Zwei verschiedene Sprachen

Tote Seehunde, siebenundvierzig Katzen Pablo De Santis: »Die Übersetzung« und Erik Orsennas »Inselsommer«wimmeln von Symbolen

Übersetzen heißt vergessen« sagt Pablo de Santis, und diese Ansicht vertritt er in einem Roman, der gleich im Titel sein wichtigstes Thema klar ankündigt: Die Übersetzung.

Was es bedeutet, zu übersetzen, scheint jeder gut zu verstehen: In einer Sprache gibt es ein Wort mit einem bestimmten Sinn, folglich muss man ein entsprechendes Wort in der anderen Sprache suchen, und ja, manchmal gibt es dabei Schwierigkeiten und sicher, auch die Satzstellungen unterscheiden sich manchmal von Sprache zu Sprache. Ungefähr so viel ist bekannt. Weniger bekannt ist beispielsweise, dass durch (gute) Übersetzungen ständig neue Möglichkeiten der aufnehmenden Sprache entstehen. Oder: »die Sprache der Übersetzung, so flüssig sie auch sei, schleppt immer Sedimente der darunter liegenden Sprache mit sich«, so wäre in einem Nietzsche-Text auf spanisch (um bei dem de-Santis-Beispiel zu bleiben) immer etwas Deutsch nachzuweisen.

Zudem passiert durch die Übersetzungen nicht nur mit der Sprache etwas, sondern auch mit dem Übersetzenden, er wird bei seiner Arbeit nicht nur an Wissen zugewinnen, sondern auch das Vergessen lernen, weil er sich immer auf den Augenblick konzentrieren muss. Solche kaum bekannten Aspekte bringt de Santis in sehr lebendigen Dialogen ein, die weit mehr als nur von Übersetzungen handeln.

Pablo des Santis wurde 1963 in Buenos Aires geboren, die Hauptfigur in seinem Roman ist ebenfalls Argentinier. Dass die Romanfigur verheiratet ist, dass er zu einem Kongress fährt, wo er eine frühere Geliebte trifft, dass ihn seine Frau ungern ziehen lässt, erfährt der Leser nur beiläufig. Auch die weiteren Zusammenhänge zeigen sich so nebenbei: Am Tagungsort, einem noch nicht fertig gebauten, unübersichtlichen Hotel, treffen sich Teilnehmer aus verschiedenen Ländern. Kaum haben am ersten Abend die gemeinsamen Gespräche begonnen, schon nimmt sich ein Mann das Leben, am nächsten Tag wird eine Selbstmörderin in der Badewanne aufgefunden, und tote Seehunde liegen überall am Strand.

Mitunter wirkt es befremdend, dass De Santis, beziehungsweise sein Icherzähler mit dem (ähnlichen) Namen De Blast, von den außerordentlichen Ereignissen beinahe teilnahmslos sachlich erzählt. Die Tagung, das unwirtliche Hotel und der düstere Hafenort Esfinge, zu deutsch Sphinx, üben jedoch gerade wegen der zurückhaltenden Erzählweise eine besondere Anziehung aus. Die Hintergründe für die absurden Todesfälle dürfen hier natürlich nicht aufgedeckt werden, verraten sei nur so viel, dass auch sie mit dem titelgebenden Stichwort, dem Übersetzen zusammenhängen.

Jedenfalls findet der Kongress trotz aller Hindernisse statt; eine Reihe von Männern und zwei Frauen debattieren über Hintergründe von Übersetzungen und Sprachen, und in der Diskussion zeigen sich die gefährlichen Grenzen dieses Berufes. Einer der Teilnehmer fragt, ob »Drogen denn nicht Änderungen oder Korrekturen an der geheimen Sprache, die das Gehirn spricht« bewirken könnten, ein anderer meint: »Der Überlieferung zufolge ist es ab einem bestimmten Punkt so, dass man nicht mehr die Sprache spricht, sondern die Sprache spricht durch einen«, und sie reden darüber, wie Sprache mit Psychologie oder mit Geschichte zusammenhängt, oder ob es sogar Verbindungen zwischen Sprache und Urgeschichte geben könnte.

Angesichts der Selbstmorde taucht selbstverständlich auch ein Kommissar auf. Er ist Kettenraucher und besitzt ein Archiv, bestehend aus Blättern, auf denen er die klar erkannten Tatmotive in Großbuchstaben notiert. Die Großbuchstaben seien sein einziger literarischer Anspruch, sagt der Mann und könnte ein Doppelgänger des klugen Autors sein, der sich immer nur auf die wichtigsten Sätze und Aussagen beschränkt, ohne je gekünstelt zu wirken.

