Zwischen Hochofen und Moschee

Duisburg-Marxloh Der Stadtteil gilt als die Bronx des Ruhrgebiets - aber kaum jemand will hier weg

Wer sich von Süden kommend auf der Duisburger Stadtautobahn dem Zentrum nähert, der gewahrt bald ein die Innenstadt überragendes, in der Sonne golden leuchtendes Objekt. Eine in einem soeben eröffneten Einkaufszentrum installierte, mit Blattgold belegte Leiter, die das Gebäude um 34 Meter überragt, soll symbolisieren, dass es aufwärts geht im Zeichen der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Etliche Millionen wurden und werden in Duisburg-Mitte in Handels- und Büroflächen investiert - eine hochspekulative Anlage, nicht erst, seitdem die internationale Finanzkrise in ihre akute Phase getreten ist.

Lässt man dieses Areal überschießender Träume von einer immerwährenden Prosperität links liegen und wendet sich über die den Ruhrorter Hafen überspannende Brücke weiter nach Norden, dann zeigt sich nach nur wenigen Minuten mit der Reihe der Thyssenschen Hochöfen ein anderes Wahrzeichen der Stadt. Es steht für die harte Arbeit in Hitze und Dreck, die das Ruhrgebiet groß gemacht hat. Unter ihnen ragen zwei heraus, zwei Giganten, die zusammen pro Jahr 7,9 Millionen Tonnen Roheisen erschmelzen. Ihnen zu Füßen liegt der Duisburger Stadtteil, von dem hier die Rede sein soll: Marxloh.

Idylle und rostroter Qualm

Fast in Sichtweite der Hochöfen wird am 26. Oktober ein Gebäude eröffnet, das zu einem weiteren Wahrzeichen Marxlohs werden könnte. Wo früher die Kantine einer vor Jahrzehnten stillgelegten Schachtanlage stand, erhebt sich jetzt eine im osmanischen Stil mit Kuppeln und Minarett erbaute Moschee, die als die zur Zeit größte in Deutschland gilt. Bis zu 1.200 Gläubige finden darin Platz, und dabei präsentiert sich die Moschee als das Gegenteil einer Brutstätte finsterer Glaubenseiferer.

Marxloh sei die Bronx des Ruhrgebiets, heißt es knackig in manchen Berichten in Presse und Fernsehen: Praktisch werde hier nur noch Türkisch gesprochen, es sei ein Elendsviertel, in dem die Deutschen eine an den Rand gedrängte Minderheit bilden - solche Vorstellungen kursieren über das Viertel. Auch im Süden der Stadt stecken sie in den Köpfen derer, die den Weg nach Norden selten finden. Der lokale Sozialbericht scheint sie zu bestätigen: 58 Prozent der Marxloher sind zugewandert oder stammen aus Familien mit noch lebendiger Zuwanderungsgeschichte, 34 Prozent sind im staatsrechtlichen Sinne Ausländer, auch wenn sie hier geboren sind. Der Anteil der Arbeitslosen unter den Menschen mit Migrationshintergrund ist (bei einer offiziellen Arbeitslosenquote von aktuell insgesamt 12,7 Prozent) mit 20 Prozent überdurchschnittlich hoch. Armut ist Alltag für viele, egal ob deutschstämmig oder von anderswo her. 25 Prozent der Kinder unter 15 Jahren kommen aus einem armen Elternhaus. Leerstehende Geschäfte, heruntergekommener Gebäude und eine Gruppe dem Augenschein nach ausschließlich Deutscher auf dem August-Bebel-Platz, die dem Alkohol schon vormittags reichlich zusprechen, illustrieren die Zahlen. Es ist keine Frage: Marxloh hat Probleme.

Wer aber offenen Auges durch die Marxloher Straßen geht, der sieht und spürt mehr. Der nimmt die Vitalität der Weseler Straße wahr, in der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und jeden Alters, Frauen mit und ohne Kopftuch vor Gemüseläden, Bäckereien, Braut- und Abendmodegeschäften und Imbissen drängen. Der hört, wie Jugendliche im Gespräch unvermittelt vom Türkischen ins Deutsche und wieder zurück wechseln. Der erlebt im Schwelgernpark eine Atmosphäre, die fast idyllisch zu nennende Ausblicke böte, gäbe es da nicht eine Spielfläche, die ihrer Baumängel wegen verkommt. Und läge nicht dieser hohe Dauerton in der Luft, der von den sich unmittelbar über dem Park erhebenden Hochöfen stammt, die von Zeit zu Zeit rostroten Qualm und Staub in die Luft ablassen. Und schließlich sind die funktionierenden Nachbarschaften des mit 18.000 Einwohnern überschaubaren Viertels zu nennen, "wo kein Mensch mehr groß darüber nachdenkt, wo jemand herkommt", so die Formulierung einer deutschstämmigen Frau, die inmitten türkischer Familien lebt. Marxloh ist ein Paradebeispiel für das Ruhrgebiet als Schmelztiegel, in dem manche heute Alteingesessenen die Nachfahren polnischer Zuwanderer sind. Kaum jemand will hier weg.

Mehr als protzige Symbole

Nun, nach über drei Jahren Bauzeit, ist die Moschee an der Warbruckstraße fertig gebaut. Nicht versteckt wie so viele andere islamische Gotteshäuser in Deutschland steht sie da, sie ist bereits von weitem sichtbar. Außen ist sie mit hellem Stein verkleidet, hohe Fenster gewähren freien Blick ins mit strahlenden Farben ausgemalte Innere und auf einen enorm großen Kronleuchter. Eine Begegnungsstätte für alle Marxloher, die das Gebäude ebenfalls beherbergt, unterstreicht, dass sich hier eine muslimische Gemeinde nicht abkapselt, sondern zum Stadtteil hin öffnet. Schon jetzt stellt die Moschee einen Schritt gelingender Integration dar.

