Raumschiff als WG

Zukunftsfilm Hohe Umsätze an den Kinokassen und immer neue Stoffe: Science-Fiction boomt – auch dank der Experimentierfreudigkeit der Streamingdienste

Mit Science-Fiction lässt sich im Filmgeschäft viel Geld verdienen. Das Genre boomt und brachte zuletzt mit Dune von Denis Villeneuve auch an der Kinokasse gute Umsätze. Die Verfilmung von Frank Herberts Roman, an dem sich in den 1980ern schon David Lynch, damals mit kommerziell sehr mäßigem Erfolg, abgearbeitet hatte, spielte bei Produktionskosten von 165 Millionen Dollar weltweit fast 370 Millionen Dollar ein – die Umsätze des Warner-eigenen Streamingdienstes HBO Max gar nicht mit eingerechnet.

Lässt man die Science-Fiction-Verfilmungen der letzten Jahre Revue passieren, fällt auf, dass die großen Budgets vor allem in die Adaption älterer, oftmals bereits markterprobter Stoffe investiert werden, wie etwa bei Blade Runner 2049 (2017), Valerian (2017), der Fortführung der Alien-Serie und den gesamten Marvel- und DC-Blockbustern, ganz zu schweigen von der soundsovielten Umdrehung im Star-Trek- und Star-Wars-Universum. Die Streamingdienste dagegen entdecken für ihre immer teurer werdenden Serien bisher noch nicht verfilmte Stoffe, wie zuletzt Apple TV+, das sich an Isaac Asimovs Foundation herantraute. Innovativ in dem Sinne, dass Originalstoffe kreiert werden, kann man aber auch das nicht nennen. Dabei hat das Genre Science-Fiction durchaus faszinierende und neuere Geschichten zu bieten.

Für Nerds und Bildungsbürger

Bestes Beispiel ist die Serie The Expanse, deren sechste und vorerst finale Staffel im Dezember bei Amazon Prime startete, danach aber leider abgewickelt wird. Dabei ist die zehnteilige Romanvorlage, deren Autoren Daniel Abraham und Ty Franck auch an den Drehbüchern mitschreiben, erst gut zur Hälfte verfilmt. The Expanse bietet das rare Vergnügen einer kapitalismuskritischen Science-Fiction mit Klassenkampf im Weltraum und stylischen Subkulturen in einer Zukunft Mitte des 24. Jahrhunderts, das neben SF-Nerds eben auch linke Bildungsbürger begeistern kann. Die Serie erzählt von machtpolitischen Verschiebungen und sozialrevolutionären Erhebungen. Beschrieben werden ökonomische Sachzwänge genauso wie imperiale und postkoloniale Abhängigkeiten und die dazugehörigen rassistischen Ausschlussmechanismen. Und das alles spielt in einem Sonnensystem im Wandel, das den Bedrohungen durch extraterrestrische, sich selbst reproduzierende Technologien so hilflos gegenübersteht wie unsereins dem Klimawandel. The Expanse ist Science-Fiction auf der Höhe der Zeit, deren Handlung eindeutige, aber keine platten Analogien zum Hier und Jetzt, zu unseren politischen Auflösungsprozessen und dem Leben im Spätkapitalismus, spannend in Szene setzt.

Auf zahlreichen Raumschiffen, von denen einige wie linke WGs wirken, wird in der Kombüse gemeinsam gekocht, miteinander gestritten, dabei regelmäßig dem Gegenüber ein solides „Fuck you!“ ins Gesicht gerotzt, aber es werden auch polyamore Gruppenbeziehungen geführt und bei Meuterei Mannschaftsmitglieder „gespaced“, also in den leeren Raum hinausgeworfen. The Expanse spielt wirklich im Weltraum, wo Raumfahrer auch mal einen Herzinfarkt erleiden oder an Strahlenerkrankungen sterben. Genau in dem Weltraum, der in Star Trek als niedliche Sternenkulisse wie ein Abziehbild hinter stets blank geputzten Scheiben klebt, der bei Star Wars als blinkender Hintergrund voller religiöser Mysterien wie aus dem Märchen steckt und über dessen Inwertsetzung sich heute auf der Erde so viele Geschäftsleute den Kopf zerbrechen. Wobei ebenjener Asteroidengürtel, in dem ein Großteil der Handlung von The Expanse angesiedelt ist, Ziel der einen oder anderen realökonomischen Mission werden könnte, aber in der aktuellen SF-Literatur auch generell regelmäßig als Schauplatz dient. Die finale Staffel sechs, die über gerade mal sechs Episoden verfügt, erzählt vor allem von der brachialen Wucht und dem mörderischen Zerstörungspotenzial, die ein Krieg zwischen der Kolonialmacht Erde und den sich unabhängig machenden Asteroidengürtlern, den „Beltern“, mit ihrem proletarischen Habitus und den stylischen Tätowierungen bringen würde.

