Zurück in die Zelle

Begegnung Günter Wallraff saß 1974 in Athen für eine Weile im Knast. Hierzulande wissen das nur noch wenige, in Griechenland wird er dafür bis heute verehrt
Christine Märkl | Ausgabe 25/2017 5

Vor einigen Wochen fragte mich mein Chef: „Rate mal, welcher berühmte deutsche Journalist um eine Drehgenehmigung in Korydallos nachgefragt hat!“ Seit einem Dreivierteljahr arbeite ich im griechischen Justizministerium in Athen, für den dortigen Generalsekretär, Eftichis Fitrakis. Auf seine Frage hin zuckte ich mit den Schultern. „Günter Wallraff vielleicht?“, platzte meine Kollegin Sofia heraus. Ich war beeindruckt. Sofia ist Griechin und hat, im Gegensatz zu mir, überhaupt keinen Bezug zu Deutschland. Den Namen Wallraff kannte ich natürlich von Lektüren in meiner Jugend. Aber eine solche Reaktion in Griechenland?

Als Wallraff dann endlich kommt, ist Sofia enttäuscht, dass sie bei seinem Besuch des Athener Gefängnisses Korydallos nicht dabei sein kann. In jener Haftanstalt war der Schriftsteller und Enthüllungsjournalist 1974 eingesperrt. Wallraff, dieses Chamäleon, das sich 1983 als Türke „Ali“ bei Thyssen, später als Hans Esser bei der Bild-Zeitung und schon etwas ergraut bei einem Call-Center eingeschmuggelt hat, um die dort herrschenden Arbeitsbedingungen zu skandalisieren, ist für viele ältere Griechen so etwas wie ein Held. Ich hingegen muss mir das meiste, was damals, vor gut 40 Jahren, passiert ist, erst einmal anlesen: Am 10. Mai 1974 kettete Wallraff sich auf dem mittlerweile berühmt gewordenen Syntagma-Platz im Herzen Athens an einen Strommast, um gegen die damals dort herrschende Junta zu protestieren. Er wurde geschlagen, verhaftet und zu 14 Monaten Haft verurteilt. Darüber will er jetzt, 43 Jahre später, einen Film drehen.

Mein Vorgesetzter Fitrakis, der in Deutschland Jura studiert hat und dort als Gastwissenschaftler tätig war, ist sofort einverstanden und erteilt die Erlaubnis zum Dreh. Er erzählt mir, dass er sich an einen Ausschnitt aus Wallraffs Buch Ganz unten erinnert, den er in den 1990er Jahren im Deutschunterricht hatte bearbeiten müssen. „Ich habe mich schon damals für Menschenrechte interessiert, und seine Aktion, die von Mut und Selbstbewusstsein zeugt, hat mich sehr beeindruckt.“ Als Politiker verfolge er selbst allerdings lieber juristische Wege, wie er es ausdrückt.

Als Wallraff 1974 nach Athen kam, um sich ein Bild vom griechischen Widerstand und von der Situation der politischen Gefangenen zu machen, sei er noch ein Kind gewesen, sagt Fitrakis. Wallraffs Aktion auf dem Syntagma-Platz war nicht spontan, er hatte sich vorbereitet und sich griechische Klamotten gekauft, damit er nicht sofort als deutscher Journalist erkannt werden würde. „Ich wollte“, erklärte er vor dem Militärgericht 1974, „einen ‚Aufhänger‘ schaffen, damit mehr geredet, geschrieben und auch gehandelt wird gegen die Diktatur in Griechenland.“ So steht es in dem Bericht Unser Faschismus nebenan, den Wallraff 1975, im Anschluss an seine Aktion, gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Journalisten Eckart Spoo verfasst hat.

