Flattrhaft

Netzgeschichten Lebt der Traum vom Spendennetz? Eine Statistik zeigt, dass der Mikrobezahldienst Flattr in Deutschland flatterhaft genutzt wird – aber sich internationalisiert

Besonders schmeichelhaft ist die Statistik nicht: Der Mikrobezahldienst Flattr wird in Deutschland seit einem halben Jahr scheinbar immer weniger genutzt. Mit Flattr (vom englischen to flatter = schmeicheln) können Internetnutzer freiwillig kleine Geldmengen zahlen, wenn ihnen ein Beitrag gefällt. Dahinter steht der Traum vom spendenfinanzierten Internet: Freie Journalisten, Künstler und Programmierer könnten sich so ihren Lebensunterhalt finanzieren, die Nutzer könnten auf alles frei zugreifen und bräuchten keine nervige Werbung anzusehen.

Derzeit scheint aber ein wenig die Luft raus, wie aus einer Grafik hervorgeht (zu sehen etwa auf netzpolitik.org). Demnach wurden im Juni mehr als 16.000 Seiten bei Flattr angemeldet, diese Zahl wurde seitdem nicht mehr erreicht. Eine mögliche Erklärung: Wenn sich ein Blog im Sommer entschlossen hat, bei Flattr mitzumachen, wurden auf einen Schlag sämtliche Beiträge gemeldet – auch solche, die bereits seit Monaten online stehen. Danach kommen die neuen Eingaben nur noch tröpfchenweise. (Wie oft die einzelnen Beiträge geklickt wurden, geht aus der Statistik nicht hervor.)

Immerhin internationalisiert sich Flattr. Bislang machen deutsche In­halte 65 Prozent aus, englische Inhalte gerade mal 20. Dass der Bezahldienst aus Schweden in Deutschland besonders beliebt ist, dürfte vor allem zwei Gründe haben: Zum einen ist Erfinder Peter Sunde, der auch die Tausch-Plattform The Pirate Bay mitbegründet hat, hierzulande recht bekannt. Zum anderen beteiligen sich einige größere Online-Magazine wie taz.de, freitag.de oder der-postillon.com. Jeder zehnte geflatterte Text steht auf einer dieser Seiten. Dadurch wird Flattr auch bekannter als nur durch Blogs, die meist einen festen Leserstamm haben. Und jeder, der Flattr kennt, ist wieder ein potenzieller Anbieter von Inhalten.

Im Journalismus grassiert seit langem die Angst vor Finanzierungsproblemen im Onlinebereich. Für aufwendigere Geschichten gibt es bereits Lösungsansätze: So gibt es in den USA Stiftungen, die investigativen Journalismus fördern. Und auf speziellen Plattformen können Journalisten Privatspenden sammeln, um Recherchen zu finanzieren. Für kürzere Artikel eignen sich Mikrobezahldienste wie Flattr oder Kachingle (wo nicht einzelne Beiträge belohnt werden, sondern ganze Seiten, wie es inzwischen auch bei Flattr möglich ist). Und weil Künstler und Journalisten weiter Interesse an solchen Diensten haben, wird Flattr wohl auch wieder wachsen – selbst wenn die Anfangs-Euphorie verflogen ist.

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