Anti-Facebook in den Semesterferien

Netzgeschichten Vier Informatikstudenten aus New York wollen eine Alternative zu Facebook programmieren. 200.000 US-Dollar haben andere dafür gespendet. Aber hat das Projekt eine Chance?

Ein gut bezahlter Ferienjob ist es allemal: Mehr als 200.000 US-Dollar erhalten vier Informatikstudenten aus New York, wenn sie den Sommer damit verbringen, eine Facebook-Alternative zu entwickeln. Wobei: Das Geld bekommen sie auch so – allein für das Versprechen, drei Monate lang zu programmieren. Es gibt keinen Großinvestor, der ihre ­Arbeit kontrolliert und in den Nachwuchsinformatikern die Bill Gates’ von morgen sieht. Das Geld kommt von mehr als 5.000 Privatpersonen, die für das Projekt gespendet haben.

Maxwell, Daniel, Raphael und Ilya – alle zwischen 19 und 22 Jahre alt – hatten auf der Webseite kickstarter.com um 10.000 US-Dollar gebeten, um auf nervige Studentenjobs verzichten und sich stattdessen voll auf ihr Projekt konzentrieren zu können. Dass die ­Finanzspritze nun zwanzig Mal so groß ausgefallen ist, liegt nicht so sehr daran, dass die vier ein besonders ­ausgeklügeltes Konzept entworfen hätten. Bislang gibt es von ihnen noch ­keinen Computer-Code, bloß den Projekt­namen Diaspora, eine Webseite (joindiaspora.com) und grob skizzierte Ideen.

Ein soziales Netzwerk ohne Schattenseiten

Doch diese treffen offenbar den Nerv der Zeit: Die New Yorker versprechen ein soziales Netzwerk ohne Schattenseiten. Anders als bei Facebook sollen die Nutzer jederzeit volle Kontrolle über ihre privaten Daten haben. Sie werden dezentral auf verschiedenen Servern gelagert, nicht zentral bei einem Konzern. Der Austausch mit anderen Mitgliedern soll standardmäßig verschlüsselt sein. Und: Der Quellcode soll frei verfügbar sein, so dass weltweit Programmierer an einer Weiterentwicklung mitarbeiten können.

Es klingt gut, aber hat Diaspora eine Chance? Facebook und StudiVZ wurden zwar auch von Studenten entworfen, wuchsen dann aber zu Oligopolisten heran, weil es noch gar keine Konkurrenten gab. Heute müssen sich neue Projekte gegen die Großen durchsetzen. Dazu reicht ein Quellcode nicht, auch die Infrastruktur muss da sein: Werbung, Server, Weiterentwicklung, Finanzierung.

Alternativen zu Facebook gibt es bereits: Onesocialweb versucht, verschiedene Netzwerke zu verbinden, StatusNet konzentriert sich auf Microblogging-Dienste, bei OpenNetworX können sich Unis oder Firmen ihr eigenes Netzwerk anlegen. Eine ernsthafte Konkurrenz für Facebook ist keines der Projekte. Wenn es bei Diaspora anders werden soll, dürfen sich nicht nur Datenschutz-Freaks für den Schutz der Privatsphäre begeistern. Ein soziales Netzwerk lebt nun mal von möglichst vielen Mitgliedern.

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