Das verflixte H-Wort

Eventkritik Poptheoretiker Mark Greif widmete sich auf einer Podiumsdiskussion in Berlin einem der wichtigsten zeitgemäßen Diskursgegenstände: dem Hipstertum. Wie steht es darum?

In den letzten Jahren wurde man regelrecht feuilletonistisch überfüttert mit theoretischen Abhandlungen zum Hipsterphänomen und immer dann, wenn man hoffte, das Thema sei durch, gab es erneut ein YouTube-Satire-Video oder eine Belebung der Berliner Gentrifizierungsdebatte. Bereits 2010 erschien unter dem Titel What was the Hipster? eine englischsprachige Textsammlung verschiedener Autoren zum Thema, an der Mark Greif, Mitherausgeber der New Yorker Kulturzeitschrift n+1 maßgeblich beteiligt war. Anlässlich der Publikation des deutschsprachigen Pendants mit dem schlichten Titel Hipster – eine transatlantische Diskussion wird die Debatte nun weitergeführt. Etwa mit einer Podiumsdiskussion im Berliner HBC vergangenes Wochenende, initiiert vom Suhrkamp Verlag in Kooperation mit dem John F. Kennedy Institut der FU Berlin und dem Spex Magazin.

Der Andrang ist enorm und der bestuhlte Saal des ehemaligen ungarischen Kulturinstituts am Alexanderplatz fasst nur einen Bruchteil der Besucher. Nachdem die nette Dame von Suhrkamp uns schon vor einer Woche informierte, dass das Pressekarten-Kontingent restlos erschöpft sei, gibt es auch an der Abendkasse keinen Einlass mehr. Aber die Organisatoren haben schnell reagiert und im Foyer mehrere Lautsprecher aufgestellt, auf dem Teppichboden lungernd wird die Veranstaltung so für den Großteil der Gekommenen zu einem Hörspiel. Viele Studenten der FU sind da, aber auch ein paar graumelierte Anzugträger und gelegentlich huscht ein quiekendes Kleinkind zwischen den Sitzgruppen umher. Die Übertragung beginnt. Auf Englisch führen Wibke Wetzker und Oskar Piegsa von der Spex angenehm unaufgeregt durch den Abend. Neben Mark Greif sind Thomas Meinecke, Tobias Rapp (Lost and Sound, Der Spiegel) sowie Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung) eingeladen.

Hörspiel auf dem Teppichboden

Mark Greif setzt an und versucht zu verorten, wann das Hipstertum, ausgehend von seinem Aufscheinen in der amerikanischen Subkultur, in den Mainstream übergegangen ist. Als stereotyper Bestandteil der Werbeindustrie sei die Figur natürlich schon eine ganze Weile omnipräsent, doch wie auch im weiteren Verlaufs des Abend wird an diesem Punkt bereits klar, dass der Begriff an sich sowohl chronologisch als auch terminologisch schwer einzugrenzen ist. Durch die ausgiebige Beschäftigung mit dem Thema habe er aber eine zärtliche Sympathie dafür entwickelt, teilt Greif mit und erntet dafür amüsiertes Gelächter.

Des Weiteren geht er auf die historischen Vorläufer und mögliche Namensgeber ein, bezieht sich auf Norman Mailers Essay The White Negro: Superficial Reflections on the Hipster und spricht über den Wandel vom frühen Macho-Hipstertum der späten 1990er Jahre (Protagonisten wie Vincent Gallo, Terry Richardsson) hin zum Green Hipstertum (Bands mit Tiernamen wie Animal Collective, Wolfparade, Strandidyll und esoterische Hippie-Szenarien).

Schnell landet er beim Kernpunkt der Diskussion an diesem Abend, dem wahrscheinlich spannendsten Aspekt der Diskussion überhaupt: Warum sind sich alle einig über die Präsenz dieser Bewegung, ist jedoch kaum ein moderner Großstädter zwischen 20 und 35 Jahren bereit seine Zugehörigkeit offen einzugestehen? Mark Greif berichtet, dass er bei ganz jungen Gesprächspartnern unter Zwanzig mehr positive Identifizierung feststellen konnte, eine genaue Erklärung hierfür habe er aber auch nicht parat.

