Zur Unruhe kommen

Nachlass Die Hölle, sagte der norwegische Schriftsteller Tor Ulven, ist gelebte Realität. Und so wirken seine Schriften: gnadenlos, aber brillant
Konstantin Ulmer | Ausgabe 42/2014

Es gibt Literatur, die ist wie Schnaps: So hochkonzentriert, dass sie erst brennt und dann gleich in den Kopf steigt. Ein bisschen davon führt zum Rausch, ein bisschen mehr zum Kater. Der norwegische Schriftsteller Tor Ulven, der sich 1995 im Alter von 41 Jahren schwer depressiv das Leben nahm, war eine Größe auf dem Gebiet dieser Textdestillate. Gerade ist das zweite Ulven-Buch in deutscher Übersetzung erschienen: Das allgemein Unmenschliche, beginnend mit zwei Sammlungen von Kurzprosa.

Einen Plot im klassischen Sinn hat das Buch nicht: Ulven beschreibt zusammenhanglose Szenen, Stillleben, Entdeckungen im Inneren und Äußeren, beides oft miteinander verwoben und sich gegenseitig bedingend. Die tote Fliege auf der Fensterbank ist genauso ein Erzählanlass wie ein Zeitungsfoto von einem Gefangenentransport, das Dröhnen eines Flugzeugs oder die Kindheitserinnerung an ein Begräbnis. Trotzdem gehört alles zusammen. Es sind nämlich die Themen und die Sprache, die aus den Schnipseln ein Buch machen.

Ein zentrales Leitmotiv der versammelten Texte ist die Dunkelheit. Oder, genauer, das Dunkelwerden, das „Dämmerungsdunkel“, das „wie ein alter Wald“ in die Beobachtungen wächst, langsam und unaufhaltsam, bis die Zimmer zugewachsen sind, in denen sich die Erzähler niedergelassen haben. So verschwindet mit der Zeit alles im Düstern, selbst der Schreibanlass: „Der Raum wird so dunkel, dass nichts mehr geschildert werden kann.“ Das passt zu Ulvens erstem Buch, das in Norwegen kurz vor dessen Tod erschien und bisher als einziges übersetzt war: Dunkelheit am Ende des Tunnels. Ein Buch ohne Ironie, aber, laut Frankfurter Allgemeine Zeitung, mit der „Anziehungskraft des Abgrunds“.

Ähnlich funktioniert Das allgemein Unmenschliche. Die Prosasplitter bohren sich unnachgiebig ins Leserfleisch. Überall ist Schmerz und Leid, und was die Sache noch unangenehmer macht: Ulven schreibt nicht pathetisch, schon gar nicht weinerlich, sondern mit einem Pessimismus, der schlicht und selbstverständlich ist. Das geht von der Selbstresignation bis zur Leseransprache: „Wenn du“, lieber Leser, „niemals entstanden wärst, würdest du dies nicht lesen. Und es würde keinen Unterschied machen. Und wenn du nicht mehr bist, wird es sein, als hättest du es nie gelesen. Das macht keinen Unterschied.“

Und der Rausch? Sofern man nicht masochistisch veranlagt ist, liegt der im Literarischen, im Stil, in der Fantasie. In Ulvens extrem dichten Texten steckt eine doppelte erzählerische Archäologie: Er sucht beobachtungsscharf nach den Spuren der Zeit, den versteinerten Fußabdrücken der (kleinen) Geschichte, in denen Anwesenheit und Abwesenheit gemeinsam existieren können. Und genauso verfährt er mit der Sprache: Immer wieder gräbt er veraltete Wörter aus und pflanzt sie in seine Prosastücke. So entstehen nicht nur packende Texte, sondern auch eine Distanz zum Stoff, die den Leser entlastet und für den Autor eine Form sprachkritischer Brechung ist. Denn die Welt ist ohnehin nicht zu fassen. „Du kannst es mit den wahnwitzigsten Wörtern versuchen, aber sie treffen nicht.“

Natürlich ist das anstrengend. Und wenn irgendwann alles verdunkelt ist, der Rausch im Kater zu enden droht, dann kommt der dritte Teil des Buchs: ein Interview. Oder: das Interview, denn es ist das einzige, das der Autor zeitlebens gegeben hat. Ulvens Antworten ernüchtern, sind voller Wissen, von bedrückender, brillanter Klarheit und begründen den Pessimismus seiner Texte. Denn die Hölle, sagt Ulven, „ist gelebte Realität“. Aus diesem Credo entwickelt er seine Poetik der Beunruhigung, des Quälens. Ja, das ist nicht immer leicht zu ertragen. Doch nach der Lektüre muss man zugeben: Es hat sich gelohnt.

Das allgemein Unmenschliche Tor Ulven Droschl 2014, 208 S., 22 €

06:00 29.10.2014

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