Clochards und Champagner

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt einen Kinderwagen durch Hamburg schiebt, hat sie ganz neue Perspektiven auf die Stadt. Diesmal sitzt sie in der Hafencity auf Designerbänken

Es riecht nach Kunstdünger. Normalerweise wäre dies nicht erwähnenswert. In der Hafencity schon. Was in aller Welt wird hier gedüngt? Ein paar Gräser, die eher an eine arktische Moos-Art erinnern, kämpfen sich durch graue asymmetrisch-hippe Granit-Mäuerchen. Kunstdünger würde hier auch nichts helfen. Er war wahrscheinlich einfach übrig.

Die Februar-Sonne blitzt auf die Eisschollen, die heute Nachmittag träge auf der Elbe vorbeiziehen. Sie blitzt auch auf die zahlreichen Edelstahl-Noppen, die Skater scheinbar davon abhalten sollen, auf den wohlgeformten grauen Granitmäuerchen ihre Grinds zu üben. Das gibt so hässliche Schleifspuren. Ich darf hier fahren, glaube ich. Und ich fahre gerne in der Hafencity umher. Es ist so schön leer hier. So friedvoll. Eine Oase aus Wohnraum mit Loft-Charakter, leer stehenden Bürogebäuden und Immobilienmaklern, die Wohnraum mit Loft-Charakter und Bürogebäude an eine solvente Abnehmerschaft vermitteln möchten. Das fehlende Grün wird von Design übertüncht. Alles ist designt. Buswartehäuschen, Fahrradabstellbügel und Arztpraxen für plastische Chirurgie: gewelltes Design, Bauhaus-Stil und ein Schild aus hochwertigem Plexiglas in dezentem Rosa.

Ich erhebe mich von der Holzbank, die bestimmt in Barcelona entworfen wurde und rumple über Kopfsteinpflaster, das bestimmt dem neu-progressiven Stil einen altehrwürdigen Touch verleihen soll. Kupferfarbiger Wohnraum mit Edelholzlamellen flankiert das Gemisch aus Kopfstein, Granit und arktischem Moos. Ich rumple vorbei an der Grundschule mit rosa windschief-designtem Zaun und einem Schulhof auf dem Dach, da der Baugrund für einen ebenerdigen Schulhof zu teuer war. Vorbei an einem Kiosk, der „Harbour-Tobacco“ heißt und vorbei an gefühlten 30 Lokalitäten, deren formschöne Außenwerbung abwechselnd mit „Club“ oder „Lounge“ endet.


Alain sucht die Wäschespinne

Die Sonne steht schon tiefer. Ich bin im neuen Museumshafen angekommen. „Neu“ und „Museum“, ein Wiederspruch in sich. Darum heißt die Ansammlung von alten Schiffen auch offiziell Traditionsschiffhafen. Die wohlgeformte noch sonnenwarme Holzbank ist bestimmt in Stockholm entworfen worden. Neben mir steht eine kleine Menschentraube aus Soziologiestudenten, die an einer Führung durch die Hafencity teilnehmen und den Ausführungen eines Referenten lauschen. Dieser scheint gerade einem avantgardistischen französischen Film der 1960er entsprungen zu sein. Er trägt schwarze spitze Lacklederschuhe. Seine röhrenhafte Zigaretten-Hose umschlottert die hageren Beine. „ Die Hafencity ist stolz auf ihre gut durchmischte Bevölkerungsstruktur!“ Nennen wir ihn mal „Alain“. Alain erzählt von dem Bestreben, hier einen lebendigen Stadtteil mit allen Bevölkerungsgruppen entstehen zu lassen. Hamburg sei auf dem besten Weg dahin. Der Monolog erinnert ein bisschen an eine Verkaufsveranstaltung, nur ohne Heizdecke und westfälische Hartwurst.

Alain zeigt auf den Traditionshafenanleger und spricht von „Kindern, die Ballspielen und Clochards, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.“ Er sagt wirklich Clochards. Clochards passen auch viel besser auf designte Bänke als Obdachlose. Sie umweht so etwas Romantisches, Verwegenes. Vielleicht liege ich mit dem französischen Film gar nicht falsch. „Letztens habe ich hier sogar eine Wäschespinne auf einem der Balkone gesehen!“ Noch ein Versuch, den langhaarigen Soziologiestudenten die Hafencity als ein gemischtes Biotop zu verkaufen. Eine Wäschespinne als Indikator sozialen Wohnungsbaus. Noch suchend nach der Wäschespinne, die auf mysteriöse Weise verschollen zu sein scheint, fährt er fort. „Auch einen Supermarkt gibt es hier schon.“ Den kenne ich. Elf verschiedene bereits vorgekochte Tortellini-Sorten, ein Weinsortiment, von dem selbst Carsten Maschmeyer träumt. Champagner-Ecke. Gedimmtes Licht. Unauffällig edles Interieur. Lieferservice. Nur das „Kunden für Kunden“- Anzeigenbrett macht seinem Namen keine Ehre. Die einzigen Anzeigen auf diesem Brett sind die Vorgaben des Jugendschutzes für Alkoholkonsum und die Gottesdienstzeiten der Hafencity-Kapelle. Kunden dieses Marktes verkaufen nichts und kaufen nichts Gebrauchtes.


Der neue Punk - mit Halbglatze

Ich erhebe mich und rumple über die Holzplanken. Ein Mops überholt mich. Ein Mops, der eine Mutter samt Kinderwagen hinter sich her zieht. Design. Design. Design. Mops in cremefarbigem Windbreaker, Mutter cremefarbig von Kopf bis Fuß, Kinderwagen farblich korrespondierend. Bei mir korrespondiert gar nichts. Nicht einmal Trinklernflasche mit Kind oder Kind mit Einkaufsnetz. Von meinem Outfit ganz zu schweigen. Ich fahre tapfer weiter …und werde belohnt mit einem gestalterischen Super-Gau. Die Fenster im Aufenthaltsraum des kleinen Hafencity-Heizwerks sind geschmückt. Mit weihnachtlichen Motiven aus Granulat. Im Februar. Dahinter verstaubte Topfpflanzen in leicht vergilbten Plastikübertöpfen. Zwischen zwei Granulat-Nikoläusen kommt eine griesgrämige überkämmte Halbglatze zum Vorschein, der ich ermunternd zunicke. Ein Rebell! Der James Dean der Hafencity. Rock’n Roll. Ich wette mit mir selbst, dass mein neues Idol Mephisto-Schuhe mit Kreppsohlen und Jeans mit Bügelfalte trägt. Mir wird es klar. Was gestern der Punk war, ist heute der Träger einer überkämmten Halbglatze. Ich stelle mir vor, wie er nach seiner Schicht heimlich auf Mephisto-Kreppsohlen durch das Viertel schleicht und Kunstdünger streut. Wahrscheinlich ist er auch für das mysteriöse Verschwinden der Wäschespinne verantwortlich. Zufrieden, den Fall gelöst zu haben, rumple ich nach Hause.

Immer dienstags wird Doris Brandt, Freitag-Autorin und Community-Mitglied, ihren Rundgang durch Hamburg fortsetzen und so ihr ganz eigenes Stadtbild zeichnen. In die Hafencity trieb es sie, weil sie die Ruhe dort mag. Das Design eher nicht so.

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16:09 21.02.2012

Ausgabe 42/2021

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