Weltklasse mit 30 plus?

Der Sportsfreund Um sich sportlich zu verwirklichen, braucht man eine Nische. Zum Beispiel den Ski-Bob
Dominik Bardow | Ausgabe 17/2015

Sie sind nicht mehr ganz jung, aber haben noch Träume? Das ist heilbar. Sie müssen nur ein wenig flexibel sein. Ich zum Beispiel habe als Kind immer davon geträumt, das Siegtor in einem Fußball-WM-Finale zu schießen. Oder bei Olympia als Erster über die Ziellinie zu laufen. Dabei gab es immer nur zwei Probleme: Erstens besitze ich überhaupt kein Bewegungstalent. Und zweitens bin ich wahnsinnig faul. All dieses Training, das war mir immer viel zu anstrengend. Und dann, irgendwann jenseits der 30, muss man sich der Erkenntnis stellen, dass es vielleicht nichts mehr wird mit der großen Profisportkarriere. Jetzt noch mit dem Training anzufangen, wäre etwas spät, um in die Weltspitze vorzustoßen. Aber das ist nur eine Frage der Perspektive: Muss es denn immer Fußball oder Leichtathletik sein? Sport lebt von der Vielfalt, auch wenn im Fernsehen immer die gleichen Disziplinen laufen. Suchen Sie sich einfach Ihre Nische. Ein Freund von mir ist Brite und hat eine dänische Mutter. Im Urlaub fuhr er einmal am Trainingsgelände des dänischen Cricketverbands vorbei und fragte, ob er mittrainieren dürfe. Er durfte, und die Dänen waren begeistert. Er hat direkt ein paar Länderspiele gemacht. Als englischer Hobbyspieler war er immer noch besser als die besten Dänen. Cricket spielt dort eben kaum einer.

Sehen Sie sich einmal die Mitgliedszahlen des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) von 2014 an. Demnach spielen 6,85 Millionen Menschen in Deutschland Fußball. Das ist zu viel Konkurrenz. Da hätten Sie sich ab dem vierten Lebensjahr in einer Ganztagsakademie anmelden müssen und in Ihrer Jugend Alkohol, Partys und das andere Geschlecht nicht mal aus der Ferne ansehen dürfen, um es überhaupt zum Drittligaspieler zu bringen.

Ich habe mal gelesen, dass sich die heutigen Menschen in Extremsportarten und Tattoostudios stürzen, um ihren eigenen Körper zu erfahren, zu dem sie durch die Büroarbeit den Bezug verloren haben. Aber seien Sie doch ehrlich, Erfolgserlebnisse holen Sie sich bei der Arbeit doch auch nicht ab. Da jubelt keiner, wenn Sie als Erste oder Erster das Büro erreichen.

Dann lieber Sport. Gehen Sie doch die DOSB-Liste von Fußball abwärts herunter: 5,02 Millionen Deutsche turnen zum Beispiel, der Angelfischerverband hat 671.000 Mitglieder, der Motor-yachtverband noch 108.900, Darts spielen immerhin 9.862 Menschen organisiert und dann, ganz am Ende, kommt es: Skibob. Der Verband hat in ganz Deutschland sage und schreibe 398 Mitglieder. Und Sie könnten Nummer 399 werden.

Sie wissen nicht, was Skibob ist? Egal, Sie könnten vermutlich heute damit anfangen und gehörten ab der nächsten Woche zur deutschen Skibob-Elite, ohne viel zu trainieren oder den Kontakt zu Alkohol, Partys und dem anderen Geschlecht einstellen zu müssen. Ich bin vermutlich schon durch den Vorsatz, mit Skibob zu beginnen, der beste Skibobfahrer in Berlin-Neukölln. Ein Skibob ist übrigens eine Art Fahrrad auf Skiern, der perfekte Sport für faule Menschen wie mich. Man muss dabei nicht einmal stehen. Es gibt sogar eigene Skibob-Weltmeisterschaften, und stellen Sie sich vor, Skibob würde irgendwann olympisch werden. Bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele laufen Sie dann als einziger deutscher Teilnehmer mit der Fahne ein. Eine Einpersonendelegation, so wie die ganzen pazifischen Inselstaaten, die oft nur einen Rodler oder Skifahrer haben.

Das mag jetzt alles sehr albern klingen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Laut DOSB-Statistik besucht – außer den Über-60-Jährigen – niemand so wenig Sportvereine wie die 27- bis 40-Jährigen: nur jeder dritte Mann und nur jede fünfte Frau. Ich glaube, die haben einfach nur ihre Träume verloren. Sie glauben nicht mehr daran, noch die Weltspitze zu erreichen. Schnappen Sie sich einen Skibob!

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

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06:00 25.04.2015
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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