Mit den Inhalten geht er weniger sparsam um. Die Übersetzung ist ein Reisebericht, ein Liebesroman, ein Krimi, zugleich ein Buch über Sprachen und dann auch noch eine parapsychologische oder spiritistische Geschichte. Verschwenderisch viele Themen, beinahe zu viele. Ausgeglichen wird das durch die ruhigen Überlegungen, die das Übersetzen betreffen, vor allem, weil sie nicht modisch-wissenschaftlich daherkommen, sondern anregend sind.

In einem Nachwort zum Roman schreibt Juan Manuel de Prada: »Einer der vielen klugen Züge von Pablo de Santis besteht darin, der Kriminalintrige eine psychologische Intrige hinzuzufügen, eine Voraussetzung, die laut Borges jede »novel de misterio« erfüllen sollte, wenn sie lesbar sein will.«

Pablo de Santis hat bisher Drehbücher, Kinderbücher und Essays geschrieben. Bald schon wird sein nächster Roman auf deutsch vorliegen, hoffentlich wieder in einer so ansprechenden Übersetzung von Gisbert Haefs, wie dieser. Schön, daß der deutsche Verlag auch über die Biographie des Übersetzers Auskunft gibt; das geschieht sonst kaum einmal.

Auch in Erik Orsennas neuem Roman spielt das Übersetzen eine gewichtige Rolle, und das ist der einzige Zusammenhang zwischen den beiden hier besprochenen Büchern, sonst gibt es keine Gemeinsamkeiten. Oder doch: Borges tritt auch bei Orsenna auf, nicht im Nachwort, sondern mitten im Roman. Als geschickter Funker versucht er einem verzweifelten, drolligen Mann bei seiner Übersetzungsarbeit weiterzuhelfen. Der Name Borges wirkt bei Orsenna wie ein Phantom, und so wirken auch die anderen Berühmtheiten, zum Beispiel eine Madame, geborene Saint-Exupéry, die ebenfalls helfen will. Der verzweifelte Sonderling versucht schon seit Jahren, Nabokows Ada ins Französische zu übertragen, doch diese Ada, das schöne Mädchen, lässt sich nicht fangen, sie bleibt unerreichbar. Übersetzungen müsste man also irgendwie einfangen, wie Schmetterlinge (um bei Nabokows Leidenschaften zu bleiben) oder wie junge Frauen. Anders gesagt ist für Orsenna das Übersetzen ein Symbol. Warum auch nicht?

Übersetzen bedeutet vielleicht gemeinsames Arbeiten auf einer Insel, gemeinsame Sommerferien mit illustren, geistreichen Personen, Gedankenaustausch mit ihnen. So erzählt es Orsenna auf seine freundliche Art, mit einem etwas ältlichen Charme und mit Hilfe von vielen, vielen Symbolen. Zu ihnen gehören wohl auch die siebenundvierzig Katzen, die mit dem drolligen und - wie es heißt - musikalischen Sonderling leben, und die er auf einen kleinen Karren packen kann, um sie auf der Insel umher zu ziehen; lebendig sind diese Katzen keineswegs, sie erinnern nur an Katzen. Alles, jedes Motiv, erinnert hier aus der Ferne an etwas.

Allerdings wirkt Erik Orsennas Inselsommer, so bald die Lektüre beendet ist, so bald man sich nur an sie zu erinnern braucht, wirklich wie ein Inselsommer. Nachträglich ist die Leichtigkeit des Autors, die ihm als Ruf vorauseilt, tatsächlich zu spüren. Und vielleicht müsste man über alle Bücher unter diesen beiden Gesichtspunkten reden: Wie sie sich während des Lesens und dann später ausnehmen.

In diesem Fall, in diesem Roman, ist das Stichwort Übersetzen ein Symbol, eines für Schmetterlinge und sommerliche, freundliche Leidenschaften, für die Annäherung an den großen, schweren Nabokow. Und schließlich ist der gebrechliche Sonderling, der sich Jahre zuvor aus Paris auf die Insel begeben hatte, um die Übersetzung zu meistern, von einem inneren Stoff erfüllt, so dass er das fertige Werk sein Eigen nennen kann und sich alle Nachbarn, die im Laufe der Zeit mit einzelnen Wörter ausgeholfen hatten, mitfreuen können.

Die zwanzig Abschnitte des Romans sind leicht zu lesen, sie wirken wie segelnde Sommerwolken oder eben wie Schmetterlinge, wie der Sommer aus einem früheren Jahrhundert - serviert in einem eleganten, keineswegs alt wirkenden Deutsch.

Pablo De Santis: Die Übersetzung. Roman. Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs. Unionsverlag, Zürich 2000, 156 S., 28,- DM

Erik Orsenna: Inselsommer. Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller, Carl Hanser Verlag, München 2000, 157 S., DM 29,80 DM

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00:00 10.08.2001

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