Treue Widerstandskämpfer

Als der Deutsche jetzt an den Ort in Athen zurückkehrt, an dem er einmal eingesperrt worden ist, wird er schon ganz ungeduldig erwartet Zwei ältere Herren sind gekommen, um ihn zu begrüßen: Nikos Triandafyllou und Vasilis Douro, zwei ehemalige Widerstandskämpfer, die sich nach dem Sturz der Junta für die Belange der über 10.000 politischen Gefangenen engagiert haben. Jetzt sind sie ausgerüstet mit der Fotokopie einer Zeitung von 1974. Sie bitten mich, bestimmte Stellen zu übersetzen, wenn er gleich da ist.

Als er dann zusammen mit Fitrakis auftaucht, begrüßen sich die alten Kombattanten überschwänglich. Es stellt sich heraus, dass ich als Übersetzerin eigentlich überflüssig bin, denn Wallraff und die beiden Griechen überhäufen sich gegenseitig mit Erinnerungen. Wallraff fragt nach weiteren ehemaligen Mithäftlingen, nach Nikos Kaloudis, Jannis Palavos oder Kostas Kappas. Die meisten von ihnen seien längst tot, wird ihm berichtet. Triandafyllou, der nun so gespannt auf Wallraff gewartet hat, saß damals gleichzeitig mit dem Deutschen im Athener Knast. Den Sonntag, erzählt er, hätten sie wegen des gemeinsamen Kirchgangs immer ganz besonders sehnsüchtig erwartet: „Wir gingen in die Kirche“, sagt Triandafyllou, „um andere Gefangene zu treffen und heimlich Nachrichten auszutauschen.“

Viele der damaligen Gefangenen wurden gefoltert, auch Wallraff. Seine Erfahrungen lassen sich detailliert in seinem Gefängnistagebuch nachlesen, das in dem schon erwähnten Bericht von 1975 dokumentiert ist. „Während sie mir mit einer Zange einen Zehennagel langsam herausrissen, wurde ich halb ohnmächtig“, heißt es da zum Beispiel. Eher lande er auf dem Friedhof, als dass er das Gefängnis verlasse, hätten ihm seine Peiniger in Aussicht gestellt. Dabei lief ihm das Blut über das Gesicht, es flimmerte vor seinen Augen, er zweifelte am Sinn seiner Arbeit – und insbesondere an dieser Aktion, ist in Wallraffs Notizen nachzulesen. Angesichts solch entmenschlichter Gewalt, räsonnierte er damals, bleibe nichts mehr an Wertmaßstäben übrig.

Nach der Begrüßung durch die früheren Mithäftlinge geht es mit Christopher Giannakopoulos, dem Gefängnisdirektor, erst einmal in dessen Büro, wo Tsipouro, ein Tresterschnaps, ausgeschenkt wird. Ohne Anis, wie Wallraff erleichtert feststellt. An der Wand hängt ein kleines gerahmtes Bild von Che Guevara, das den Journalisten in Erstaunen versetzt. „Das wäre in Deutschland kaum vorstellbar“, sagt er, zu mir gewandt. Knastchef Giannakopoulos erzählt uns, dass er das Foto seit seinen Studententagen bei jedem Umzug mitschleppe.

Besichtigung mit Häftlingen

An der Besichtigung des Gefängnisses kann ich dann leider nicht teilnehmen. Aber kurz darauf lese ich in der Zeitung der Redakteure, die sich 2012 im Zuge der griechischen Finanzmisere als genossenschaftliches Projekt gründete, einen ausführlichen Bericht darüber: Wallraff und die kleine Gruppe besichtigen zunächst die Gefängniskapelle und die Küche, inzwischen alles modernisiert, aber in ihrer früheren Struktur noch erhalten. An der heutigen Kapelle hängt immer noch das hölzerne Sematron, eine Stundenglocke, die Wallraff jetzt, nach all den Jahren, selbst noch einmal anschlägt. Schließlich steht er noch einmal vor dem schweren Eisentor, hinter dem sich der Zellentrakt befindet, in dem er bis zum Sturz der Junta im Sommer 1974 inhaftiert war. Der Justizvollzugsbeamte schlägt kräftig an die Tür, es wird geöffnet. Ein langer Gang, mehrere Stockwerke. Einige der heutigen Gefangenen eilen aus ihren Zellen, um mit dem deutschen Journalisten zu sprechen: „Ich habe weder Eltern noch sonst jemanden“, fleht ihn einer an. „Ich bin ganz alleine auf der Welt!“ Wallraff gibt ihm die Hand, lässt sich die Geschichte des Mannes erzählen.

