„Impfvertrauen ist eine soziale Frage“

Interview Die Forschung zeigt: Zugang zu Impfung ist abhängig vom sozialen Status. Der Arzt Benjamin Wachtler erklärt, wie man Gesundheit gerechter macht
„Impfvertrauen ist eine soziale Frage“

Illustration: der Freitag, Material: Judilen/iStock

Die langen Wartezeiten sind vorbei: Erste Arztpraxen und Impfzentren bieten die Immunisierung auch ohne Termin an. Wer nimmt das Angebot wahr, wer nicht? Ob diese Frage eine der sozialen Ungleichheit ist, wird derzeit noch erforscht. Erste Zahlen lieferte Anfang Juli eine Studie der Gutenberg-Universität in Mainz, sie legen nahe: Impfbereitschaft ist auch abhängig vom Milieu. Benjamin Wachtler ist ein Mediziner, den diese These nicht überrascht.

der Freitag: Herr Wachtler, endlich kann sich impfen lassen, wer möchte. Ist ab jetzt selbst schuld, wer ungeimpft Corona bekommt?

Benjamin Wachtler: Das suggerierte ja jüngst der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen: Wenn es für alle ein Impfangebot gäbe, könnten alle Corona-Maßnahmen fallen, schließlich könne dann jeder für sich entscheiden, welches Risiko er oder sie eingehe. Diese Vorstellung von individuelle Verantwortung halte ich für falsch. Die Lebenssituation spielt für die Verteilung von medizinischer Behandlung eine große Rolle – und die ist abhängig von sozialen Faktoren.

Wenn jede Arztpraxis eine Impfung anbietet und die Krankenkasse die Kosten unbürokratisch übernimmt – was hindert dann ärmere Menschen daran, da einfach reinzugehen?

Diese Impfangebote erscheinen vielleicht niedrigschwellig, aber wer viel, unter großem Stress und unsicheren Bedingungen arbeitet und dazu Kinder versorgen muss, kann durchaus Probleme haben, sich um einen Impftermin zu kümmern und diesen auch wahrzunehmen. Die bisherige Forschung zeigt zudem, dass die Verteilung von medizinischen Innovationen in der Bevölkerung ungleich ist: Sozial bessergestellte Menschen sind eher in der Lage, sich zu einem frühen Zeitpunkt mit einer neuen Behandlung zu versorgen.

Was heißt das konkret? Akademikerinnen gehen zum Arzt und Supermarktangestellte nicht?

Nein, es ist um einiges komplizierter. Menschen mit sozialer Benachteiligung gehen statistisch gesehen sogar häufiger zum Allgemeinmediziner als Akademiker. Aber sie gehen wesentlich seltener zum Facharzt.

Wie das? Überweist der Allgemeinmediziner sie nicht einfach?

Der Allgemeinmediziner druckt ihnen einen Zettel aus, auf dem steht, dass sie sich zum Endokrinologen bewegen sollen. Da kommen sie aber nie an – denn was ist ein Endokrinologe, und wie finde ich ihn? Mit diesen Fragen werden Menschen dann alleingelassen. Der Arzt müsste ihnen eigentlich einen Termin machen.

Aber die Impfung kann ja jede Hausärztin machen. Müssen wir vielleicht doch mehr über die Impfbereitschaft sprechen als über Impfangebote? Die Mainzer Corona-Studie lieferte hierzu ja erste Zahlen: Über 90 Prozent mit hohem Status wollen sich impfen lassen, bei jenen mit niedrigem Status nur unter 80 Prozent.

Zunächst einmal würde ich zu Vorsicht raten, was den Stand der Forschung angeht: Es wird erst seit rund sieben Monaten gegen Corona geimpft, und die Aufhebung der Priorisierung erfolgte in Berlin gerade mal Anfang Juni. Es wird also noch etwas dauern, bis man das ganz genau weiß.

Zur Person

Benjamin Wachtler ist Arzt, Public-Health-Wissenschaftler und Vorstandsmitglied des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. In Berlin arbeitet er am Aufbau eines Gesundheitskollektivs mit, das soziale Arbeit und Medizin in den Stadtteil integriert

Dennoch stellt sich die Frage ja jetzt: Wie erreicht man jene, die sich nicht impfen lassen wollen?

Wir müssen uns sehr genau anschauen, aus welchen Gründen Menschen skeptisch gegenüber Impfungen sind. Bei Masern etwa haben wir es in den letzten Jahren mit Ausbrüchen bei Kindern aus Familien zu tun, die sozial nicht benachteiligt sind, im Gegenteil. Abgelehnt wird diese Impfung eher von Familien aus dem Umfeld der Waldorf-Schule, von Anthroposophen, die sozial häufig bessergestellt sind. Normalerweise geht jedoch das Selbstbewusstsein, medizinische Innovationen zum eigenen Vorteil zu nutzen, eher mit einem hohen Status einher.

Wobei die Mainzer Studie gezeigt hat, dass sich Menschen in guten Lebensbedingungen weniger an die Hygieneregeln halten als jene, die in beengten Wohnverhältnissen leben: Letztere lassen sich häufiger testen, tragen eher die Maske, reisen weniger. Und trotzdem infizieren sie sich häufiger.

