Im Reich der Schneeverweser

Olympiafieber Und die Fans schreien Ski-Heil: Der winterliche Skizirkus offenbart nichts weniger als Österreichs alpinen Größenwahn

Des Winters tagt hierzulande immer eine Parallelregierung. Der Österreichische Skiverband (ÖSV) bestimmt das Programm, vor allem das Fernsehprogramm. Die Attraktivität des Skisports lebt und stirbt mit der Direktübertragung. Es ist eine konzertierte Aktion. Bestimmte Sportarten wie Skifahren und -springen sind national so aufgeladen und wesentlich, dass nach Möglichkeit sogar Trainingsfahrten und Trainingssprünge übertragen werden.

Wenn etwa der Weltcup in Kitzbühel Station macht, wird der Tiroler Ort zur heimlichen Hauptstadt des Landes. Alle finden sich ein: der Geldadel, der Staatsadel, der Kunstadel, der Blutadel, der ganze Promi-Auflauf samt den dazugehörigen Medienfritzen und Wichtigmachern. Sport und Wirtschaft, Politik und Seitenblicke geben sich ein Stelldichein beim Stanglwirt. Eine Society-Operette letzter Güte. Man ist von Belang und die ganze Welt schaut her. Und auch wenn das nicht stimmt, bildet man sich das ein, bis es zur Gewissheit geworden ist.

Der wahre Adel, das ist aber der Ski-Adel. Man denke nur an Gregor Schlierenzauer, den neuen Seriensieger der österreichischen Adler. Wie ein junger Held auf dem Feldherrenhügel stand er da am Gegenhang der Bergisel-Schanze von Innsbruck und nahm die Ovationen entgegen. Der Skisport ist in Österreich nicht bloß ein nationales Anliegen, sondern das patriotische Projekt schlechthin. Viele Fans dokumentieren durch die ins Gesicht geschmierte Flagge, wem sie gehören. Die Kriegsbemalung auf der Haut zeigt an, dass die Beziehung eine biologische zu sein hat. Die tatsächliche Kleinheit des Landes wird kompensiert durch alpinen Größenwahn. Die rot-weiß-rote Überlegenheit auf Schanzen und Pisten ist aber kein Wunder, sondern Folge eines industriellen Zuchtplans. Das Bild der Idole – vor allem das der Naturburschen – ist ein televisionäres Trugbild, eine Erfindung folkloristischer Werbespots.

Ski heil, schreien die Fans

Es geht um nationale Aufrüstung. Wie Uniformierte sehen die Wintersportler auch aus. Der Helm gleicht dem Stahlhelm, der Stecken einem Schwert, und die Skier sind Lanzen. Skiausrüstung meint Rüstung. Disziplinierte Kader funktionieren wie kleine ideologische Staatsapparate, wie mobilisierte Truppen an der Front. „Unter dem Einfluss des Sports fühlen sich Menschen plötzlich maßgeblich“, heißt es im Sportstück von Elfriede Jelinek. Der alpine Größenwahn ist das stabilste Fundament des Glaubens an Österreich. „Ski heil!“, schreien die Fans.

Siegen ist zu wenig, es geht um das Triumphieren. Freilich, je mehr der alpine Skilauf zur österreichischen Meisterschaft mit ausländischer Beteiligung gerät, desto weniger gilt ihm internationales Interesse. Die Erwartungen für Vancouver, wo am 12. Februar die Olympischen Winterspiele beginnen, sind nicht nur groß, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: enorm. Wie immer haben sie übertroffen zu werden. Wenn ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel eine Medaillenzahl vorgibt, ist da stets die unterste Latte gemeint. Wird jener Pegel nicht erreicht, ist der nationale Notstand in Reichweite. So etwa nach dem vorletzten Wochenende, als sogar ein Deutscher (Felix Neureuther im Slalom) schneller gewesen ist als „wir“. Schröcksnadel plant daher schon „Rache bei Olympia“.

Der Skisport ist durchaus als Lenkwaffe im Kampf der Standorte zu bezeichnen. Weil Österreich nur auf diesem Sektor Großmacht spielen kann, wird gerade hier überdimensional investiert. Österreichs Winterfremdenverkehr entwickelte sich Jahre lang parallel zu den Ski-Erfolgen, während er in der Schweiz aufgrund des mäßigen Abschneidens stagnierte. So „erledigen die erfolgreichen Skiläufer die Arbeit von Botschaftern und Handelsdelegierten“, wusste der Kurier zu schreiben.

