Wo alles begann

Ökonomie Wenn die Politologin Ellen Meiksins Wood die Ursprünge des Kapitalismus analysiert, denkt sie naturgemäß auch sein Ende mit
Florian Schmid | Ausgabe 37/2015 1

Mehr denn je wird über den Kapitalismus und seine Krisenanfälligkeit diskutiert. Nur lassen die Debatten häufig einiges an Klarheit und Schärfe vermissen, wenn es darum geht, den Kapitalismus als ökonomisches und gesellschaftliches Phänomen klar zu definieren. Ausbeutung ist immerhin nicht sein Alleinstellungsmerkmal, die gab es auch schon auf der Pyramidenbaustelle im antiken Ägypten oder im Feudalismus des europäischen Mittelalters – überall, wo die Aneignung fremder Arbeitskraft oder ihrer Früchte stattfand. Die US-amerikanische Historikerin und Politologin Ellen Meiksins Wood plädiert in ihrem spannenden Buch Die Ursprünge des Kapitalismus deshalb dafür, sich mit den Wurzeln dieses Systems zu beschäftigen. Denn als historische Formation, die sich unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen entwickelte, kann es schließlich auch Möglichkeiten ihrer „Abschaffung und Ersetzung durch eine andere gesellschaftliche Form“ geben. Wenn der Kapitalismus also einen historischen Anfang hat, so gibt es auch ein vorstellbares Ende.

Mechanismen der Enteignung

Die Beschäftigung mit der Entstehung des Kapitalismus, die Marx als die sogenannte ursprüngliche Akkumulation bezeichnete, erfreut sich in linken Theoriekreisen derzeit größter Beliebtheit, etwa bei David Harvey, Silvia Federici oder Klaus Dörre. Wobei es in diesen Zusammenhängen oft um die Frage geht, ob die ursprüngliche Akkumulation beispielhaften Charakter für aktuelle Entwicklungen oder gar den Fortbestand des Kapitalismus hat. Vor allem in Zeiten globalisierter Krisen greifen Mechanismen der Enteignung und der Durchsetzung kapitalistischer Logik in Bereichen, die bisher anderen Regeln unterworfen waren – von Saatgut-Patentierung bis zur Inwertsetzung der bisher oft von Familienangehörigen geleisteten Pflegearbeit. Ellen Meiksins Woods im Original bereits 1999 erschienener Klassiker leistet hier zwar keinen aktuellen Debattenbeitrag, ist aber dennoch hochinteressant, da die 1942 geborene Politologin und langjährige Mitarbeiterin der New Left Review in ihrer Studie eine sehr exakte Analyse des Entstehungsprozesses des Kapitalismus bietet.

Denn viele historische Interpreten sahen in ihm meist einfach nur die höchste Stufe des Fortschritts, eine quasi zwangsläufige Entwicklung, die uralte Praktiken des Handels zur „Reife“ brachte. Andere Deutungsmodelle veranschlagen demografische Gründe oder erkennen in den Strukturen des mittelalterlichen Feudalismus bereits frühe Spuren des industriellen Zeitalters. Auch die Urbanisierung wird oft als Keimzelle des Kapitalismus angesehen. Um zu erklären, warum dieser sich nicht in allen Gesellschaften gleichermaßen und zu einer ähnlichen Zeit entwickelte, wird deshalb meist von bestimmten Hemmnissen ausgegangen. Die Entwicklungen der handelspolitisch so erfolgreichen frühneuzeitlichen Stadt Florenz oder der niederländischen Republik etwa werden in diesem Zusammenhang als gescheiterte Übergänge bezeichnet, während die „Weiterentwicklung“ zum Kapitalismus in England erfolgreich verlief. Derartige Konzepte hält Meiksins Wood für unzureichend, weil sie die Entstehung des Kapitalismus letztlich naturalisierten, als wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er sich durchsetzte. Sie verweist stattdessen auf einen für England spezifischen sozialen und ökonomischen Transformationsprozess im 17. Jahrhundert. Dabei handelte es sich nicht um einen plötzlichen quantitativen Sprung, sondern um sukzessive Veränderungen von Eigentumsrechten und Herrschaftsverhältnissen, die zur Entstehung des Kapitalismus führten.