Auch Studien aus den USA legen nahe, dass sich sozial Benachteiligte eher infizieren. Hier spielen verschiedene soziale Faktoren eine Rolle, der Wohnraum etwa: Wer beengt lebt, kann sich weniger aus dem Weg gehen. Und wer mehr Geld hat, kann sich eine größere Wohnfläche leisten. Wichtig ist aber auch: Welchen Beruf üben Menschen aus, können sie hier die Kontakte im Arbeitsalltag reduzieren? Und: Wie bewegen sie sich, nutzen sie öffentliche Verkehrsmittel? Eine Modellierungsstudie aus US-Metropolen hat gezeigt, dass Menschen mit niedrigem Einkommen häufiger Orte besuchten, die wenig Platz pro Mensch haben, zum Beispiel Supermärkte, Schnellrestaurants oder öffentliche Verkehrsmittel – und diese Kontakte auch schlechter reduzieren können als Bessergestellte.

Und doch sind genau jene Menschen, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, offenbar seltener bereit, sich impfen zu lassen. Woran liegt das?

Viele dieser Menschen haben vielleicht keine guten Erfahrungen mit staatlichen Institutionen oder Ärzten gemacht, sie sind auf Sprachbarrieren gestoßen oder auf Diskriminierung, sie haben Probleme mit Aufenthaltspapieren oder der Krankenkasse. Bei manchen besteht ein berechtigtes Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem. Vertrauen ist keine individuelle Frage, sondern eine der sozialen Erfahrung.

Was kann man gegen Misstrauen in das Gesundheitssystem tun?

Barrieren abbauen. Mehrsprachige Teams in den Praxen wären ein erster Schritt. Menschen, die bereits negative Erfahrungen gemacht haben, müssen aber auch gezielt aufgesucht werden – damit sie die Türschwelle einer Praxis wieder überschreiten. Dafür müssen wir mit den bestehenden Netzwerken in den Stadtvierteln zusammenarbeiten.

Bislang werden viele dieser Menschen vielleicht eher von sozialen Medien erreicht – wo ihnen dann erzählt wird, dass Bill Gates sie eigentlich nur impfen will, um Profit zu machen, oder?

Wir alle machen Entscheidungen von unserem ganz privaten nahen Umfeld abhängig, von unseren „Peers“, unseren Nächsten. Die wenigsten vertrauen ja blind einer Institution wie dem Robert-Koch-Institut. Die einen fragen die befreundete Ärztin, was sie vom Biontech-Impfstoff hält – andere bekommen Nachrichten von Freunden, die Verschwörungsmythen enthalten. Diese Mythen festigen sich besonders dort, wo soziale Räume sich schließen, ihnen also nicht widersprochen wird. Was dagegen hilft, ist, diese Räume zu öffnen, also gezielt reinzugehen. Da sind wir wieder bei den Stadtvierteln, mit denen Gesundheitsdienste besser zusammenarbeiten sollten.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Geht der Impfarzt dann in die Eckkneipe und die Shisha-Bar?

Kneipen und Bars sind vielleicht eher gesundheitsfern. Aber man kann mit Sportvereinen arbeiten, mit sozialen Beratungsstellen, mit dem Kirchenverein oder der Moschee, mit Stadtteilmüttern. Gesundheitsinitiativen müssen da jeweils für ihre Region eine Akteursanalyse machen und herausfinden, welche lokalen Netzwerke sich für eine Kooperation anbieten. Das kann vielleicht auch mal die Bar sein. Wichtig ist, dass niedergelassene Ärzte und der öffentliche Gesundheitsdienst hier gut zusammenarbeiten – dafür bräuchten wir mehr lokale Gesundheitszentren und einen Ausbau der Gesundheitsdienste.

Sie selbst sind ja im Aufbau solch eines Kiezzentrums aktiv, im Gesundheitskollektiv Berlin-Neukölln. In Hamburg-Veddel gibt es die Poliklinik. Das sind bisher aber eher Nischenprojekte, oder?

Im akademischen Bereich ist es längst Lehrmeinung, Gesundheitsförderung genau so zu begreifen: unter Einbeziehung der Lebenswelten. Auch in der Praxis versuchen die Gesundheitsdienste inzwischen, dieses Konzept umzusetzen, Berlin-Neukölln etwa arbeitet verstärkt mit interkulturellen Aufklärungsteams. Leider fehlt andernorts teils die Erfahrung und auch die Finanzierung für solche Projekte.

Netzwerke aufzubauen, braucht Zeit. Wenn die vierte Welle kommt, muss es jedoch schnell gehen. Könnte eine Impfpflicht die soziale Ungleichheit nicht auch bekämpfen? Wenn alle gleichermaßen müssen, sind alle gleichermaßen geschützt?

Das ist eine komplexe ethische Diskussion, die sich im Spannungsfeld des Schutzes anderer Menschen vor Ansteckung und des Schutzes des Individuums vor Eingriffen in den intimsten Bereich bewegt. Ich würde sagen: Wir haben die freiwilligen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung noch längst nicht genügend ausprobiert, um über eine Impfpflicht nachzudenken. Wir sprachen ja über Vertrauen, und eine Impfpflicht würde das vorhandene Vertrauen in das Gesundheitssystem weiter gefährden, statt es aufzubauen. Dieser Vertrauensaufbau ist jedoch wichtig, weil die Probleme ja nicht mit dieser Pandemie aufhören. Wir müssen langfristig mehr Menschen in das Gesundheitssystem integrieren – und dafür müssen wir das Gesundheitssystem in die Lebenswelt der Menschen integrieren.

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06:00 27.07.2021

Ausgabe 38/2021

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