„Sorry, tut mir leid, das zu hören“

Berührung III Die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme erklärt, warum eine Mitleidsbekundung am Bildschirm es nicht mit der Hand auf der Schulter aufnehmen kann: Wir brauchen Oxytocin

Ob sie Lust hat, mir zu erklären, welche Folgen Social Distancing und Berührungsarmut für unsere Körper hat, frage ich Rebecca Böhme. Die Neurowissenschaftlerin forscht an der Universität Linköping in Schweden daran, wie Menschen auf Berührung reagieren, und antwortet mir umgehend: Gerne! Wir können jederzeit zoomen! Ich lade sie zum Meeting ein, lange sehe ich sie nur, höre sie aber nicht. Irgendwann merke ich, dass ich ihr Mikro freigeben muss. Smalltalk, Homeoffice, Corona. Wie schön, dass es so schnell klappt. Rebecca Böhme zuckt mit den Schultern. Langsam ginge ihr die Beschäftigung aus. Sie sitze seit Tagen zuhause, könne keine Experimente machen. Und der Papierkram: schon lange erledigt. Endlich ein bisschen Arbeit!

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion


Der Freitag: Frau Böhme, was lösen Berührungen in uns aus?

Rebecca Böhme: Kommt drauf an, von wem! Und: In welchem Kontext?

Sagen wir: von einer guten Freundin. Eine Umarmung zur Begrüßung.

Zwei Wirkungen sind bei schönen Berührungen wichtig. Zunächst einmal passiert viel in uns selbst. Eine Berührung, mit der wir einverstanden sind, senkt unser Stresslevel ab. Das ist ja schon bekannt: Es wird Oxytocin ausgeschüttet, das gerne „Kuschelhormon“ genannt wird, weil es für ein wohliges Gefühl sorgt. Aber eigentlich ist es ein Bindungshormon, Umarmungen intensivieren die Bindung zwischen zwei Menschen. Wir fühlen uns dem anderen emotional näher.

Und das passiert nicht, wenn wir telefonieren oder zoomen?

Bei einer Videokonferenz wird kein Oxytocin ausgeschüttet. Stellen Sie sich vor: Sie fühlen sich schlecht, erzählen Ihrer Freundin von Ihrem Unmut, Ihrer Traurigkeit, und die Freundin legt Ihnen die Hand auf die Schulter. Das schafft unmittelbar Nähe.

Und wenn sie am Bildschirm ihr Mitleid ausdrückt?

Wenn sie sagt: „Oh sorry, tut mir leid, das zu hören“?

Okay, ist nicht das Gleiche.

Nein. Berührung intensiviert Bindungen. Die Berührung aktiviert Nervenfasern in der Haut, das wird ins Gehirn weitergeleitet. Dort werden Schaltkreise aktiviert, die sich in der Eltern-Kind-Bindung herausgebildet haben. Der Hypothalamus löst dann die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin aus. Man entspannt sich, baut Stress ab. Und Stress hat Folgen für das Immunsystem. Stress macht krank.

Über dieses Gespräch

Ich zoome. Den ganzen Tag telefoniere und zoome und slacke und chatte ich. Und es nervt, denn es ist einfach nicht das Gleiche. Wie Menschen zu treffen. Ich meine: körperlich zu treffen, in einem Raum zu sein. Es fühlt sich nicht gleich an. Was ist das, was da fehlt? Das will ich wissen. Ich habe deshalb einen Mikrobiologen, einen Haptikforscher und eine Neurowissenschaftlerin gefragt, was Nähe und Berührung eigentlich ausmacht. Dies ist Teil 3 der Mini-Serie „Berührung“, Teil 1: Körpergemeinschaft können Sie hier und Teil 2: Digitales Streicheln hier lesen

Wird schon beim Handschlag mit Kolleginnen Oxytocin ausgeschüttet?

Das würde ich eher in Frage stellen. Aber andere Berührungen, ja: die Hand auf dem Unterarm, beim Lachen. Das stimmt positiv. Das nimmt auch den Stress und den Ärger aus der Arbeit.

Wo genau entscheidet mein Körper denn, wie er das findet, wenn mich jemand berührt?

Es gibt zwei Pfade der Verarbeitung von Berührung: Der eine verläuft Bottom-Up, von den Hautrezeptoren wird das Signal weitergeleitet ans Rückenmark und ins Gehirn. Das Gehirn aber schickt auch in die andere Richtung Signale. Schon im Rückenmark nimmt es Einfluss auf die Verarbeitung der Berührung. Dort gibt es komplexe Schaltkreise von Signalen, die aus der Haut kommen, und Signalen, die vom Gehirn kommen.

Mein Gehirn sagt meinem Rückenmark also, wie es die Berührung dieses Menschen einordnen soll?

So ungefähr, ja. Der Kontext spielt immer die entscheidende Rolle. Also nicht nur: Wer berührt mich da? Sondern auch: In welchem Kommunikationszusammenhang passiert das? Bin ich gerade traurig? Oder lieben wir uns? Oder streiten wir uns?

Zur Person

Rebecca Böhme ist Assistenzprofessorin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften in Linköping, Schweden. Sie erforscht aktuell, wie Berührung auf Menschen mit Autismus, ADHS, Anorexie, Schizophrenie und Depression wirkt. Ihr Buch Human Touch erschien 2019 bei C.H.Beck

Wann ist Berührung besonders wichtig in einer Beziehung?

