als Überlebensstrategie am naheliegendsten. Ein Fundament war bereits vorhanden, denn Ute und Werner Mahler, Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Thomas Sandberg, Jens Rötzsch und Harf Zimmermann waren schon in der DDR erfahrene Fotografen mit einem reichhaltigen Œuvre. Das Selbstbewusstsein, mit dem man sich an Magnum maß, entsprach durchaus dem Stellenwert, den sie im Osten hatten.

Das ist nun 30 Jahre her und die Gründungsgeschichte zum Stoff für launige Anekdoten geworden. Etwa die Geschichte des tragbaren Funktelefons, welches man sich, da in Ostberlin nur schwer ein Telefonanschluss zu bekommen war, für siebentausend Westmark anschaffte, um für potenzielle Auftraggeber erreichbar zu sein. Jeden Abend musste das kofferartige schwere Teil von einem der Mitglieder mit nach Hause genommen und gehütet werden, um ja kein Klingeln zu verpassen. Eine lohnende Investition – bildlich gesprochen hat das Klingeln seitdem nicht mehr aufgehört und Ostkreuz ist zur vielleicht wichtigsten Agentur in Deutschland geworden. Auch heute bezeichnen sich die Ostkreuzler gerne noch als Kollektiv, ein Begriff, der merkwürdig fremd klingt in einer Epoche, die das permanent mit anderen konkurrierende Subjekt als höchste Form der Existenz preist. Aus den sieben Gründungsmitgliedern, von denen drei noch dabei sind (die beiden Mahlers sowie Hauswald), sind derzeit 22 Fotografen geworden, alters- und herkunftsmäßig bunt gemischt – der jüngste gerade 24 Jahre alt (Sebastian Wells), das andere Ende der Altersskala beschweigen wir vornehm.

„Die Crew beobachtet das Meer, Mission-Lifeline“ von Annette Hauschild

Die Agentur hat in der Zeit ihrer Existenz die verschiedensten Metamorphosen durchlaufen. Auch die Bildsprachen und Arbeitsweisen der einzelnen Mitglieder unterscheiden sich bisweilen grundlegend. Journalistisch arbeitende Fotografen wie Maurice Weiss, der hauptsächlich im Politikbetrieb unterwegs ist, stehen neben Porträtfotografen wie Thomas Meyer oder denen, die eher in den Bereichen Mode oder Sport reüssieren. Allen gemeinsam und Voraussetzung für die Aufnahme in die Agentur ist eine ausgeprägte Handschrift, gerne einhergehend mit einer erkennbaren Haltung zum Zeitgeschehen. Mit der sich verändernden Rolle der Fotografie in der Gesellschaft und den Medien hat sich im Lauf der Zeit der Fokus vieler Arbeiten verändert. So kommt es, dass beispielsweise Anne Schönharting, die einst für ihre Sozialreportagen aus dem Souterrain der Gesellschaft bekannt war, heute eher Modestrecken für Prada und Brioni fotografiert. Mancher mag die Abkehr von der reinen Lehre bedauern, aber mit gesellschaftlich engagierten Themen allein lässt sich im Alltagsgeschäft schlicht kein Geld mehr verdienen. Tobias Kruse, der seit 2011 Mitglied bei Ostkreuz ist, aber schon vorher dort arbeitete, erinnerte sich kürzlich im Interview an die Zeiten, als man sich noch „im Büro traf, um abzuhängen, zu quatschen, ganz viel zu rauchen und um drei den ersten Wein aufzumachen“. Das dürfte für die jüngsten Fotografen der Agentur, die nichts anderes als den Druck des Marktes kennen, wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingen.

„Pindar Street“ von Dawin Meckel (2017)

Allem Kollektivgedanken zum Trotz ist ein Fotograf meist Einzelkämpfer. Der Austausch unter den Kollegen hat daher einen hohen Stellenwert bei Ostkreuz, institutionalisiert durch den monatlichen Jour fixe, bei dem aktuelle Arbeiten besprochen und Tacheles geredet wird. Von Beginn an gab es auch die Idee der Gruppenprojekte. In einem Abstand von ungefähr fünf Jahren sollte aus der Quantität der Mitglieder eine besondere Qualität erwachsen. Inzwischen sind diese thematischen Gruppenausstellungen auch eine Antwort auf die verschwindende Rolle der Printmedien. Diese waren in ihren Blütezeiten die Plattform, um als Fotograf oder Agentur wahrgenommen zu werden. In Zeiten sinkender Budgets und Leserzahlen und der damit verbundenen dramatischen Reduzierung des Auftragsvolumens für freie Fotografen bei gleichzeitiger Vervielfachung der Verbreitungskanäle ist die mangelnde Sichtbarkeit für Fotografen ein existenzielles Problem. Ausstellungen sind daher wichtiger geworden.

