Schnell hin und nie wieder weg

A-Z Tolle Orte Flensburg ist ein Strafregister, Freiburg eine Stadt für Ökospießer? Falsch: Aus Flensburg kommt die beste Punkband, und Freiburg kann auch Laut. Das Lexikon der Orte II

Altegoer Kiosk

Das „y“ im Vornamen ist das einzige, was an Elly Altegoer nicht echt ist. Sieht irgendwie besser aus. Sonst nimmt sie alles, wie es kommt, steht seit 1969 täglich ab halb sechs im Kittel hinter der Wursttheke. Generationen von Bochumer Schauspielern hat sie nen Pott Kaffee gekocht, Bergarbeitern ihr Bütterken geschmiert, den Kindern Eier in die Pfanne gehauen, wenn sie zum Hausaufgabenmachen kamen. Eine Institution nennen alle den Tante-Emma-Laden, der schlicht Kiosk heißt.

Armin Rohde hat sie ein Haus besorgt, kranken Nachbarn bringt sie Essen, den Intendanten holt sie zum Adventsbasar als Aushilfe hinter die Theke. Sie ist für alle da. Und zwar lebenslang: „Aufhören?“, raunt die über 70-Jährige, „ich bin doch nich’ bekloppt“. Dagny Riegel


Wenn im November die Herbststürme in den See greifen, scheint er wieder zu sich zu kommen. Sie drehen ihn einmal um und stellen ihn vom Kopf auf die Beine. Seine Farbe dann: ein schlammiges Grün. Kein Bootsbesitzer aus Stuttgart, kein Urlauber aus Nordrhein-Westfalen lässt ihn dann mehr glauben, er sei ein mondäner Badeort, ein Lifestyle-Resort. Dann auch endlich legen die Seebewohner ihre Verkrampfung beim Reden ab und sprechen wieder ihren uralten, schwerfälligen Dialekt.

Auch wenn der Bodensee enorm an Hipness und High Society hinzugewonnen hat: Seinen Kern bilden immer noch die Obst- und Maschinenbauern, zumindest an den Ufern des Obersees zwischen Lindau und Meersburg. Im Herbst kommt der See zu ihnen zurück mit seiner grünen Melancholie. Wenn die Weggezogenen auf Heimatbesuch sind, führt sie der erste Weg hinab zum See. Dann erst sind sie zu Hause. Mark Stöhr


Der häufigste Satz, in dem Flensburg vorkommt, hat mit Punkten zu tun. Wer zu schnell gefahren ist oder betrunken oder bei Rot über die Ampel, hasst diese Stadt. Sie ist der Gedenkort für Verkehrssünder. Nur eine Wallfahrt machen die wenigsten dorthin. Zu weit im Norden ist der 90.000-Einwohner-Fleck, schon mehr Dänemark als Deutschland.

Die Produkte der bekanntesten Firmen, Beate Uhse und Orion, bekommt man auch so, per Post. Was daher fast nur die Flensburger wissen: Ihre Stadt ist eine Perle, mit viel Fachwerk und der Förde vor der Haustür. Doch das Malerische ist hier so spröde, dass es nicht auf eine Postkarte passen mag. Schulden und Arbeitslosenzahlen sind hoch. In Flensburg blickt man mit Wut und Schwermut aufs Meer. Kein Wunder, dass Turbostaat, die beste deutsche Punkband, nicht aus Berlin oder Hamburg kommt, sondern: genau. MS

Freiburg

Tocotronic haben bekanntlich mal ein Hasslied über Freiburg geschrieben, das so begann: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“ (siehe A-Z Schlimme Orte). Das fanden dann junge Leute cool, die mittlerweile in Großstädten wohnten, aber das Unglück hatten, ihre Jugend in richtig hässlichen Kleinstädten zu verbringen. Freiburg ist nicht hässlich, Freiburg ist einfach nur schön. Und Leute, die das Tocotronic-Lied mögen, hatten sicher nie das Vergnügen, mal in südbadischer Entspanntheit auf einem Holland-Rad durch die grünbürgerlichen Wohnviertel Freiburgs zu radeln. Man lässt sich dort „net hetze“.