Hipster nicht gleich Hipster

Nun kommt Tobias Rapp zu Wort, der zuerst einmal um Differenzierung in der transatlantischen
Diskussion bemüht ist. Es müsste strikt unterschieden werden zwischen dem jungen Mittelklasse-Amerikaner, der das Trucker Cap als ironisches Zitat an die eigene Nationalitätssymbolik benutze und dem Europäer, der selbiges ohne Reflexion als schickes Accessoire übernehme.

Rapp zeichnet speziell den Entstehungsprozess des Berliner Hipstertums nach. Von der Okkupation öffentlichen Raums in den 1990er Jahren, als man einen Dreck auf Äußerlichkeiten gab, bis hin zum Verschwinden der Subkultur aus den inneren Bezirken in den letzten zehn Jahren. Zusammen mit Thomas Meinecke werden die deutschen bzw. europäischen Wurzeln des Phänomens unter die Lupe genommen und neben dem Einfluss aus Übersee irgendwie auf die Easy Listening-Retro-Bewegung der frühen 1990er Jahre zurückgeführt.

Dann beginnt Jens-Christian Rabe seinen Diskurs über die Münchner Hipster, die angeblich nur über das Internet ausfindig zu machen wären. Nicht nur aufgrund der schwankenden Übertragungsqualität der Mikrofone treten beim Hör-Publikum erste Ermüdungserscheinungen auf. Allein die Tatsache, dieses verflixte H-Wort in der letzten Stunde etwa 200 Mal gehört zu haben, löst eher Reaktionen aus wie „Ich glaub, ich hol mir noch ein Bier“ oder „Ich schau mal kurz zum Büchertisch rüber, was die da so haben“.

Und wo sind die Frauen?

Elegant und mit dezentem Nachdruck gehen die Moderatoren da aber auch zum Frage/Antwort-Teil über. Eine Redakteurin des Missy Magazins möchte wissen, welche Rolle Frauen eigentlich in der sehr offensichtlich männlich dominierten Subkultur einnehmen, und Mark Greif beruft sich hier auf die Untersuchungsergebnisse seiner beiden weiblichen Mitherausgeber von What was the Hipster?, Kathleen Ross und Dayna Tortorici: Ausgeprägtes männliches Modebewusstsein wäre, im Gegensatz zum Mainstream, ein Hauptmerkmal der Hipster. Da aber Frauen derselben Gesellschaftsschicht ohnehin zumeist modisch gekleidet seien, fiele es schwerer sie einwandfrei zu orten, nach dem Motto: Nur weil sie eine Nerdbrille trägt, muss sie noch kein Hipster sein. Deshalb nimmt sich Tortorici in ihrem Text „You Know It When You See It“ speziell der Hipsterfotografie an und untersucht in diesem Feld die Rolle der Frau. Welche nicht klar zu definieren bleibt.

Final landet man schließlich wieder bei der großen Preisfrage, warum keiner zugeben möchte ein Hipster zu sein, und Greif vergleicht das Verhalten mit dem Wunsch des Menschen auch im Urlaub nicht als Tourist erkannt werden zu wollen und sich gleichzeitig über andere Touristen lustig zu machen. Das erscheint ein bisschen plausibel und um noch eins drauf zu setzen, dreht er den Spieß um und bittet alle im Publikum ein Handzeichen zu geben, die bereit sind sich zu outen. Da im Hörspiel-Bereich nur Gelächter als Antwort ertönt, rätseln wir bis zum Schlusssatz über die Zahl der Hände, welcher bald darauf lautet: "See you at the bar!"

Während Tobias Rapp und Thomas Meinecke im Hintergrund experimentellen Jazz auflegen, erfahren wir dort dann, dass sich genau ein Bekenner gemeldet hat - der Online-Redakteur des Spex Magazins. Wir finden das sehr mutig, stellen uns an die Bar und mustern all die anderen Hipster, die mit uns an diesem Abend hier ihr Bierchen trinken.

16:50 06.02.2012
Geschrieben von

Sophia Hoffmann

Sophia Hoffmann ist Köchin und Autorin. Als Aktivistin setzt sie sich für soziale Gerechtigkeit und Feminismus ein.
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