Liken und Sharen

Cyberutopismus César Rendueles’ Essay „Soziophobie“ fragt nach den emanzipatorischen Impulsen des Michtmachnetzes
Florian Schmid | Ausgabe 40/2015 1
Liken und Sharen
Wie sehr sind Proteste heute auf das Internet angewiesen?

Foto: Pedro Armestre/AFP/Getty Images

Aus Spanien kommt derzeit eine substanzielle Kritik am Neoliberalismus. Der Essay Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie des Madrider Soziologen César Rendueles wurde von der Tageszeitung El País zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Es sichert dem Soziologen eine breitere Leserschaft – in der deutschen Übersetzung von Raul Zelik jetzt sogar international. Bei Youtube erklärt Rendueles im ausgeleierten schwarzen Kapuzenpulli eher bescheiden, dass seine Texte bisher nur von ein paar Dutzend Leuten gelesen wurden, nun wären es plötzlich Tausende.

Im Fokus seines Essays steht der sogenannte Cyberutopismus, also die Copyleft-, die Open-Source-Bewegung und die Copywars um Patente und geistiges Eigentum. Sind das adäquate linke Betätigungsfelder oder doch nur Mechanismen einer neoliberalen, marktförmigen Herrschaftslogik? Laut der kalifornischen Ideologie im Silicon Valley erzeugen neue Geräte und daraus hervorgehende Beziehungen „eine gerechtere und glücklichere Neuorganisation der Gesellschaft“.

Jenseits dieser systemaffirmativen Ideologie scheint der Kampf um die digitale Welt jedenfalls äußerst interessant zu sein für eine zeitgenössische emanzipatorische Politik. Denn „mit den kooperativen Bewegungen des Internets scheint die Linke auf eine coole und technologisch fortgeschrittene Variante ihrer eigenen universalistischen Tradition zu treffen“, so Rendueles. Nur stimmt das wirklich?, fragt er selbst. Oder werden hier lediglich soziale Prothesen genutzt, um einen vermeintlich kollektiven Widerstand gegen die alles durchdringende Marktlogik der „neoliberalen Konterrevolution“ zu organisieren, während dann letztlich doch nur eine unverbindliche Mitmachkultur befördert wird?

Gemeingüter waren früher stets religiös, kommunal oder feudalistisch verankert, die heutigen Allmenden 2.0 zeichneten sich dagegen vor allem durch ihre Unverbindlichkeit aus, meint Rendueles, der in der Begeisterung für die lose soziale Architektur des Web 2.0 ein grundlegendes gesellschaftliches Problem sieht, aber in diesem Zusammenhang auch ein Versäumnis aktueller linker Politik.

Denn die Fähigkeit, sich face to face umeinander zu kümmern und Sorge füreinander zu tragen, nehme immer mehr ab. Dabei war gerade der soziale Aspekt, war gerade das Kümmern, historisch gesehen stets ein wichtiger Bezugspunkt linker Organisierung, das schuf Freiräume für Handlungsmacht. Das Internet habe die Gemeinschaftlichkeit aber nicht gestärkt, sondern lediglich die „Messlatte in Bezug auf soziale Beziehungen herabgesetzt“.

Der Cyberfetischismus erkenne im Internet die postpolitische Utopie schlechthin, um den „grobschlächtigen liberalen Individualismus“ zu überwinden und den Wohlfahrtsstaat hinter sich zu lassen, der in seinem grauen Meer der Bürokratie eh nur jegliche Kreativität ertränke. Nur seien die cyberutopischen Hoffnungen Totgeburten, das Internet gewähre lediglich einen oberflächlichen, konsumistischen Ersatz für Emanzipation, indem es kleine Dosen von Unabhängigkeit und Vernetzung biete.

Jegliche Vorstellung von Abhängigkeit ist im heutigen neoliberalen System negativ besetzt, dabei gehe es gerade jetzt darum, verbindliche Strukturen zu entwickeln. Und das impliziert natürlich auch immer Abhängigkeitsverhältnisse, die aber nicht per se negativ sein müssen. Als Ko-Dependenz bezeichnet solche Verhältnisse Rendueles. Denn es gehe eben nicht nur um Rechte, die es zu erkämpfen, sondern auch um Pflichten, denen es sich zu stellen gilt. Politische Emanzipationsprojekte seien ohne eine „institutionelle Konkretisierung“ nicht machbar. Das bedeute auch und vor allem, konkret füreinander einzustehen.

M 15 mit Erfolg

Von den drei Säulen emanzipatorischer Politik seit der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – finde Letztere, verstanden als Solidarität, kaum mehr Beachtung. Auch bei den Platzbesetzungen in Spanien im Sommer 2011 ist wie bei anderen neueren transnationalen Protestbewegungen die digitale Organisierung in den Vordergrund gestellt worden. Erst einmal hätten die Aktivisten aber „die vom Cyberfetischismus geschaffene konsumistische Blockade überwinden“ müssen, meint Rendueles.

Dass die Proteste der M-15-Bewegung (der sogenannten Empörten) aber etwas ganz entschieden verändert und die neoliberale Hegemonie erfolgreich in Frage gestellt haben, ist für Rendueles ein bedeutsames Ereignis. Auch wenn die klassischen linken Antworten heute nicht weiterhelfen, sind sie seiner Meinung nach dennoch unverzichtbar.

Es gelte „sich den Postkapitalismus als ein machbares und menschenfreundliches Projekt vorzustellen, dessen Vollendung nicht allzu weit in der Zukunft liegt“. Der Cyberfetischismus helfe auf dem Weg dorthin nicht, vielmehr übe er Druck in die entgegengesetzte Richtung aus. Seine Kritik an der Cyberutopie versteht Rendueles als Beitrag zu einer „Neuformulierung der politischen Transformationsprojekte der Vergangenheit und zu einer Reartikulation ihrer Vorschläge für eine Neubegründung gesellschaftlicher Solidarität“. Ein realistischer Postkapitalismus, sagt César Rendueles, wäre unendlich komplex, genauso wie unsere sozialen Beziehungen, die wir auch in Zukunft nicht wirklich durchschauen werden.

Info

Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie César Rendueles Raul Zelik (Übers.), Suhrkamp 2015, 262 S., 18 €

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06:00 07.10.2015
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