„Für mich“, sagt Wallraff, als er danach wieder in die Sonne tritt, „war plötzlich alles wieder sehr gegenwärtig, ich hatte die damalige Situation unmittelbar vor Augen.“ Dennoch fühle er heute einen ganz anderen Wind durch die Haftanstalt wehen. „Die Gefangenen sehen so aus, als ob sie ordentlich zu essen bekämen. Und damals gab es auch noch keinen Garten und keinen Fußballplatz.“

Schon als wir im Büro des Direktors saßen, hatte Wallraff nach den heutigen Inhaftierten gefragt. „Ihr seid mir noch was schuldig“, sagte er und schlug vor, einen lang einsitzenden Häftling zu begnadigen. Er sei bereit, für diesen eine Art Patenschaft zu übernehmen. Die Anstalt Korydallos fungiert in erster Linie als Untersuchungsgefängnis, langjährig Verurteilte werden in Griechenland in so genannten Landwirtschaftlichen Haftanstalten, in denen Agrarprodukte hergestellt werden, untergebracht. Diese sind meist sehr abgelegen. Fürsprecher, bemerkte mein Chef aus dem Justizministerium, könnten manche der Inhaftierten brauchen.

Während er 1974 einsaß, gelang es Wallraff, eine Verteidigungsrede aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Diese wurde damals sogar von der BBC übertragen. Er hielt darin seinen Richtern vor, dass das deutsche Grundgesetz in Paragraf 1 die Würde des Menschen schütze – während Paragraf 1 der Militärverfassung der Junta es verbiete, „Propaganda gegen die griechische Nation“ zu machen. Er dankte seinen Richtern, da die Haft es ihm ermöglicht habe, eine genauere Vorstellung von der Zahl und den Zustand dem politischen Gefangenen in Griechenland zu bekommen.

Für die damaligen Gefangenen war Wallraffs Aktion durchaus wichtig gewesen. In der Zeitung der Redakteure wird Jetzt ein ehemaliger Inhaftierter zitiert: „Ich war damals auf Gyaros, einer Insel in den Kykladen, exiliert. Von Wallraff erfuhren wir über einen geheimen Radiosender, der Reportagen aus dem Ausland übertrug.“ Die Unterstützung von außen festigte den Kampfeswillen und den Zusammenhalt im Gefängnis. Doch nach dem Sturz der Diktatur wurde kaum einer der Folterknechte zur Verantwortung gezogen. „Man müsste Anzeige gegen sie erstatten“, erklärt Wallraff, „aber wir wussten ja gar nicht, wer uns gefoltert hat.“ Eine Wiedergutmachung durch den griechischen Staat gab es nie.

An seine Befreiung am 26. Juli 1974 könne er sich noch genau erinnern, sagt Wallraff, nachdem er sich von seinen früheren Mithäftlingen verabschiedet hat. „Es waren Tausende da. Plötzlich öffneten sich die Tore, und begeisterte Menschen nahmen mich auf ihre Schulter. Es war unbeschreiblich.“ Ich habe das alles nicht miterlebt, wie all die jungen Griechen, mit denen ich in Athen zu tun habe. Aber mancher Ältere, wie Kollege Marios, der in den 1960ern als kommunistischer Straßenkämpfer unterwegs war, belehrt uns hin und wieder: „Das waren noch Aktionen! Die hatten damals noch keine Angst um ihre kleinbürgerliche Sicherheit.“

Christine Märkl, geboren 1968, kam in den 1990ern als Au-pair nach Griechenland, hat in Athen studiert und als Gefängnispsychologin gearbeitet. Ihr Bericht entstand in Zusammenarbeit mit Ulrike Baureithel und mit freundlicher Unterstützung des griechischen Journalisten-Kollektivs Zeitung der Redakteure

06:00 26.07.2017

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