Macht der Angst

Corona Die Furcht vor einer Ansteckung leitete unser Handeln lange. Was folgt ihr nach der Pandemie? Über die Konjunktur eines Gefühls
Macht der Angst
Die Angst vor Corona verlieren? Wie machen wir das?

Foto: Sean Gallup/Getty Images

So hat man gegenwärtig vor allem vor atomaren Gefahren Angst, kaum dagegen vor medizininduzierten Seuchen“. In der Pandemie scheint kein Satz von Niklas Luhmann so aus der Zeit gefallen wie dieser. Der Soziologe schrieb ihn 1986, die Gesellschaft war von Jahrzehnten der atomaren Aufrüstung und der Reaktorkatastrophe Tschernobyl geprägt.

Heute diskutiert die EU darüber, ob Atomenergie als nachhaltige Energiequelle gefördert werden soll. Die Angst vor der Klimakatastrophe verdrängt die Angst vor atomaren Gefahren. Und über allem thront die Angst vor der Pandemie.

Angst lähmt, sagt man. Doch hat kaum etwas unser alltägliches Handeln, unsere Wirtschaft und unsere Politik in den vergangenen zwei Jahren so angeleitet wie die Angst, Kontrolle über die Verbreitung dieses Virus zu verlieren. Es galt, Ansteckung zu verhindern, denn wir haben sie unmittelbar mit den Verhältnissen im italienischen Bergamo zu Beginn der Pandemie verbunden. Omikron nun, flüstern Virologinnen zaghaft, scheine anders zu funktionieren. Die Infektionszahlen in den USA verdreifachten sich in den Wochen nach Weihnachten – die Zahl der Todesfälle ging hingegen zurück. Mit Omikron könnte das Virus endemisch werden, heißt es, die Tödlichkeit könnte unter der eines Grippevirus liegen, mit anderen Worten: Corona muss uns womöglich keine Angst mehr machen.

Ist das vorstellbar? Dass es nach einer starken Omikron-Welle, die kritische Infrastruktur lahmzulegen droht, egal sein wird, wie viele Fälle es noch gibt? Absolut kontraintuitiv. Unsere ganze Handlungsweise ist inzwischen darauf eingestellt, dass eine hohe Fallzahl gefährlich ist, dass sie die Politik bestimmt. Und jetzt diskutieren Virologen darüber, sie nicht mehr zu veröffentlichen: Fallzahlen „lösen eine Menge Panik und Angst aus“, sagt eine Virologin in San Francisco, spiegelten aber nicht mehr die Krankenhauseinweisungen wieder.

Die Angst vor Corona verlieren? Wie machen wir das? Hierzu hat Luhmann Interessantes herausgefunden: „Wenn man der Angst abzuhelfen sucht, nimmt sie zu.“ Sei eine Angst einmal durchgesetzt, werde man sie nicht mehr los, da Angst stets „die Entwicklung zum Schlimmeren betont und die vielen bemerkenswerten Fortschritte verschweigt“. Die politische Kommunikation der Angst geht also mit einem Immer-Schlimmerismus einher. Es ist ein Paradox auch der Aufklärung über das Virus: Die Schutzmaßnahmen für Gesellschaft und kritische Infrastruktur – Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Impfkampagne – sowie die Aufklärung über Impfrisiken nehmen nicht etwa die Angst, sondern wirken für viele beängstigend. Luhmann: „Gerade die offizielle Politik, gerade die ständige Bemühung um eine Verbesserung (...) kann angststeigernd wirken – etwa die zunehmend detaillierten Beipackzettel der Arzneien“. Die Politik der Aufklärung über Risiken führe zu dem Eindruck, dass „nichts ungefährlich und alles verseucht“ sei.

Nun brachte die Pandemie keineswegs nur die Angst vor Chaos, Krankheit und Tod mit sich, sondern ganz unterschiedliche Ängste: Angst vor der Pleite, vor Einsamkeit, vor der Einschränkung von Freiheit, vor Nebenwirkungen der Impfung, vor Demokratieverlust. Können all diese Ängste überhaupt wieder verschwinden?

Die Geschichte der Angst legt vielmehr nahe, dass andere Ängste an ihre Stelle treten. Die Historikerin Ute Frevert zählt in ihrem Buch Mächtige Gefühle einige auf: Die westliche Angst „vor den Kommunisten“ im Kalten Krieg; die Angst vor der Inflation seit 1929; die Angst vor dem Atomkrieg; die Angst vor dem Super-GAU; die Angst vor „zu viel Migration“; die Angst vor der Klimakrise. Diese Ängste haben unterschiedliche Konjunkturen. Als die Arbeitslosenquote 2005 bei 11,7 Prozent lag, äußerten in Umfragen 65 Prozent Angst vor dem Jobverlust; 2018 waren es noch 25 Prozent. Und während Menschen mit Migrationshintergrund seit der Selbstaufdeckung des NSU den Rassismus als größte Gefahr für sich wahrnehmen, blieb dieses Ereignis für die meisten weißen Deutschen kaum im kollektiven Angstgedächtnis.

Zwei der von Ute Frevert aufgezählten historischen Ängste prallen nun aufeinander: Die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung durch Super-GAU und Millionen Jahre lang strahlenden Atommüll – und die Angst vor der Klimakatastrophe. Welche Angst ist größer? Wer sich als Kind noch in der Schule unter Tische ducken musste, um den Fall eines atomaren Angriffs zu proben, oder wer als Jugendliche im Frühling 1986 nicht nach draußen durfte, weil unsichtbare Strahlen mit einer Krebserkrankung drohten, wird diese Frage anders beantworten als Kids von den Fridays for Future, deren Alpträume von Überschwemmungen, Mega-Stürmen und Feuern geprägt sind. Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren“, ließ Lessing 1772 seine Emilia Gallotti sagen. I want you to panic.

Was aber sind die „gewissen Dinge“?Wer hat Recht mit seiner Angst? Womöglich war es gerade die Angst vorm Atomkrieg, die ihn verhinderte. Angst brachte Friedensbewegungen und Anti-Atom-Bewegungen hervor. Angst kann aber auch Kriege auslösen, Angst kann Rassismus schüren, Angst kann Gesellschaften spalten.

Wenn Omikron uns wirklich von der Angst vor der Pandemie befreit, sollten wir sehr achtsam sein, was an ihre Stelle tritt. Denn die Richtung der Angst bestimmt, für welche Hoffnung eine Gesellschaft kämpft.

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