Rückwärts immer

Theater Ein zweitägiger Kongress huldigt der Geschichte der Volksbühne und zeigt einmal mehr: Es fehlt an Ideen für die Zukunft des Hauses

Es ist die Geschichte einer gescheiterten Revolution zu erzählen. Sie beginnt, wie sich das gehört, mit der nicht ganz friedlichen Absetzung eines Königs. 25 Jahre lang leitete Frank Castorf als Intendant die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, ein Haus mit langer linker Geschichte. 1992 als fast noch junger Revolutionär eingesetzt, war er nach drei Jahren nicht tot, sondern gehasst und gefeiert, für die Ost-Linke einer der ganz wenigen Helden aus den eigenen Reihen, für die West-Linke hip. Es ging auf, es ging ab, Castorf machte sein Haus weltberühmt, die Formen wurden erweitert, manch einer kam, manch einer ging, Kresnik, Marthaler, Schlingensief, Kjartansson, Pollesch, Fritsch – und viele, viele mehr (aber fast immer nur Männer). Darin, wie sie ihre Akzente setzen, wen sie erwähnen, wen nicht, unterscheiden sich die Historiker des Castorf’schen Hofs, dem es, wie jedem Hof, an dienstfertigen Sykophanten und Intriganten und Hofdichtern und nachträglichen Mythosbeschwörern nicht fehlte und fehlt.

Irgendwann in den Nullerjahren waren die Revolutionäre dann selbst etabliert. Matthias Lilienthal gründete sein eigenes Reich, Schlingensief wurde immer mehr Kunst, dann starb er zu jung. Castorf langweilte sich mit sich und seinem Theater, das berappelte sich nach bleischweren Jahren noch mal, das Ende zog sich hin, und dann war plötzlich doch Schluss. Und zwar dank eines eher unwahrscheinlichen Brutus namens Tim Renner. Ihn, einen berufsjugendlichen Mann aus der Plattenindustrie, hatte sich der Nebenbei-auch-Kultursenator Klaus Wowereit als Kulturstaatssekretär ausgeguckt. Vom Theater verstand Renner eher wenig, wenngleich wohl eine Spur mehr als Michael Müller, der bald auf Wowereit folgte. Renner löste Castorfs Vertrag, ein paar naheliegende Nachfolger winkten ab. Da entwickelte Renner eine sehr große, ja revolutionäre Idee: Ausweitung der Volksbühne in Richtung Plural, in Richtung Kunst und andere Künste (zunächst sollten die Berliner Kunstwerke mit unters Dach), in Richtung Tempelhof (ein Hangar als Spielstätte), in Richtung international und mondän. So ganz genau ausgearbeitet war der Plan nicht, am Theater selbst wurde erst mal keiner gefragt, die Frage der Finanzierung verschob Renner auf später, reinen Wein für die Öffentlichkeit gab es nicht: Hauptsache, alles klang grandios. Renner suchte und fand und bekam, erstaunlich genug, für diesen Plan den richtigen Mann. Auftritt des tragischen Helden: Chris Dercon.

Dercon hatte als Kunstmanager eine glänzende internationale Karriere gemacht, zuletzt als Direktor der Tate Modern in London, bestens vernetzt mit den Größen der Kunstwelt, nach den Maßstäben des Betriebs beschlagen in Sachen Kino, Theorie und Architektur, und auch Theater und Tanz waren ihm keineswegs fremd. Was ihm ganz fremd war, das zeigte sich rasch, waren die Tücken der Kommunalpolitik, die ideologischen Gräben und Untiefen der Berliner Milieus und, besonders unglücklich, das deutsche Stadttheatersystem. „Think global, fuck local“, lautete ein berüchtigter Sinnspruch von Dercon. Wie es so geht: Er dachte „global“ und wurde dann gründlich von „local“ gefuckt. Wahrscheinlich war Renners Revolution vom ersten Moment an zum Scheitern verurteilt, in rascher Folge ging dann jedenfalls schief, was schiefgehen konnte, auch Dercon beging Fehler um Fehler.

Weihrauch für Castorf

Der als zentraler Subkommandant ins Auge gefasste Volksbühnenheld René Pollesch machte nicht mit, auch andere sagten ab. Renner wurde abgewählt, von Müller ward nichts mehr zu hören, mit dem Linken Klaus Lederer kam ein entschiedener Dercon-Verächter ins Amt, die Stimmung in der Presse war hämisch bis schlecht, die Gegner schreckten vor Fäkalien und der Besetzung des Hauses nicht zurück, die Volksbühnen-Mitarbeiterinnen begannen nicht ganz zu Unrecht das Schlimmste für ihre Arbeit zu fürchten, eine Petition zur Erhaltung von Repertoire und Ensemble war ein Riesenerfolg, das Publikum zeigte am intellektuell ambitionierten, durchaus aufregenden, aber auch sehr spröden und an Eigenproduktionen fatal armen Programm zu wenig Interesse. Viel Überredung musste Lederer nicht aufwenden, um im April den Vertrag des längst zermürbten Dercon zu lösen.