Wie das möglich war? Und zwar ohne die heftigen Auseinandersetzungen, die andere Pläne zum Bau von Moscheen, etwa in Köln, hervorriefen? "Alle wichtigen Kräfte im Stadtteil und Institutionen, Menschen verschiedener Herkunft und Religion waren an der Planung von Anfang an beteiligt," sagt Zülfiye Kaykin, die Geschäftsführerin der Begegnungsstätte. Sie trägt kein Kopftuch und lebt seit 30 Jahren im Stadtteil. Wenn sie über den Stadtteil spricht, erfährt man etwas über den Versuch, unterschiedliche Traditionen - ob türkisch, kurdisch oder deutsch - unter einen Hut zu bringen. Vielfalt gilt hier als Bereicherung, eine Grundvoraussetzung für das Zusammenleben. Das funktioniert aber nur durch das Engagement vieler Einzelner.

Nicht von allen Marxlohern, das sei zugegeben, wird die Moschee begrüßt, das wäre ja auch zu schön. Auf dem Wochenmarkt machen sich drei ältere Herren, die ansonsten ganz gemütlich beim Kaffee stehen, in drastischen Worten Luft. "Schulen und Kindergärten werden dichtgemacht, aber die Türken kriegen alles vom Staat," meinen sie, obwohl die Moschee doch ausschließlich durch Spendengelder finanziert wurde. Lediglich die Begegnungsstätte, die auch die drei besuchen könnten, wären sie denn zur Überprüfung ihrer Vorurteile bereit, wurde mit insgesamt 3,2 Millionen Euro öffentlich gefördert. Nahezu einhellig dagegen die Meinung anderer Passanten, dass auch die Muslime Anspruch auf eine würdige Stätte des Gebets haben.

Wer von den Problemen Marxlohs spricht, muss also auch und nicht zuletzt von der Leistung sprechen, die seine Bewohner unabhängig von ihrer Herkunft im Zusammenleben erbringen. Sie verspricht für die Zukunft weit mehr, als protzige Symbole in der Innenstadt je werden halten können.

Doch es gibt auch mutwillig herbeigeführte Rückschläge auf dem besonderen Weg, den Marxloh geht. Da erklärt der Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin in einem Interview Marxloh kurzerhand zu einem Angst­raum, in dem ausländische Jugendliche und junge Deutsche mit Migrationshintergrund Schrecken verbreiten und wünscht sich eine "ungeschminkte Analyse der Integrationsfrage". Zwar muss er zugeben, dass die Kriminalität in anderen Stadtteilen Duisburgs höher ist als in Marxloh und er eher über gefühlte als tatsächliche Bedrohungen spricht. Doch das Thema beherrscht einige Tage lang die Lokalpresse. Der Bundestagsabgeordnete der SPD polemisiert in eine ähnliche Richtung: "Aggressives Verhalten oder Pöbeleien" dürften "weder verharmlost, noch toleriert" werden.

Die Marxloher selbst scheinen sich in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht als Insassen eines Angstraums zu empfinden. Fragt man den Arzt, der seit 25 Jahren hier praktiziert, erntet man Achselzucken. Spricht man mit der Stadtteilaktivistin, die direkt neben der Moschee wohnt oder dem für Interkulturelles zuständigen Angestellten der Städtischen Entwicklungsgesellschaft, niemand weiß über randalierende Jugendliche hier etwas zu berichten, was diesen Stadtteil von anderen unterschiede. Zu einer Diskussionsrunde der Lokalzeitung zum Thema sind nicht viel mehr als ein Dutzend Personen erschienen, von denen die überragende Mehrheit betont, dass sie sich nicht bedroht fühle.

Als doch mal ein Konflikt drohte, war es Zülfiye Kaykin von der Begegnungsstätte, die einschritt. Vor einem Jahr gingen bei einer Demonstration streitende Gruppen von kurdischen und türkischen Jugendlichen aufeinander los, Kaykin schritt ein und rief sie zur Ordnung. Sie genießt Respekt in ihrem Viertel.

Angstraum Marxloh? Ein Lacher

Im türkischen Jugend- und Kulturverein haben sie schallend gelacht, als sie vom Wort "Angst­raum" des Polizeipräsidenten erfuhren. "Es gibt keine großartigen Konflikte unter den Leuten in Marxloh", sagt ein teetrinkender Thyssenarbeiter in dem karg eingerichteten ehemaligen Ladenlokal an der Kaiser-Wilhelm-Straße. Und eine jüngere Frau neben ihm ergänzt: "Auch keine zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen." Aber egal, ob mit deutschem oder anderem Pass, ein Problem hätten die jungen Leute gemeinsam: Viel zu viele verlassen die Schule ohne Abschluss, und auch die mit Abschluss bekommen oft keinen Ausbildungsplatz. Mehr pädagogische Kräfte an den Schulen und Projekte, in denen berufliche Abschlüsse erlangt werden können, wären dringend notwendig.

In Marxloh, zwischen Hochöfen und Moschee, machen Deutsche und Migranten sich nicht viel aus unglaubwürdigen Bedrohungsszenarien wie dem des Polizeipräsidenten. Sie gehen weiter ihrem alltäglichen Leben nach, sicher nicht ohne Reibereien, aber, wie es aussieht, zunehmend im Miteinander.

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