Kampf

KEHRSEITE "Ein Dank den zahlreichen Wahlhelfern und Wahlhelferinnen, die in der Landtagswahl toll gekämpft haben!" - "Ich liebe dich, ich kämpfe um dich!" ...

"Ein Dank den zahlreichen Wahlhelfern und Wahlhelferinnen, die in der Landtagswahl toll gekämpft haben!" - "Ich liebe dich, ich kämpfe um dich!"

Beispiele dieser Art sind schnell gefunden, "das Kämpfen" hat Hochkonjunktur. Alle kämpfen um, für oder gegen etwas oder jemanden: Eine Gesellschaft mit Kampfauftrag. Der Sozialdarwinist weiß: Wer nicht kämpft, geht unter. Wer's tut, vielleicht auch, aber immerhin hat er oder sie wenigstens noch gekämpft. Vielleicht ein schwacher Trost für die Schwachen, also jene, die tatsächlich kämpfen müssen, und das meistens auch noch gegeneinander, um dann endlich doch zu verlieren. Sonst hießen sie ja, frei nach John Cleese, auch nicht die Schwachen. Wenn aber jetzt schon die Starken zu kämpfen beginnen - für Arbeitsplätze, niedrigere Steuern, Freiheit und soziale Gerechtigkeit -, dann wird das Leben wohl richtig ernst. Bei Motivationsschwäche empfehlen wir die Auswahl zwischen kategorischem Imperativ ("Kämpfe so, dass du wollen kannst ..."), Gesellschaftsideal (Wann darf man eigentlich wieder "Volk" sagen?) - Hoppla, der "Kampf aller gegen alle": stand der nicht mal ganz am Anfang? - und universell einsetzbarer Freizeitmetapher (für die Vitalisten unter uns).

Dort, wo alle kämpfen, gerät der eigentliche Kampf - Sie wissen schon, der ums Überleben - aber recht unelegant aus dem Blick. Sozialwissenschaftlich heißt es dann, so man's glauben darf und möchte, dass der alte "Klassenkampf" höchstens noch als sportiver Verteilungswettkampf weiterlebe: Sozialhilfe und Alu als Startgeld für das große "Lebenskampfspiel", dabei sein ist alles!

Aber freut Euch nicht zu früh, Ihr KämpferInnen! Nüchtern betrachtet haben Eure Kampfparolen nämlich nicht nur nichts zu bieten, sondern dummerweise auch noch einen fatalen Geburtsfehler. Verweist der Ursprung des Kämpfens doch stets zurück auf einen Zustand der Unzulänglichkeit, des Mangels oder einfach gesprochen: der Inferiorität. Wofür müssen Wahlhelfer überhaupt kämpfen, wenn das Programm und die Kandidaten denn wirklich gut sind? Warum sollen Fußball-Millionäre "die Ärmel hochkrempeln" und kämpfen, wenn man sie doch eigentlich viel lieber spielen (nee, nicht im Casino!) sähe? Und wieso soll man um jemanden kämpfen, der oder die schon beschlossen hat zu gehen? Das Kämpfen ist offenbar nur dort vonnöten, wo Defizite bestehen oder etwas wiedergutgemacht werden soll. Kampf - Disziplin - Durchhaltevermögen: deutsche Tugenden? Große Umleitungsschilder, der "deutsche Sonderweg" wird ausgebaut.

Oh je, ich wag's ja kaum zu schreiben, aber dachten Sie nicht auch schon: "Der Kampf geht weiter!"

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