„Bil“ von Espen Eichhöfer

Ein Mammutprojekt wie Kontintent mit 22 Fotografen hat eine lange Vorlaufzeit. Die Planung begann bereits vor etwa fünf Jahren und fiel mit dem Schock der Terroranschläge in Paris 2015 zusammen. Einige Ostkreuz-Mitglieder befanden sich gerade in der Stadt und saßen abends fassungslos im Hotelzimmer beisammen, während auf den Straßen die Blaulichter zuckten. In der Folgezeit reifte die Idee heran, sich des Themas „Europa“ anzunehmen. Die tiefen Risse im Gebälk zum Anlass zu nehmen und nach der inneren Verfasstheit des Kontinents zu fragen. Die Krise ist ja nicht erst seit Corona ein Dauerzustand geworden – Schuldenkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise etc. Sie greift längst in den Alltag der Menschen ein und bestimmt ihre Lebensentwürfe. Die Vorzeichen eines sozialen Bebens in Teilen Europas mehren sich, und es macht sich eine Ahnung breit, dass wir vor einer Zeitenwende stehen. Krise bedeutet ja immer auch die Ablösung und Neujustierung bestehender Werte und Normen. Europa als humanistische Idee ist brüchig geworden, die Selbstverständlichkeit verloren gegangen.

Irgendwie ’ne komische Idee

Seit den Pariser Anschlägen ist der Kontinent nicht mehr zur Ruhe gekommen. In einer Art Manifest zur Ausstellung schreibt die Agentur: „Niemals hätten wir uns damals – damals – vorstellen können, wie Europa fünf Jahre später aussehen würde, welche Verwerfungen und Krisen auf uns zukommen könnten.“ Als „Liebeserklärung“ an Europa wollen die Fotografen ihre Ausstellung verstanden wissen; aber ist sie nicht gleichzeitig ein Requiem? Ein Zurück zur guten alten Zeit wird es schon wegen des Klimawandels nicht mehr geben. Sebastian Wells weist in seiner Arbeit über die Verheerungen der Erdölindustrie auf Sizilien darauf hin, wie die „verwitternden Artefakte des Turbokapitalismus“ die antike Kulturlandschaft geprägt haben und nun allmählich selbst zu Ruinen des vergehenden Industriezeitalters werden.

„Junges Mädchen im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloss Trebnitz“ von Ina Schoenenburg (2019)

Das rituelle Bekenntnis zur europäischen Idee gehört zur Grundausstattung jedes aufgeklärten Citoyens, davon abzuweichen ist zumindest ungewöhnlich. Johanna Maria Fritz, ebenfalls eine der jüngsten Fotografinnen der Agentur, die in ihrer Arbeit das Hexen(Un)wesen in Rumänien untersucht, tut das, wenn sie im Podcast zur Ausstellung bekennt, angesichts der Zustände im Lager Moria mit Europa nichts mehr anfangen zu können: „Ich bin ziemlich sauer, es nervt mich und ich finde es ignorant – Europa ist irgendwie ’ne komische Idee.“ Womöglich manifestiert sich hier die Sicht einer jungen Generation, für die Dinge wie Reisefreiheit schon so selbstverständlich sind, dass der Blick geschärft wird für andere Themen wie das Versagen der europäischen Institutionen in der Flüchtlingskrise. Für die Älteren gehört ein Europa ohne Grenzen immerhin bereits einige Jahrzehnte zum Alltag, sodass sie – wie Heinrich Völkel – mit Staunen auf die plötzlich wieder aufgerichteten Schlagbäume und Grenzkontrollen schauen, welche die Pandemie hervorgebracht hat. Nicht alle Arbeiten sind auf diese Art politisch aufgeladen; einige Fotografen zeigen sehr persönliche Geschichten. Das ist kein Nachteil, denn natürlich ist Europa nicht nur ein politisches Konstrukt, sondern die Summe vieler Millionen Einzelschicksale, die es wert sind, erzählt zu werden. Wenn es eine Erkenntnis gibt, die der Betrachter mitnimmt, dann diese, wie sehr Europa zu einer unauflösbaren Schicksalsgemeinschaft geworden ist. Manches nimmt man eben erst mit geschärftem Blick wahr, wenn es verlustig zu gehen droht.

Info

Kontinent – Auf der Suche nach Europa Akademie der Künste am Pariser Platz, Berlin, bis 1. Januar 2021

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06:00 01.10.2020

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