Eigentlich sollte es jetzt um die Zukunft gehen beim an der Akademie der Künste veranstalteten, über zwei Tage gehenden Kongress „Vorsicht, Volksbühne!“, aber von der Beweihräucherung der Vergangenheit kamen die wenigsten los – der Castorf-Vergangenheit, eh klar, so war der Kongress von Anfang an konfiguriert. Aus der ersten Reihe der Schauspielerinnen oder Regisseure war keiner gekommen, immerhin Vertreterinnen der Gewerke. Denkwürdig auch, wenngleich ganz auf der aggressiven Selbstmitleid-Schiene, eine improvisierte Soloperformance des Nebendarstellers Mex Schlüpfer. Die Besetzertruppe „Staub zu Glitzer“ – inzwischen gespalten – wurde hofiert, trug aber erneut außer Selbstgerechtigkeit nichts zur Schau und außer Phrasen nichts vor. Dercon galt allen als Satan, Berliner-Festspiele-Chef Thomas Oberender wurde für den vorsichtigen Hinweis am Anfang, es gebe sehr wohl aus dieser kurzen Ära manches zu bewahren, sogleich ausgezischt.

Sehr unverbindlich war von Leerstellen die Rede, Transparenz, möglicherweise ein Beratungsgremium, eine Findungskommission, vielleicht eine Frau als Intendantin, vielleicht auch ein Team. Kein heftiger Streit, schon gar nicht über Konzepte, aber man war ja auch weitgehend unter sich. Um die Vergangenheit und um Gentrifizierung ging es viel, um heutiges Theater und eine zeitgemäße Ästhetik oder gar um theoretisch fundierte Analyse reichlich wenig. Einzig Evelyn Annuß, Initiatorin der Petition zum Erhalt des Ensemble-Prinzips, mahnte die Reflexion über die künstlerischen Setzungen an und warnte vor dem Rückfall ins Stadttheater-business-as-usual. Sie stellte klare Forderungen zum Einbezug der freien Theaterszene, von Intellektuellen und Aktivisten in den transparent und offen zu gestaltenden Entscheidungsprozess. Mit gutem Grund kritisierte sie den potenziellen Alibicharakter des Kongresses. Da wurde sie vom gar nicht mehr freundlichen Klaus Lederer angefahren, der später seinen recht konservativen Theaterbegriff in einem ansonsten angenehm ratlosen Schlussmonolog offenbarte.

Auftritt des Jokers

Die meiste Zeit gingen Trauerarbeit und Selbstzufriedenheit ungute Mischungen ein. Auf den Podien vertraten Intendanten und Funktionärinnen für dieses und jenes ihr Ding, sei es Nostalgie, sei es Stadttheater, sei es Freie Szene: Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, vertrat den Bühnenverein und den gesunden Theaterverstand. Iris Laufenberg, einst Leiterin des Theatertreffens, jetzt Intendantin in Graz, wollte so wenig über den Horizont des Betriebs hinausblicken wie die Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard, die nur in einer kurzen Wortmeldung pro Experimente den inhaltlichen Streit suchte. Auf dem Podium war sie dann leider brav. Außer Annuß schmorten fast alle offenbar eher gerne in diesem nicht sehr erquicklichen Saft.

Auftritt des Jokers: der kommissarische Intendant Klaus Dörr. Eigentlich wollte er nur Geschäftsführer der Dercon-Volksbühne werden. Wurde er auch, im März dieses Jahres, traf auf eine zerstrittene und demoralisierte Mannschaft und stellte fest: Überm globalen Denken und den Tempelhof-Träumen hatten Dercon und die Programmdirektorin Marietta Piekenbrock die Zwänge des Hauses vor der eigenen Nase offenbar ignoriert. Strukturell ist die Volksbühne nämlich ein sehr konservatives Theater, mit vielen fest angestellten Könnern in den Gewerken, die nur Sinn ergeben, wenn das Theater regelmäßig selbst Stücke für das (im Übrigen sehr große) Haus produziert. Um ein Kunsthaus mit Tanz, Film, Experiment daraus zu machen, müsste man viele der Angestellten entlassen. Das Einzigartige der alten Volksbühne war gerade, dass sie sich in viele ungeahnte Richtungen öffnete, das Ensemble- und Repertoireprinzip dabei aber wahrte.

Dercon also ging, Dörr blieb und soll bleiben, bis 2020. Er trat auf dem Kongress als souveräne Verkörperung des Realitätsprinzips auf, gab Auskunft, wo er wollte und konnte. An wohlmeinendem Rat mangelt es ihm nicht, an Geld und Zeit schon, er hat sich entschieden, fürs Erste ein variables Notprogramm zu organisieren – in dem Leander Haußmann neben Susanne Kennedy, Michel Houellebecq neben Heiner Müller Platz hat. Muss man sehen, er hat eine Chance verdient wie Dercon, der sie niemals bekam. Die Zwischennutzung eröffne auch Freiräume, meinte Silvia Fehrmann, Vertreterin der Freien Künste. Vielleicht sollte man zuspitzen: Die Zukunft ist jetzt. Sie hat schon begonnen, schade nur, dass der Kongress weitgehend an ihr vorbeigetagt hat.

06:00 24.06.2018
Geschrieben von

Ekkehard Knörer

Redakteur Merkur und Cargo.
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