Rock'n'Rain

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt mit ihrem Kinderwagen durch Hamburg spaziert, hat sie einen neuen Blick auf die Stadt. Diesmal trifft sie Harley-Davidson-Fahrer mit Ohropax

Es regnet. Ein guter Regen. Fritz-Walter-Regen. Obwohl er nicht auf den Fußballrasen sondern auf den Asphalt prasselt. Einige wenige Harley-Fahrer sind schon wach, drehen kleine Frühstücksrunden.

Weil sie ihre Schalldämpfer ausgeschraubt haben, tragen sie Ohropax unter ihren Kopfbedeckungen, die mich an Wehrmachtshelme erinnern und auf denen sich jetzt kleine Rinnsale ihren Weg bahnen. Permanente Beschallung ist schädlich, das weiß der Biker von heute. Manchmal werden sie gefilmt, mit Familien-Kamera aus dem Minivan hinter ihnen, der Torben oder Marte-Kaja an Bord hat. „It never rains in Southern California“? In Hamburg schon.

Die meisten Rocker bleiben daher an diesem Morgen lieber im Hotelbistro, das verkehrs- und preisgünstig an der Harley-Hauptverkehrsachse zwischen dem „Harley-Village“ am Großmarkt und der „Harley-Partymeile“ am Spielbudenplatz auf der Reeperbahn liegt. Beine breit, Bauch raus, Croissant in der Hand. Es riecht nach frischem Kaffee und Leder. Das dominierende Türkis des Hotel-Interieurs beißt sich mit dem dominierenden Schwarz-Orange der Hotel-Klientel.

Ich lehne an einer Säule und versuche mich im Kennerblick. Wie viel Hubraum wohl so eine Harley Fat Boy hat? Meine Gleichgültigkeit wird von einem leichten Fiepen im Ohr begleitet. Immerhin war ich in den letzten Tagen ca. 50.000 Harleys ausgeliefert, die zu einem großen Teil ohne Schalldämpfer in einer Endlosschleife zwischen Harley-Dorf und Harley-Meile knatterten. Aber Schwamm drüber, wir Großstädter sind ja tolerant. Wenn ich mich über ein Fiepen beschweren würde, wäre ich Nörglerin, Spießerin, überhaupt nicht modern und müsste aufs Land ziehen. So ist es ja überall zu lesen in den Online-Kommentaren zu Artikeln, die es wagen die lauteste aller Großveranstaltungen in Frage zu stellen. Nein, ich bin modern und habe einen Tinnitus. Dafür lebe ich in der Großstadt.

Ronald Schill und Rock am Ring

Großveranstaltungen sind toll. Die „Schwarzwald-Miezen“, pink-schwarze T-Shirts und orange-braune Gesichter, finden das bestimmt auch und haben am Buffet nochmal nachgeladen. Rührei-kauend beschweren sie sich jedoch über das Fanfest am nahegelegenen Heiligengeist-Feld. Die Reeperbahn sei mit dem „Moppedd“ gar nicht mehr befahrbar gewesen. Nach dem Fußballsieg über die griechische Nationalmannschaft hätten zehntausende Fußballfans die Straße blockiert.
Die Harley-Days, eine jährliche Vertriebsveranstaltung des zwischenzeitlich kränkelnden Motorrad-Herstellers aus Milwaukee mit jährlich hundertausenden kostenlosen Messe-Hostessen. Eine Mischung aus Großraum-Disco, Rock am Ring und Wetten, dass...? auf Mallorca.

