Marjane Satrapis "Persepolis"

Kino Persepolis erfüllt als Film alle Voraussetzungen, um auch in Deutschland zum Publikumsliebling zu werden. Die Idee ist neu (kritische Betrachtung der ...

Persepolis erfüllt als Film alle Voraussetzungen, um auch in Deutschland zum Publikumsliebling zu werden. Die Idee ist neu (kritische Betrachtung der jüngsten Historie Persiens auf persönlicher Ebene), das Thema hochaktuell (religiöser Fundamentalismus in Iran), das Genre spektakulär (Animation). Als Vorlage zum Film dient der gleichnamige Comicroman, der in viele Sprachen übersetzt wurde und sich weltweit millionenfach verkauft hat (Freitag 17/2006). Persepolis wurde bei den 60. Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. In Frankreich sahen den mutigen Comicfilm bereits über 1,3 Millionen Kinobesucher, er wird das Land seiner Entstehung im Rennen um eine Oscar-Nominierung als bester nicht-englischsprachiger Film vertreten. Von der Europäischen Filmakademie wurde Persepolis schon als bester europäischer Film nominiert. In der deutschen Fassung des Films wird die Hauptfigur, Marjane, von der iranisch-deutsche Schauspielerin Jasmin Tabatabai gesprochen.

Das beste Argument für einen Erfolg ist aber immer noch die Hauptfigur Marjane mit ihrem Witz, ihrer Schlagfertigkeit und verrückten Ideen. Als Kind plant Marjane, Gott zu werden. Das erste Gebot dieses Kind-Gottes lautet: Alle Großmütter der Welt sollen von ihrem Leid und Schmerz befreit werden (Marjanes Großmutter hat einen entscheidenden Einfluss auf ihr Leben und ihren Charakter). Als Teenager will sie ihren streng gläubigen Lehrern die Bedeutung von Gerechtigkeit und Offenheit beibringen und eine Meinung, die auf ihrem T-Shirt abgedruckt hat, in aller Öffentlichkeit kundtun: Punk is not bad! Dass solch "unanständiges und sündhaftes" Verhalten in der von den islamischen Sittenwächter pedantisch überwachten nachrevolutionären Gesellschaft Irans ein fatales Nachspiel haben könnte, ahnen Marjanes tolerante und weltoffene Eltern. So schicken sie das 14-jährige Mädchen nach Wien, um es vor Verhaftung und möglicher Hinrichtung zu schützen. Der einzige Rat, den sie ihrer Tochter mitgeben, lautet: "Vergiss nie wer du bist, Marjane, und woher du kommst!" Genau das vergisst sie, als sie, noch nicht in Wien angekommen, in einer der von ihr bewunderten Punk-Cliquen landet. Marjane fängt an zu rauchen, geht auf Partys, vernachlässigt die Schule, verliebt sich in verschiedene Männer, um diese nach einer Weile zu verlassen oder von ihnen verlassen zu werden. Nach einer schmerzhaften Trennung fällt Marjane in eine so tiefe Depression, dass sie alles verliert, obdachlos wird und am Ende nicht mehr weiß, wer sie ist und woher sie kommt.

Nur eine Telefonnummer hat sie in Erinnerung behalten, die des Elternhauses. Als Marjane nach Iran zurückkehrt warten die herzliche Wärme der Familie und die zerstörende Härte der islamischen Despoten auf sie. Marjane ist zwar immer noch dickköpfig, aber ein dickes Fell hat sie nicht. So kehrt sie erneut in den Westen zurück. Diesmal hat sie freilich einen Studienabschluss im Fach Grafik-Design und eine Scheidungsurkunde in der Tasche. Auf dem Flughafen raten ihr die Eltern: "Vergiss nie wer du bist, Marjane, und wo du herkommst!"

Persepolis ist das Werk der 1969 geborenen Marjane Satrapi gegen das Vergessen und für eine Authentizität, die sich mit einem Hauch von Kritik vor falschem Nationalismus und blinder Huldigung des "Persertums" schützt. Satrapi nimmt in dem Film, bei dem sie gemeinsam mit Vincent Paronnaud Regie geführt hat, Partei für die Individualität der Menschen und zeigt meisterhaft, dass alle iranischen "Schurkenstaaten" aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Ob sie Pahlavi-Dynastie heißen oder Khomeini-Regimme, ist irrelevant. Das gilt auch für Dareios I., dessen im Jahre 520 v. Chr. gebaute Residenzstadt Persepolis heißt. Der Großkönig war nicht nur ein Förderer der Künste, insbesondere der Architektur, er war auch der Initiator der "Perserkriege", mit denen er das antike Griechenland erobern wollte.

Von Persepolis und ihrer eigenen Geschichte erzählt Satrapi in der mittlerweile dreibändigen Comic-Autobiografie mehr als im Film. Hier muss sie auf die Ausführlichkeit des Romans verzichten, arbeitet ein stringentes Handlungsgerüst heraus und gibt den Comic-Zeichnungen mehrdimensionale Tiefe. Mit minimalistischem Stil und Manga-Anklängen schafft Satrapi ein neues Genre der "Autofiction"; ein Genre, das sich radikal unterscheidet von mit großen, computergesteuerten Animationsmaschinen der Hollywood-Companys produzierten Filmen wie 300.

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