Witz wär´ geil

Medientagebuch Rätsel des Jahres: Was macht Oliver Pocher an der Seite von Harald Schmidt in der ARD?

Als Harald Schmidt vor einem halben Jahr bekannt gab, dass er künftig seine ARD-Show nicht nur auf eine allerdings doppelt so lange Vorstellung pro Woche komprimieren, sondern sie gemeinsam mit Oliver Pocher bestreiten werde, zuckten die Freunde des Kabarettisten und Entertainers im Feuilleton zusammen. Pocher und Schmidt - wie sollte das zusammengehen? Pocher hatte sich beim Musiksender Viva hochmoderiert, war als mäßig begabter Comedian durch die Lande gezogen, der mit Imitationen von Boris Becker, Lukas Podolski und Michael Jackson sein junges Publikum begeisterte, ehe er schließlich mit Rent a Pocher bei Pro7 mittlere Popularität gewann. Mit seinem brachialen Humor, seinen auf Schenkelklopfer zielenden Pointen, seiner schamlosen Selbstbegeisterung schien er das genaue Gegenteil dessen zu sein, was Harald Schmidt verkörpert.

Seit Ende Oktober heißt es am späten Donnerstagabend Schmidt Pocher. Zunächst gaben sich beide Herren jede erdenkliche Mühe, es ihren Kritikern recht zu machen. Die erste Sendung wirkte wie eine Stellprobe. Nichts klappte. Der Regisseur wusste beispielsweise nicht, wann wer von den beiden mit einem Kalauer an der Reihe war, so dass man einen Teil der allerdings auch müden Gags nicht mitbekam. Pocher wirkte wie ein aufgedrehter Pennäler, dem es im Angesicht seines Idols Harald Schmidt fast die Sprache verschlagen hat. Schmidt selbst gab sich keine Mühe, wurstelte sich durch sein Solo, in dem kaum eine Pointe zündete. So wäre die Sendung keiner Rede wert gewesen, hätte es nicht doch einen Skandal gegeben.

Im Studio hatten Schmidt und Pocher ein "Nazometer" präsentiert, das jedes Mal anschlug, wenn ein Begriff fiel, der aus der Zeit des Nationalsozialismus diskreditiert ist. Ausgelöst wurde die nur mäßig komische Idee durch den "Rauswurf" der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herman aus der Quasselshow von Johannes B. Kerner mit dem Hinweis, die Verwendung des Begriffs "Autobahn" gehe halt nicht.

Nun hätten Schmidt und Pocher die Art der kühl provozierten Erregung durch Kerner auf den Arm nennen können, der einen Gast nur einlädt, um ihn hinauswerfen zu können. Sie hätten darauf hinweisen können, dass Herman wie ihre Kritiker auf die Nazipropaganda hereingefallen sei, da die Autobahn als Idee, ja selbst als Bauvorhaben schon Ende der 1920er Jahre existierte. Stattdessen das "Nazometer". Den Skandal löste aber erst aus, dass Pocher in diesem Zusammenhang von "Duschen" und "Gasherd" sprach. Begriffe, die im alltäglichen Sprachgebrauch nicht diskreditiert sind. Sie sind es nur dann, wenn man sie in Zusammenhang nationalsozialistischer Propaganda und Verbrechen benutzt, da als Duschen jener Ort bezeichnet und getarnt wurde, an dem im Vernichtungslager Auschwitz mit Gas der Massenmord betrieben wurde.

Pocher markierte, indem er mit der Überschreitung der Sprachgrenze kokettierte, die Existenz eben dieser Grenze. Das ist als Provokation zu akzeptieren, wenngleich seine Koketterie die eines Pennälers ist, der sich damit brüstet, er könne auch in einer ganz anderen, beispielsweise pubertären Analsprache reden. Nach internen ARD-Diskussionen wurde verfügt, das "Nazometer" habe zu verschwinden.

In den nachfolgenden Ausgaben spielte sich das Duo aufeinander ein, ohne dass die Sendung viel besser geworden ist. Pocher lacht über seine Witze immer noch am lautesten. Schmidt hält sich zurück, scheint an den eigenen Gags wenig interessiert zu sein, blüht eher auf, wenn er alte Freunde und Bekannte wie Olli Dittrich als Gäste begrüßen darf. Seinen Partner lässt er wie ein weiser Vater gewähren, selbst wenn der Junior über die Stränge schlägt. Auch jüngst wollte Pocher einen Witz mit der Nazi-Zeit machen, und der ging so: Deutschland würde ja bei der Europameisterschaft gegen Kroatien, Polen und Österreich spielen; "vor 70 Jahre wären das Heimspiele gewesen". Ehe man über den Satz nachgedacht hatte, gab es wie im Karneval jenen Tusch der Studiokapelle, mit dem Pocher seine Scherze abschließt.

Aber, was bitte meinte Pocher? 1937 waren Polen und Österreich selbstständige Staaten, Kroatien gehörte zum selbstständigen Jugoslawien. Heimspiele für Deutschland wären die Begegnungen nur nach der Annexion Österreichs 1938, der militärischen Eroberung Polens 1939 und Jugoslawiens 1941 gewesen. Zudem führte die Angliederung Österreich an Deutschland dazu, dass die österreichischen Fußballspieler in die deutsche Mannschaft integriert wurden, worauf diese kaum noch ein Spiel gewann. Pocher, der einen Witz auf die deutsche Großmachtphantasie machen wollte, die im zweiten Weltkrieg blutige Wirklichkeit wurde, verfehlte diese mangels historischer Kenntnisse. Auch das erinnert an den Pennäler, der über den Sex, den er noch nicht kennt, Zoten reisst.

Kein Wunder, dass die einzigen Witze, die bei ihm (und mittlerweile auch bei Harald Schmidt) funktionieren, auf den Fernsehbetrieb selbst abzielen. Hier reichen die intime Kenntnis wie das Kurzzeitgedächtnis aus.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Dietrich Leder

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare