Der coole Onkel

Eventkritik Was macht den Reiz eines Alice-Cooper-Konzerts aus? Man weiß danach, dass man nicht verrückt ist, wenn man mal den Wunsch hat, eine Baby-Puppe mit der Axt zu zerhacken

Dieser Mann ist eine lebende Legende, da beißt die Maus keinen Faden ab. Unzählige Hits hat er gesungen, Skandale provoziert und Exzesse überlebt. Alice Cooper, 1948 in Detroit als Vincent Furnier geboren, dient bis heute unzähligen Musikern und Bühnenkünstlern als Vorbild. Seine Spezialität: Grusel-Rock mit finsteren Texten, optisch abgerundet mit Kostümen, Bühnenbild, Statisten und Requisiten wie Waffen, Zombies und ordentlich Filmblut.

Schon von klein auf war ich fasziniert von dieser Kunstfigur, konnte alle Lieder mitsingen, doch an diesem Abend in Berlin werde ich ihn das erste Mal live erleben. Auf dem Weg zur gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Columbiahalle – die größten Zeiten sind halt doch vorbei – machen sich Bedenken breit: "Was, wenn sein Auftritt mies wird und ich jeglichen Respekt vor dem Idol meiner Kindheit verliere, oder noch schlimmer, Fremdscham empfinde?" Das würdevolle Altern von Rockstars auf der Bühne ist eine Gratwanderung zwischen peinlich (Mick Jagger) und lässig (Brian Ferry).

Beim Betreten des Saals wird mir sofort klar, dass die Sozialstudie eines durchschnittlichen Alice-Cooper-Publikums mindestens den gleichen Unterhaltungswert haben wird wie das Konzert selbst. Ein gemütlicher Haufen Durchschnittsbürger mit Feierabend-Bierchen in der Hand trifft auf schwarz geschminkte Hardcore-Fans zwischen acht Jahren und Mitte sechzig, die sich bereitwillig mit den Normalos fotografieren lassen. Vielen Fans sieht man an, dass sie ihre Prägephase in den 70er oder 80er Jahren erfahren haben, Frisur und Outfit wurden seit damals nicht mehr groß verändert. Mich beschleicht das Gefühl in einer Ecke der Columbiahalle befände sich der Ausgang einer Zeitmaschine, dem mindestens die Hälfte des Publikums entschlüpft wäre.

Applizierte Spinnenbeine

Ein alternder, stark geschminkter Fan taumelt schon vor Aufregung und schlägt mir fast mein Plastik-Sektglas aus der Hand, da fällt der Vorhang, der die weltbekannte Fratze ziert und Herr Cooper rollt auf einer Art überdimensionaler Trittleiter in die Bühnenmitte. Er singt "Black Widow" und trägt einen Mantel mit applizierten Spinnenbeinen. Das Gerüst wirkt extrem klapprig. Als er herunterklettert, scheint er etwas Mühe zu haben, hoffentlich tut er sich nichts!

Doch meine Angst erweist sich als unbegründet, der Mann ist bei bester Gesundheit, für seine 63 Jahre gut in Form, beginnt er gutgelaunt und wild einen Spazierstock schwingend an einen Hit nach dem anderen abzufeiern. Seine Begleitband ist auffallend jung, cool zusammen gecastete, tätowierte Vollblutmusiker Mitte Zwanzig, allen voran die 24-jährige Ausnahme-Gitarristin Orianthi, die bereits mit Michael Jackson und Carlos Santana auf der Bühne stand. Als sie nach einem Solo tosenden Applaus bekommt, brüllt jemand mürrisch: "Scheiß-Diva!" Die meisten scheinen aber begeistert zu sein.

Womit wir schon beim Hauptthema dieses Abends wären: Der Gast ist König. Selten habe ich eine dermassen fanfreundliche Veranstaltung erlebt. Keine Hit-Erwartung bleibt unerfüllt, jede bekannte Pose und Bühnenhandlung wird eingenommen und ausgeführt: Bei "Is it my body" posiert Alice mit einer echten Riesenschlange. Er tanzt mit einer weiblichen Puppe Tango, während er "Only women bleed" singt. Und er holt bei "Feed my Frankenstein" eine Riesenmonsterpuppe auf die Bühne und lässt sich theatralisch mit einer Guillotine enthaupten.

Er liebt sein Fans, man merkt es ihm an, ja, er verhätschelt sie regelrecht und will ihnen ja nicht zuviel Neues und Ungewohntes zumuten. Als er einen neuen Song spielt ("I'll bite your face off") hat er sich extra eine Lederjacke übergezogen auf deren Rücken "New Song" geschrieben steht, damit keine Verwirrung aufkommt und bei der Zugabe "Elected" trägt er ein deutsches Fußball-Trikot mit seinem Namen und schwenkt eine Deutschland-Flagge.

Horror nur mit Komik

Der ist doch ein bisschen böse, oder? Alice Coopers größtes Erfolgs-Geheimnis ist und bleibt seine unschlagbare Selbstironie, seine Uneitelkeit. Horror funktioniere in seinen Augen nur gepaart mit Komik, bekannte er in unzähligen Interviews. Und deshalb hat er auch kein Problem damit würdevoll auf der Bühne zu altern, da er es mit der Würde noch nie so genau genommen hat. Schön war dieser Mann auch zu Anfang seiner Karriere Ende der 60er Jahre nicht und sexy höchstens durch seine überzogenen Posen.

Cooper ist der coole Onkel, den man sich immer gewünscht hat, der einem erzählt, dass die Schulzeit irgendwann für immer vorbei ist und Männer auch mal weinen dürfen – und dass man nicht verrückt sein muss, nur wenn man mal Lust hat eine Babypuppe mit der Axt zu zerhacken. Zum Abschluss verkündet er: "Berlin, it's party time!" und riesige, mit Konfetti befüllte Luftballons werden ins Publikum geschleudert. Alice Cooper wäre nicht Alice Cooper wenn er sie nicht anschließend einen nach dem anderen, wild mit einem Degen fuchtelnd, zerstechen würde. Über und über mit Luftschlangen und Papierschnipseln übersät, verlassen wir, seine kuriose Fangemeinde, glücklich den Saal und treten hinaus in die kalte Berliner Novembernacht. Wir fühlen uns ein bisschen verdorbener und gemeiner als vor dem Konzert. Und das fühlt sich gut an ...

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18:35 15.11.2011
Geschrieben von

Sophia Hoffmann

Sophia Hoffmann ist Köchin und Autorin. Als Aktivistin setzt sie sich für soziale Gerechtigkeit und Feminismus ein.
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Sophia Hoffmann

Ausgabe 42/2021

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