Demgegenüber wirkt die Foundation-Adaption auf Apple TV+ trotz gelungener erster Staffel ein wenig angestaubt. Dass die literarische Vorlage aus den frühen 1940ern stammt und ursprünglich eine fordistische Erzählung inklusive genozidalen Horrors ist, merkt man dem Stoff einfach an. Daran ändert auch die angenehm diverse Rollenbesetzung nichts. Während in Foundation imperiale gottgleiche Wesen von oben herab ein Weltraum-Imperium regieren, streiten die Figuren in The Expanse darum, wie richtige Solidarität funktioniert und ob es möglich ist, sich den politischen und sozialen Zwängen zu entziehen oder sie subversiv zu unterlaufen.

Das Morgen von gestern

Im Serienbereich werden mehr neuere Stoffe verfilmt als im Kino. Titel wie Devs, Tales from the Loop und Nevers sind dafür die neuesten Beispiele. Angesichts der enormen Produktionskosten der Science-Fiction versteht man aber auch, weshalb sich der Kinobetrieb, zumal zu Corona-Zeiten, ungern auf Experimente einlässt. Wie wichtig das Genre Science-Fiction auch für die Streamingdienste ist, belegt das Beispiel Paramount, dessen Mutterkonzern CBS sich bei deutschen SF-Fans unlängst unbeliebt machte, weil er die vierte Staffel von Star Trek Discovery wenige Tage vor dem geplanten Ausstrahlungstermin Mitte November Netflix wegnahm, um die Serie im Lauf des kommenden Jahres exklusiv bei dem in Deutschland noch nicht existierenden Streamingdienst Paramount+ anbieten zu können.

Im Jahr 2017 floppte das massiv beworbene Echtfilm-Remake des legendären Anime-Films Ghost in the Shell, das die Vorlage zwar bildästhetisch überraschend gut umsetzt, die Story um eine Künstliche Intelligenz, die ein widerständiges kollektives Netzwerk aufzubauen versucht, aber ihres ganzen progressiven Inhalts beraubt. Nur kurze Zeit später sollte Alex Garlands zweiter Film Auslöschung – ebenfalls produziert von Paramount – im Kino starten. Nur hatte der Regisseur, der nach seinem Debüt Ex Machina als heißer Newcomer und Vertreter einer neuen, anspruchsvollen Science-Fiction galt, die Rechte für den finalen Schnitt des Films. Aus der literarischen Vorlage Auslöschung, einem 2014 erschienen Roman von Jeff VanderMeer, der motivisch an Tarkowskis Stalker erinnert und philosophische Debatten um das Naturverhältnis beinhaltet, machte Alex Garland einen 50 Millionen Dollar teuren Autorenfilm, stellenweise mit kammerspielartiger Atmosphäre. Der Streit zwischen Studio und Regisseur, der den Film nicht massentauglich umschneiden wollte, endete damit, dass Paramount den Film kurzerhand an Netflix verkloppte.

Die Streaming-Plattformen mit ihrer Ausrichtung auf ein multiples Nischenpublikum in aller Welt haben es gegenwärtig leichter, anspruchsvollere und aktuellere Inhalte zuzulassen, als das Kino. Von manchen werden sie, Netflix zuvorderst, deshalb sogar als eine Art Demokratisierung im Filmgeschäft abgefeiert. Stephanie Land, Bestsellerautorin aus den USA, deren autobiografischer Roman Maid: Hard Work, Low Pay, and a Mother’s Will to Survive von Netflix kürzlich als Miniserie umgesetzt wurde, sagte der Seattle Times: „Selbst als ich total pleite war, konnte ich mir Netflix immer leisten. Ich möchte, dass auch arme Menschen Zugang zu diesem Angebot haben. Ich möchte, dass sie sich selbst auf authentische Weise sehen können.“

Für manche ist das Kino eben auch eine Hürde. James Lassiter, der Produzent des „Black Western“ The Harder They Fall, schlug in eine ganz ähnliche Kerbe, als er unlängst erklärte, dass der Film mit seinen ausschließlich schwarzen Schauspielern kein produzierendes Studio gefunden habe. Netflix griff zu, ebenso wie bei Spike Lees schwarzem Vietnam-Film Da 5 Bloods, für den Lee in Hollywood lange Zeit vergeblich Klinken geputzt hatte.

Bei Netflix setzt sich gerade der Trend durch, einen Science-Fiction-Weihnachtsfilm zu etablieren. 2020 war das George Clooneys Midnight Sky, die Umsetzung eines aktuellen Science-Fiction-Romans, der eindrücklich das Thema Umwelt- und Klimakatastrophe behandelt. Der eher leise Film setzt sich wohltuend von den sonst so waffenfetischistischen und actionorientierten Science-Fiction-Blockbustern in den Kinos ab, wo der Film trotz George Clooney wohl sicher kein Kassenerfolg gewesen wäre. Insofern sollte bei allen Vorbehalten gegen die Streaming-Plattformen gerade im Vergleich zum Kino genau hingesehen werden, was produziert wird.

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