Überfliegen, ohne einzuholen

Medientagebuch Politik der bunten Farben: Bei der olympischen Eröffnungsfeier präsentiert sich China schwerelos modern

Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele versammelt viele an die Antike gemahnende Rituale, welche die Athleten und die Zuschauer auf die besondere Zeit der Spiele vorbereiten sollen. Fast alles an ihr wirkt merkwürdig antiquiert oder wie der Eid der Sportler, ohne Doping und Drogen an den Start zu gehen, einigermaßen verlogen. Seit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, die von den Nazis zur Repräsentation ihrer Macht und ihrer Modernität benutzt wurden, ist die Eröffnungsfeier ein Ereignis, das nicht nur für die Zuschauer im Stadion, sondern zugleich für jene inszeniert wird, die ihm vor der Leinwand oder dem Fernsehapparat beiwohnen.

Die chinesischen Veranstalter verpflichteten mit dem Filmregisseur Zhang Yimou jemanden, der im Westen einen großen Namen trägt. Seine Inszenierung bot einen scheinbar unpolitischen Bilderbogen, der Chinas Geschichte ebenso rekapitulierte, wie er Chinas Stellung in der Welt betonte. Gesellschaft, Politik, Macht kamen in keinem der monumental choreographierten Bilder, die von vielen tausend Beteiligten unter hohem körperlichen Einsatz hergestellt wurden, andeutungsweise vor. Damit verschwand auch so etwas wie der chinesische Kommunismus hinter den bunten Tanzdarbietungen und einem etwas süßlichen Sound, der in seinen westlichen Bestandteilen an den Sakro-Pop der evangelischen Kirchentage erinnerte.

Die einzelnen Elemente der Darbietungen sollten das Staunen der Betrachter im Stadion und an den Fernsehapparaten in aller Welt wecken. Dem dienten die Massenchoreographien, die einen permanenten, schnellen Wirbel der Körper über die Stadionfläche zogen, und das immer wieder eingesetzte Feuerwerk, das mit großer Präzision den Raum oberhalb des Stadions erhellte und zugleich einfärbte. Nicht alles, was man sah, war unbedingt live erzeugt. Wie später bekannt wurde, waren zumindest einige Aufnahmen präpariert. Sie zeigten per Feuerwerk hergestellte Fußstapfen, die sich am Himmel von Peking in großen Schritten dem Olympiastadion näherten. Ein Effekt, der sich nur in der extremen Draufsicht erschloss, also nur für den Fernsehzuschauer.

Der propagandistische Kern der Inszenierung von Zhang Yimou zielte darauf ab, eine transhistorische Versöhnung der chinesischen Kulturen darzubieten. In den Erscheinungen wechselten sich digitale Rekonstruktionen analoger Kunstwerke mit großen Raumbildern ab, die maschinell hergestellt schienen und dann doch allein von der Kraft vieler Menschen bewegt wurden. Trommeln wurden zu Bildschirmen, Schlagzeugschlegel entpuppten sich als Lichtstäbe, Breitwandkino wechselte sich mit traditionellem Puppenspiel ab, Projektionsbilder gingen in gemalte Bilder über, zweidimensionale Bilder wurden zu Skulpturen, Skulpturen zu Leinwänden. Selbst die Fußstapfen der einmarschierenden Athleten wurden zur Herstellung eines weiteren Monumentalbildes genutzt.

Das war schnell und abwechslungsreich montiert. Langeweile, wie sie sich beim nachfolgenden stundenlangen Einmarsch der Nationen einstellte, wurde in diesem Programm konsequent vermieden. Und selbst die Ideologiekritik, die in der choreographierten Masse den einzelnen Turner, Tänzer oder Kung-Fu-Artisten untergehen sah, musste sich eines besseren belehren lassen. Immer wieder entdeckte man am Ende der jeweiligen Choreographie einzelne Beteiligte in Nahaufnahmen, wie sie sich freuten und von der Anstrengung gezeichnet waren.

Die Pointe jeder Eröffnungsfeier ist das Rätsel, wer mit der Fackel das olympische Feuer entzünden darf. In Peking teilten sich die letzten Meter des Fackellaufs verdiente Spitzensportler. Am Ende stand ein Mann, der 1984 drei Goldmedaillen errungen hatte. Doch sein spektakulärer Lauf in den Lüften am Rand des Stadiondaches war mehr als nur eine sporthistorische Reminiszenz. Und es war mehr als ein ausgeklügelter Effekt, zu dem Zirkustechnik, Filmprojektion und artistische Körperbeherrschung zusammenfanden.

Es war ein weiterer demonstrativer Hinweis auf die Modernität Chinas. Denn der Turner, der so tat, als liefe er die Wand entlang, ist nicht nur ein prominenter Turner. Li Ning ist einer der führenden Unternehmer Chinas. Seine Firma, die Sportartikel herstellt und seinen Namen trägt, ist die drittgrößte auf der Welt nach Nike und Adidas. Sein Auftritt war damit ein unbezahlbarer Reklamecoup, der das Sponsoring der Spiele von Atlanta 1996 durch Coca Cola übertroffen haben dürfte. Bei den Fernsehaufnahmen seines Auftritts handelte sich also um ein Vexierbild. Es zeigte den modernen kapitalistischen Unternehmer, für den auch die Schwerkraft kein Problem darstellt. Und es zeigte gleichzeitig den chinesischen Weltmarkt-Konkurrenten, der sich der Welt in einem zirzensischen Clou offenbarte. Putin und Bush haben es mit Staunen registriert.

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Geschrieben von

Dietrich Leder

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