Wer eine Auszeit von der Idylle braucht, geht nachts ins Crash am Bahnhof. Eine dunkle Höhle, in der Metal, Crossover und Punk so laut gespielt werden, dass jede Unterhaltung zwecklos ist. Und das Bier ist billig. Was will man mehr? Jan Pfaff

Gumpen

Gumpen sind naturgeschaffene Schwimmbecken, von Gebirgsbächen in den felsigen Untergrund des Bachbetts erodiert. Schöne Exemplare mit türkisblauem, klarem Gebirgswasser findet man bei Lenggries nach einem Spaziergang durch den Gerstenrieder Graben, unweit des Sylvensteinspeichers, eines beeindruckenden Stausees vor Alpenkulisse. Weil die Becken zum Teil sehr tief sind, ist das Gumpen-Springen bei ortsansässigen Jugendlichen beliebt. Doch mit etwas Glück sind sie alle auf dem Heubodenfest im Nachbarort. Sophia Hoffmann

Leipzig

Das Schönste an Leipzig ist die Innenstadt. Von all den Ladenzeilen einmal abgesehen. Wie in Krakau oder beispielsweise in Wien wird sie von einem Ring umschlossen und damit klar definiert. Der Rest ist die Außenstadt. Aber das sagt natürlich kein Mensch. Die Leipziger lieben ihre Innenstadt. Sie bummeln nicht, sie flanieren nicht, sie durchschreiten das eigentlich winzige Areal, als würden sie darin gleichsam Teil einer höheren Ordnung. In der Innenstadt werden sie zu Bürgern, dort löst Leipzig sein Versprechen auf Stadt gänzlich ein. Klar, dass der Herbst ’89 da beginnen musste. Wie auf einer Theaterbühne ist alles versammelt: Universität, Rathaus, mehrere Museen, Gewandhaus, Oper, Nikolaikirche, Thomaskirche und bald auch die Universitätskirche. Wer also glaubt, Revolutionen werden von Menschen gemacht, der irrt. In Leipzig kann man sehen, dass Revolutionen eigentlich von Städten gemacht werden. Von Innenstädten! Jana Hensel

München

Schwer zu sagen, was weiter entfernt ist von der Lebenswirklichkeit in München: Stadt-PR („Weltstadt mit Herz“) oder München-Bashing (hermetisch, Trachten, Bier, Fashion victims). Okay, das mit den Fashion victims stimmt. Aber ansonsten ist es wie in jeder Stadt: Man nutzt die Möglichkeiten, die man nutzen will. Den Rest blendet man aus. Und dann passt doch alles.

In der Tat: Die Möglichkeiten waren in München lange dünn gesät. Schwule gingen noch in den Achtzigern in fensterlose Kneipen. Es gab noch in den Neunzigern nachts nirgends etwas zu essen und die Sperrstunde. Aber das war früher.

Was ich sagen will: München ist heute toll in dem Sinn, dass es zum Beispiel nicht schlimm ist. Ein paar Freunde dort zu haben, das ist natürlich nicht schlecht, mit denen steht und fällt das Befinden überall. Und dann wären da noch toll: Alpen, Seen, Biergärten, ach, aber schauen Sie doch einfach mal im Reiseführer nach. Klaus Raab

Neuschwanstein

Das Luftschloss auf dem Fels. Es bezieht, ganz wie es die Romantik, wie es Erbauer König Ludwig II. will, seinen Reiz aus der Distanz. „Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar“, schreibt der einsame Herrscher 1868 seinem Freund Richard Wagner, dem er den Millionenbau widmet. Bis 1884 muss der mittlerweile hoch Verschuldete auf den Einzug in sein Märchenschloss warten. Kaum zwei Jahre später kommen sie dann herauf, ihn zu entmündigen, dorthin, wo außer ihm nur Götter weilen sollten „auf steiler Höh, umweht von Himmelsluft.“

Je näher man kommt, desto kleiner wird heute der Traum von einem Schloss, bis einen hoch oben auf dem Felsen endlich die Luft der gut 50 Millionen Touristen umweht, die es bereits besuchten. DR

Niederrhein

„‚Anton‘, sachtä Cervinski für mich ...,“ so begann jahrelang die Wochenendglosse der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Sie fasste so ziemlich alles zusammen, was den Niederrheiner ausmacht, seine Sprache, das Kleinbürgertum, sie beschrieb die Bergbau-Kumpel und die ihnen eigene Lakonie, ganz im Gegensatz zum angrenzenden Rheinland und der „rheinischen Frohnatur“.