Es gibt eine Studie, mit der wir erforscht haben, welchen Kommunikationskanal Menschen für welche Gefühlsäußerung am liebsten wählen. Abgefragt wurden Liebe und Mitgefühl, Ärger, Wut, Stolz, Glück, Trauer. Eine Person zeigte die Emotion, ohne Sprache – wählen durfte sie zwischen Mimik, Gestik und Berührung. Und die andere Person sollte danach sagen, wie gut die Emotion bei ihr ankam. Für die Kommunikation von Liebe und Mitgefühl haben die Menschen besonders gerne Berührung genutzt. Und, noch wichtiger: Über Berührung wurde Liebe und Mitgefühl besonders gut erkannt. Man kann sich vorstellen, was es für diese Gefühle in Beziehungen bedeutet, wenn dieser Kanal jetzt wegfällt. Mich beunruhigt das.

Was passiert denn mit Beziehungen, wenn sie berührungslos werden?

Einen gewissen Zeitraum hält eine Beziehung zwischen Erwachsenen auf jeden Fall ohne Berührung aus. Einige Wochen können wir vielleicht Ausgleich schaffen über gute Gespräche. Aber sollte sich dieser Zeitraum ausdehnen, wird es problematisch. Das wird zu einer Veränderung der Beziehung führen, Nähe und Bindung drohen verloren zu gehen.

Können Menschen über die Generationen vielleicht erlernen, Körperkontakt durch digitale Kommunikation zu ersetzen? Wenn ein Kind schon mit ein, zwei Jahren mit den Großeltern in Neuseeland zoomt, entwickelt sich ein Gehirn da weiter – und lernt, Oxytocin auszuschütten bei einer Zoom-Konferenz?

Es kann sein, dass es da generationelle Unterschiede geben wird. Allerdings sind solche Vorgänge, die mit Berührung zu tun haben, auf einem fast instinktiven Level verankert. Diese Mechanismen, diese Schaltkreise sind evolutionär sehr alt. Trotzdem können neue Verarbeitungsformen dazu kommen, durch Kultur und Sozialisation. Immer.

Aber ich fühle mich manchmal gut bei einem Telefonat oder Chat! Jemand schreibt etwas Schönes, und ich freue mich. Sind Sie sich ganz sicher, dass da nicht doch Oxytocin ...?!

Na ja, es gibt Hinweise darauf, dass soziale Isolation zu Ausschüttung von Oxytocin führen kann – hier hat es dann, kombiniert mit höheren Mengen von Stresshormonen, den Zweck, dass wir vermehrt soziale Kontakte aufsuchen. Insofern ist es möglich, dass Oxytocin in der Isolation ausgeschüttet wird, eventuell auch bei einem Videogespräch. Das führt dann aber zu einem erhöhtem Verlangen, den anderen „in echt“ zu sehen. Körperlich.

Und wie komme ich sonst noch an Oxytocin? Gibt es Tabletten oder so?

Es gibt tatsächlich ein Oxytocin-Nasenspray, aber wir haben den Eindruck, dass das nicht genauso funktioniert wie durch echte Berührung ausgeschüttetes Oxytocin. Der Kontext scheint eine entscheidende Rolle zu spielen: Befindet man sich ohnehin in einem Wohlfühl-Kontext und kommt dann eine angenehme Berührung dazu, bewirkt das Oxytocin deutlich mehr, als wenn ich es mir in einer einer Angstsituation in die Nase sprühe. Es gibt auch Studien, die sagen, dass eine warme Dusche die Ausschüttung des Hormons anstoßen kann. Oder die Lieblingsspeise. Aber das wird in der Forschung noch diskutiert.

Es stimmt aber doch: Eine schöne Dusche oder ein gutes Essen machen zufriedener.

Klar, aber neben Oxytocin gibt es ja auch andere „Wohlfühlhormone“ wie Endorphine. Die werden etwa ausgeschüttet, wenn wir gemeinsam und synchron mit anderen tanzen. Vielleicht funktioniert das sogar über Video.

Vorhin ist bei einer Zoom-Konferenz die Katze einer Kollegin durch das Bild gelaufen. Hilft das Kuscheln mit einem Haustier gegen Berührungsmangel?

Auf jeden Fall! Man hat ja eine emotionale Bindung zu seinem Haustier. Da wird definitiv Oxytocin ausgeschüttet. Manche haben ja sogar eine engere Bindung zu ihrer Katze als zu irgendeinem Menschen. Allerdings hat Oxytocin auch eine Nebenwirkung: Unsere Diskriminierung zwischen „Ingroup“ und „Outgroup“ wird durch das Hormon verstärkt.

Was bedeutet das? Uns werden Menschen egal, mit denen wir uns nicht berühren?

Ja, wir werden distanzierter gegenüber denen, die wir nicht so häufig berühren. Die Abweisung von Nicht-Dazugehörigen zu unserer Gruppe nimmt zu.

Könnte Social Distancing also auch bewirken, dass wir unsere Gruppe öffnen? Weil wir eh kaum jemanden mehr berühren?

Das passiert ja offenbar gerade, aber das liegt wohl weniger an den ausbleibenden Gruppenberührungen, als vielmehr daran, dass wir unsere Verbundenheit erkennen. Wir konnten sehen, mit was für einer Geschwindigkeit sich das Virus auf dem Globus verteilte, und uns wurde klar, dass wir alle miteinander verbunden sind. Die gesamte Menschheit.

12:00 21.04.2020

Ausgabe 23/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community