Jedes Jahr suche ich automatisch nach Thomas Gottschalk und Arnold Schwarzenegger, die ganz vorzüglich an die Spitze der sonntäglichen Abschluss-Parade passen würden. Ist es zudem Zufall, dass die ersten Harley-Days im Jahre 2003 noch in die fragwürdige Ära des damaligen Innensenators Ronald Schill fielen? Den Harley-Fan und „Richter Gnadenlos“ beschlich damals sogar die fixe Idee, Hamburgs Polizei mit dem blitzenden Modell „Electra Glide Police“ auszustatten. Die für ein Jahr vom Hersteller zu den ersten Harley Days kostenlos zur Verfügung gestellten Polizei-Maschinen wurden später zurück gegeben.
Trotz Kritik und Protest lassen es sich seitdem die Veranstalter nicht nehmen, jährlich bis zu 50.000 Maschinen durch die Stadt zu jagen. Die sonst so gerühmte Straßenverkehrsordnung wird an diesem Wochenende traditionell auf wundersame Weise überrollt. Selbst im "Umwelthauptstadtjahr“ 2011 fanden sie statt: im Rahmen einer seltsamen Ökumene mit dem jährlichen Motorrad-Gottesdienst, auf dem wiederum ca. 20.000 Christen mit Motorrädern für ihre bereits verstorbenen Kollegen beten. Im Umwelthauptstadtjahr war scheinbar nur ein Mega-CO2-Event vertretbar.

Polonaise bis Cuxhaven

Es gießt noch immer. Ordner räumen Metall-Absperrungen weg, die die Reeperbahn von der Harley-Party-Meile trennen. Die Reeperbahn war heute Morgen gesperrt. Nicht wegen des vielen Chroms, nicht wegen des benachbarten Fan-Festes. Es bewegen sich heute Morgen noch andere Massen durch Hamburg. Laufend. Der Hamburger Halbmarathon ist hier vor genau 52 Minuten mit über 6.000 Läufern und Läuferinnen gestartet und soll das Wochenende sportlich abrunden. Zur fortlaufenden Stoppuhr ertönt aus Sarg-großen Lautsprechern „Tage wie diese“ von den Toten Hosen. Der Straßenbelag ist bedeckt mit Einweg-Regencapes der Läufer. Zwischen Harley-Village, Fanfest, Halbmarathon-Strecke und vorbei knatternden Harleys steht ein Polizist als Streckenposten, der seinen Schuh gerade von einem Einweg-Regen-Cape befreit und nichts sagen möchte zu den heute stattfindenden Veranstaltungen.

Ich möchte mich engagieren. Für weitere Großevents. Vielleicht leidet ja auch ein Hersteller für Kettenfahrzeuge unter Umsatzeinbußen. Dann ist Hamburg zur Stelle. Ich sehe es schon vor mir: Die ersten Panzerdays Deutschlands! Und nicht nur das. Papst Benedikt hält auf einem russischen T34 Panzer die Andacht zum Motorrad-Gottesdienst und bildet neben Thomas Gottschalk und Arnold Schwarzenegger, beide in Schweizer-Garde-Uniform, die Spitze einer Parade aus 20.000 Motorrad-Christen, 30.000 Kettenfahrzeugen, 50.000 Harley-Davidsons, 60.000 Fußballfans mit Deutschland-Perücken und 500.000 Besucher des Schlager-Moves, die „Griechischer Wein“ grölen. Diese sich wunderbar ergänzenden Veranstaltungen finden pünktlich zum Hafengeburtstag statt, an dem die größten Kreuzfahrtschiffe dieser Welt eine Polonaise von Cuxhaven bis in die Hafencity bilden. Teilnehmer der zeitglich stattfindenden Sportveranstaltungen Hamburg Marathon, Hamburg Triathlon und der Cyclassics keuchen zwar ein wenig aufgrund des knapp werdenden Sauerstoffs, aber dabei sein ist ja schließlich alles. Dann wird es schwarz, und die Stadt implodiert. Es bleibt nichts übrig außer einer großen Rauchwolke. Puff.

Es regnet einfach weiter. Auf dem Spielbudenplatz öffnen die ersten Merchandising-Verkaufszelte. Hamburger Regen ist für den Absatz von Harley-Davidson-Shirts mit Python-Applikationen nicht förderlich. Vor der Ausstellungs-Fläche der Fahrzeugmarke „Hummer“ wischt ein Mitarbeiter mit einer Gummilippe und schlägt Wellen.

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16:51 03.07.2012

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