Ekkehard Knörer
Ausgabe 1216 | 23.03.2016 | 11:08

Alles muss raus

Kino „Mein Ein, mein Alles“ von Maïwenn hat keine Lust auf Feinsinn. Extrovertiert und ruppig erzählt der Film vom Leiden an der Liebe

Leichthin, spontan, etwas betrunken, zu später Stunde in einer Bar fliegen ein paar Spritzer Wasser von Tony zu Georgio. Das ist kein Blitzschlag, kein coup de foudre, eher ein Flirt aus der Laune heraus. Zwischen zwei Menschen um die 40 noch dazu, also mit Vorgeschichten genug in Sachen Liebe. Was sich so neckt, wird sich lieben, das wird trotzdem bald klar. Beim ersten Sex, den sie haben, muss der nicht mehr junge Georgio die nicht mehr junge Tony erst mal beruhigen, dass es mit ihrer Vagina gar kein Problem gibt, dass nur ein Mann mit sehr kleinem Penis sie für zu gedehnt halten kann.

Liebe also, ja, keine Frage, noch dazu mit dem Übermut der Jugend, der vielleicht aber nur der Panik des mittleren Alters geschuldet ist. Georgio ist ein Verführer, der hinreißen kann, die Kehrseite allerdings ist, dass ihm auch jeder Sinn für Verantwortung fehlt. Ein Mann, der einsame Entscheidungen trifft – sie leben zusammen, aber eines Tages führt er sie, voilà, in seiner neuen eigenen Wohnung herum. Er betreibt ein Restaurant, mit den Finanzen steht es nicht immer zum Besten, es klingelt an der Tür und sämtliches Mobiliar, auch das von Tony, wird ihnen unter dem Hintern weggepfändet.

Das Gelenk

Die Schattenseiten will Tony, die erfolgreiche Anwältin, erst einmal lieber nicht sehen. Für die Zuschauerin allerdings besteht von Anfang an gar kein Zweifel, denn Maïwenns Film Mein Ein, mein Alles (im französischen Original: Mon roi – „Mein König“) ist auf zwei parallelen Gleisen erzählt. Zeitlich verschoben, und dann noch in unterschiedlichen Tempi. Die Vergangenheit, die auf dem einen Gleis fährt, nähert sich der Gegenwart auf dem anderen Gleis recht rasant an. Und dass es mit der Liebe zwischen Georgio und Tony vorbei ist, steht in der Gegenwart, mit der der Film einsetzt, schon fest.

Tony hat sich beim Skifahren das Knie böse verletzt, vielleicht sogar mit Absicht; die Therapeutin hat dazu ihre eigenen tiefenpsychologischen Ideen. Das französische Wort für Knie lautet „genoux“, lautlich identisch mit „je“ und „nous“, also stecken dahinter Probleme, die irgendwo auf der langen Strecke zwischen „ich“ und „wir“ liegen. Mein Ein, mein Alles ist ein Film über die Frage, warum die beziehungsmathematische Gleichung „zwei Ich gleich Wir“ mal wunderbar aufgeht und dann wieder gar nicht.

Das Knie, sagt die Therapeutin außerdem, ist ein Gelenk, das sich nur nach hinten bewegt, darum muss man bei Erklärungen für Knieprobleme in der Vergangenheit suchen. Der Film gehorcht ihr aufs Wort und blickt immer wieder zurück auf die turbulente Geschichte der Liebe, der Ehe, der Trennung, der Wiederannäherung des Paars Georgio und Tony. Auf dem Vergangenheitsgleis wird darum immer schön euphorisch nach vorn erzählt, nur kommt der Euphorie dieser Liebe auf dem anderen Gleis ständig die Gegenwart des Reha-Aufenthalts dazwischen.

Man fühlt sich darum beim Sehen ganz paradox. Maïwenn bringt so viel Tempo in die Liebeserzählung, dass man bei der Schleuderpartie gar nicht anders als mitmachen, mitleiden, miteuphorisch und mitzutodebetrübt sein kann. Umso heftiger die Bremsmanöver, doppelt und dreifach, da die Knietherapie eine sehr langwierige Sache ist, am Fitnessgerät, im Schwimmbecken, Beugen und Strecken, Rumgequatsche mit ein paar Reha-Buddys, mühseliges Duschen im Sitzen mit Knie-Handicap, ungelenkes Alleinsein im Bad, da hält die Kamera genauso auf die nackte Tony wie beim Sex mit Georgio.

Emmanuelle Bercot macht sich als Darstellerin dieser Tony in jedem Sinn des Wortes nackt, mehr noch, sie kehrt das Innere der Figur ständig nach außen. Tony heult, schreit, klagt, jubiliert – und ist in der Reha ermattet, aber im Sprung in die heranrasende Vergangenheit versetzt sich der Film dann verlässlich den nächsten Energiestoß. Bercot nimmt keine Rücksicht darauf, wie attraktiv oder unattraktiv sie jeweils erscheint, und ob einem diese Tony auf den Geist geht oder nicht, ist dabei nicht der Punkt. Alles muss raus, das ist extrovertierte Schauspielerei immer am Limit. Bercot, selbst eine erfolgreiche Regisseurin, weiß, was sie tut. Und die Regisseurin Maïwenn, selbst Schauspielerin, weiß auch, was sie tut.

Eine Schau

Sie macht ein Kino, das auf Introspektion keine Lust hat. Die Ästhetik ist rau, unsubtil, da wird nicht gegrübelt, sondern gehetzt; da geht es nicht um Bildkompositionen, sondern um den raschen Schnitt, den Sprung, das nächste Hoch oder Tief. Kein schönes Kino, nicht feinsinnig, nicht elegant, sondern energetisch, psychodramatisch. Es will einem nicht an den Verstand, sondern erst ans Herz und dann an die Eingeweide. Das ist anstrengend und soll es auch sein, das ist nicht das Problem.

Ein Problem sind eher die Unwuchten, die entstehen. Vincent Cassel ist dabei eher eine Wucht als eine Unwucht. Er macht das toll, setzt einen durch und durch ambivalenten Filou und Charmeur Georgio gegen Bercots von wechselnden Eindeutigkeiten gebeutelte Tony. Nur gibt es da noch Louis Garrel, der als Tonys Bruder Solal eher aus Vollständigkeitsgründen reingeschrieben wirkt in den Film. Und dann erst Maïwenns Schwester Isild Le Besco als Solals Partnerin Babeth. Sie sitzt herum, lacht, sagt den ganzen Film hindurch quasi nichts. Das ist so undankbar, das muss Schwesterliebe sein (umso schlimmer, als Isild Le Besco als Regisseurin die zehnmal interessanteren Filme macht als die mit ihren Filmen zehnmal erfolgreichere Maïwenn).

Trotzdem: Es wird einem schon heiß und kalt mit Mein Ein, mein Alles. Nicht immer da heiß, wo der Film will, dass es heiß ist, nicht immer da kalt, wo er will, dass es kalt ist. Man durchlebt das als Energiestrom mit Turbulenzen und ziemlich flachen Stellen. Aber alles in allem, dank Bercot und Cassel, ist es schon eine Schau.

Info

Mein Ein, mein Alles Maïwenn Frankreich 2016, 124 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.