Zentral für die Entwicklung des Kapitalismus zeigten sich vor allem neue Konzeptionen von Eigentum im Agrarbereich. In England war die Verpachtung konkurrenzförmiger als etwa in Frankreich. Das lag an der Konzentration von Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer, womit wiederum Vertreibungen von Kleinbauern einhergingen, deren Allmenderechte außer Kraft gesetzt wurden. Die Masse verarmter Enteigneter vagabundierte umher, wurde in Arbeitshäusern eingesperrt oder zog in die Städte, wo sie sich als Lohnarbeiter in der aufkommenden Industrialisierung verdingten. Außerdem wurden sie die Käufer jener massenhaft produzierten Lebensmittel und billig hergestellten Waren für den alltäglichen Bedarf.

Das Land zu verbessern, war eine der wichtigsten Neuerungen der damaligen Zeit. Improve war ursprünglich ein im Grunde agrartechnischer Begriff und bedeutete, den landwirtschaftlichen Ertrag zu erhöhen, aber auch landschaftliche Verschönerungen herbeizuführen. Die pittoresken Bauernhäuser und die „Mythologie von Englands grünem und lieblichem Land“ als Ausdruck einer territorialen Aristokratie und ihrer Pächter hatten ihr Gegenstück in den Massen verarmter Landloser. Die Steigerung der Produktivität, wie sie John Locke schon 1690 in Zwei Abhandlungen über die Regierung theoretisierte, bedeutete, dass dem Boden durch Arbeit ein Wert abgerungen beziehungsweise hinzugefügt wurde. Die Ableitung von Eigentum aus dem Schaffen von Wert, das verbesserte Land, das dem Ödland gegenüberstand – ein damals neuer Gedanke – galt auch als ideologische Rechtfertigung des englischen Imperialismus, egal ob in Irland, das damals zum Laboratorium derartiger Improve-Strategien wurde, oder in Übersee.

Ethik des Profits

Für Ellen Meiksins Wood ist vor allem der englische Landvermesser der damaligen Zeit Ausdruck dieser neuen Mentalität, da er den Pachtwert nicht mehr nur anhand bestehender Renten bisheriger Pächter, sondern auch auf Grundlage eines abstrakten Marktwerts bestimmt. Französische Landvermesser durchsuchten währenddessen noch Archive nach herrschaftlichen Rechten und bäuerlichen Pflichten im Stil feudalistischer Mehrwertschöpfung, die auch von außerökonomischen Faktoren, wie das Marx bezeichnete, abhing. „Während also die Engländer nach den ,wirklichen‘ Marktwerten suchten, verwendeten die Franzosen die modernsten und wissenschaftlichsten Methoden, um eine Wiederbelebung des Feudalismus zu planen“, erklärt Meiksins Wood.

Die Ideen der Aufklärung und bürgerlichen Revolution, die sich in Frankreich mehr als anderswo in Europa durchsetzten, hatten laut Meiksins Wood mit der Entstehung des Kapitalismus aber wenig zu tun. Die Ideologie der „Verbesserung“, wie sie im England des 17. Jahrhunderts vorherrschte, bezog sich nicht auf den Menschen, vielmehr ging es um eine Ethik des Profits, eine Verpflichtung zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und damit schließlich um eine Praxis von Einhegungen und Enteignungen. Ellen Meiksins Woods Thesen sind in ihrer strikt ökonomischen und eng an Marx angelegten Perspektive mitunter diskussionswürdig. Sie bieten aber detaillierte und faszinierende Einblicke.

Info

Der Ursprung des Kapitalismus Ellen Meiksins Wood Laika 2015, 232 S., 28 €

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06:00 23.09.2015
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