Der Niederrhein steht eben auch für Schwermut und Philosophie. Und niemand hat das besser beschrieben als der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das „schwarze Schaf vom Niederrhein“, der wie ich in Moers geboren wurde. Moers, das, obwohl Grafschaft, immer in Konkurrenz stand mit geschichtsträchtigeren Orten wie Xanten oder Aachen, sich aber durch sein Schlosstheater und das jährliche Jazzfestival, jetzt „Moers Festival“, international einen Namen gemacht hat. Ebenfalls am Niederrhein: Grevenbroich. Weiße Bescheid. Jutta Zeise

Wald

Es ist der letzte Hort wilder Natur, in dem man sich klopfenden Herzens verlaufen, vor Fliegenpilz, Erlkönig und Räuber erschauern, von Feen und reiner Minne am glucksenden Bach träumen kann. „Mich umfängt ambrosische Nacht: in duftende Kühlung Nimmt ein prächtiges Dach schattender Buchen mich ein, In des Waldes Geheimnis entflieht mir auf einmal die Landschaft“, schrieb Schiller.

Wie ihm geht es vielen, irgendwas setzt aus, wenn es um den Wald geht. Denn eigentlich war es schon zu seinen Zeiten kein „natürlicher“, kein Urwald mehr, der unsere Breiten begrünt. Schon Ende des 14. Jahrhunderts hatten Landwirtschaft, Bauvorhaben und Holzkohlebedarf große Flächen verschlungen. Nicht umsonst sind die Deutschen seit Friedrich dem Großen gute Hüter ihres Erbes, forsten auf und hegen ihren Mythos. DR


Manche Städte sind so mit Geschichte überladen, dass sie unter musealem Staub zu verschwinden drohen. Weimar beweist als viertgrößte Stadt Thüringens nicht nur durch konstantes Bevölkerungswachstum das Gegenteil. Nach dem Mauerfall besann man sich abseits der deutschen Klassik und der Weimarer Republik auch verstärkt auf das Erbe des Bauhaus.

Vor allem die Neustrukturierung der Bauhaus-Universität Anfang der neunziger Jahre lockte eine internationale Studentenschaft hierher. Es gibt nicht nur Nationaltheater und Stadtschloss; man kann auch im Gerber, einem ehemals besetzten Haus, Punk-Konzerte besuchen oder sich beim jährlichen „backup“-Festival über neue Medien im Film informieren. Frei nach dem Motto eines angeblichen Goethe-Zitats, das an die Wand eines Wirtshauses gepinselt ist: „Genieße das Leben beständig, du bist länger tot als lebendig!“ SH



Was man bedenken muss als Journalist: Wenn man etwas in die Öffentlichkeit zerrt, dann bleibt es da. Es verändert sich dadurch. Sobald etwa ein guter Club in allen Reiseführern steht, ist es nicht mehr dieser Club, sondern ein anderer.

So ist die Welt, und Dinge ändern sich, ich weiß. Ich habe trotzdem keinen Bock, mir mein Familienparadies kaputtzuschreiben, indem ich es hier bewerbe. Ausgebuchte Orte sind wirklich schlimme Orte. Nur so viel also: Es gibt ein Haus auf Usedom, das so toll geschnitten, so liebevoll eingerichtet, so großartig in die Landschaft platziert ist, dass man sogar jene nahen Nackten erträgt, die einen Jägerzaun aus Muscheln um ihre Handtücher gelegt haben. Ich fahre wieder ins Haus X, Sie dagegen – ist aber wirklich nichts Persönliches – hoffentlich nicht. raa

Zell

Wenn Zell ein in den Siebzigern geborener Junge wäre, hieße der Ort wahrscheinlich Michael oder Andreas. Zell ist einer der Orte, an denen die Gesetze der modernen Welt nicht gelten: Man will hervorstechen, jedes Kaff will Persönlichkeit entfalten, will – Reisejournalistenfloskel – „zu sich kommen“, eine Marke werden. Dazu gehört mindestens ein eigener Name. Zell pfeift drauf. Toll! Es gibt Dutzende Zells. Zell am Main, am Neckar, in Fichtelgebirge und Oberpfalz, an der Speck, am Ebersberg. Hinweis: Es gibt sogar noch mehr Neustadts, aber Neustadt beginnt irgendwie nicht mit Z. raa

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10:00 04.12.2011
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Ausgabe 41/2021

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