Ein PR-Overkill

Athleten und Trainer, Serviceleute und Funktionäre gleichen wandelnden Litfasssäulen. Ihre Ausrüstung gehört dem Anzeigenmarkt. Artig haben die jeweils Aufgerufenen – oder besser: Vorgeführten – ihre Skier in die Kamera zu halten. Werbung ist allgegenwärtig: Auf Piste, Schanze, Loipe, im Ziel, am Material, an Körpern – überall drängen sich die Markennamen in den Vordergrund. Die Aufnahmegeräte haben alles einzufangen, kein Flecken soll der Reklame entgehen. Wichtiger als der sportliche Wettbewerb ist die kommerzielle Konkurrenz. Die Sichtbarkeit der Werber gibt ungefähr die Hierarchie der ökonomischen Fabrikate wieder.

Ummittelbar sichtbar ist auch einer, der bei Siegerehrungen und Interviews, bei Sondersendungen und Events nicht fehlen darf: Der erwähnte Peter Schröcksnadel. Der 1941 gebürtige Innsbrucker ist seit 1990 Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) . Nicht außerdem, sondern in erster Linie ist Schröcksnadel aber ein äußerst umtriebiger Unternehmer. Die Firmen Sitour Management GmbH sowie Feratel Media Technologies AG, welche beide wiederum über zahlreiche Beteiligungen und Tochtergesellschaften verfügen, gehören zu seinem Herrschaftsgebiet.

Sitour Management, geführt von Schröcks­nadels Sohn Martin, besitzt einige Skigebiete, hält Anteile an Bergbahnen und betreibt den Radiosender Antenne Tirol. Inzwischen ist Sitour in 1.000 Skigebieten weltweit präsent. Sitour verkauft PR an Regionen, Layouts für Pistenauftritte, Videowalls und Plakatflächen – „großformatig präsentiert im Gelände“. Touristen sollen nirgendwo mehr hin können, ohne dass die Werbung sie erwartet. Fragt sich nur, wie lange das noch laufen kann, ohne in einem PR-Overkill zu enden.

Synergie nennt sich das

Feratel, unter dessen Dach inzwischen auch Sitour eingegliedert wurde, zählt heute weltweit zu den führenden touristischen Unternehmungen. Zu den illustren Kunden gehören nicht nur Wintergebiete wie Kitzbühel, Davos, Zermatt, Ischgl oder das Tiroler Zillertal – auch Großstädte wie München, Nürnberg oder Basel. Destinationsmanagement nennt sich das. Stets geht es um die Logistik für Regionen, um Tourismuskonzepte. Im Juli 2009 erhielt Feratel etwa den Zuschlag für das regionale Informations- und Reservierungssystem in der norditalienischen Provinz Trentino. Dieses läuft künftig über das von Ferital entwickelte Modul Dekline (R) 3.0.

Der Vollständigkeit halber sei angefügt, dass dem ÖSV über seine Tochterfirma Austria Skiteam Handels- und Beteiligungs-GmbH zahlreiche Veranstaltungsgesellschaften selbst gehören. Schröcks­nadels Winterreich kann sich also sehen ­lassen, es ist Inbegriff und Kern der österreichischen Sportindustrie. Seine öffentlichen Funktionen sind seinem wirtschaftlichen Treiben adäquat vorgeschaltet. ­Synergie nennt sich das in der Wirtschaftssprache. Alles greift ineinander, ist kaum noch unterscheidbar: das Öffentliche vom Privaten, die Werbung von der Information. Letzteres wird auch gar nicht verschwiegen. Im Gegenteil, es wird betont: „Top-Skizentren werden an den Liftstationen mit modernsten Videowalls ausgestattet und garantieren tagesaktuelle, werbewirksame Auftritte in einem trendigen Content-Mix aus Information und Unterhaltung für ein Millionenpublikum.“ Heißt es in einer Aussendung.

Unser guter Mann braucht also gar nicht extra für sich und sein Reich zu werben, als Sportfunktionär stehen ihm alle medialen Auftritte unentgeltlich zur Verfügung. Nation und Region rechnen sich prächtig. Das Patriotische verwandelt sich unter solcher Regie in bare Münze. Schnee, auch wenn es Kunstschnee sein mag, funktioniert wie weißes Gold. Wahrlich, Peter Schröcksnadel ist der Reichsschnee-Verweser der Alpenrepublik.

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