Was können wir wissen?

A-Z Philosophie Die Philosophie bietet meist nicht die Antworten, sondern die Fragen. Nichtsdestotrotz ist Philosophieren bestsellertauglich. Hier unsere kleine Einführung

A priori

„Denk immer daran: A priori ist Philosophie auch nur eine Art von Belle­tristik“, sagte im ersten Semester ein Dozent zu mir. Ich brauchte fast das ganze Studium, um diesen Satz zu verstehen. Unterhaltungsliteratur? Dazu eignen sich philosophische Werke zwar nicht, dazu werden sie aber, wenn man sich lang genug unter Gleichgesinnten mit der Materie beschäftigt. Kants Kritik der reinen Vernunft unterscheidet dann kaum was vom Ikea-Katalog, nur dass der jedes Jahr neu erscheint. Und: Kein Philosoph hat je etwas geschrieben, mit dem er Zeitgenossen nicht schocken oder viel öfter erfreuen und auch unterhalten wollte. Solch niedere Motive zu verklausulieren, ist die große Kunst der Disziplin. Nein, die Betrachtung der Wissenschaft als Unterhaltungsfach ist kein schlechte. „A priori“ ist in der Philosophie der Fachbegriff für Vorurteil, und das Vorurteil ist die Grundnahrung jedes Denkers. Spätestens hier erwarte ich Widerspruch. Jörn Kabisch

Diskursethik

Wer nicht einfach nach Belieben handeln will, sondern nach ethischen Normen, steht unweigerlich vor der Frage, welche Normen das denn sein sollen. Sagen ja schließlich alle was anderes. Jürgen Habermas zum Beispiel meint: Eine Norm ist dann gültig, wenn alle die davon betroffen sind, ihr in einem zwanglosen Gespräch – einem Diskurs – zustimmen können. Warum aber sollte jemand diesem Satz folgen? Weil ihm niemand widersprechen kann, ohne sich selbst in einen Widerspruch zu verwickeln, sagen Diskurs-Ethiker. Schließlich müsste jeder ernstzunehmende Kritiker für seinen Widerspruch selbst Argumente vorbringen. Zugleich gilt: Wer andere mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ zu überzeugen sucht (und nicht mit Gewalt oder Versprechungen), hat die anderen schon als vernünftige Gegenüber anerkannt. Ein Kritiker müsste also versuchen, vernünftig zu argumentieren, dass andere Vernünftige nicht argumentieren dürfen – und sich damit selbst widerlegen. Steffen Kraft

Hegel

Die Phänomenologie des Geistes (1807) gilt als wichtigstes Werk des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831), eines Hauptvertreters der Philosophie des deutschen Idealismus. „Das Geistige allein ist das Wirkliche“ sagt Hegel, soll heißen, alles was wir sehen, Menschen, Tiere, Natur, ist von geistigem Charakter.

Diese These von der Gemeinsamkeit der Dinge führt Hegel zu seinem Ansatz der philosophischen Theologie. Der sogenannte Weltgeist liege auch historischen Entwicklungen zugrunde, der Einzelne sei nur das Werkzeug. Moralische Beurteilungen geschichtlicher Ereignisse wie Kriege können somit als vom Individuum unabhängige Objektivierungen des Weltgeistes interpretiert werden. Individuen, Völker, Epochen sind für Hegel nur notwendige Durchgangsstadien für den großen weltgeschichtlichen Prozess.

Stark geprägt von Hegels Lehre entwickelte Karl Marx aus dem Idealismus seinen ➝ Materialismus, aber das ist eine andere Geschichte. Sophia Hoffmann

Kontingenz

Es gab eine Zeit, da blieb einfach nichts dem Zufall überlassen. Dass es die Welt und die Art, wie Menschen darauf „westen“, überhaupt gab, schien Beweis genug für die Existenz eines Gottes. Der wurde dann philosophisch abgeräumt, damit man die Sache in die eigene Hand nehmen konnte. Ganz ohne Leitplanke mochte man sich dem Lauf der Geschichte aber doch nicht anvertrauen, so kam die Geschichtsphilosophie in die Welt. Dumm nur, dass die Geschichte nicht so wollte wie die Philosophen; das brachte die Skeptiker auf den Plan, die das postmoderne anything goes ausriefen und die chaotischen Ereignisse gar nicht mehr auf Reihe bringen wollten. Wer damals „Wahrheit“ sagte, wurde sofort mit dem Lob der Kontingenz, Inbegriff intellektueller Tugend, massakriert. Komisch nur, dass inmitten der chaotischsten ökonomischen Situation die Sehnsucht nach Bändigung wieder aufscheint. Ulrike Baureithel

Kritik

Als Kant die Vernunft kritisierte, wollte er die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis aufzeigen und ihre Grenzen bestimmen, jenseits derer die Religion zu ihrem Recht kommen sollte. ➝ Hegels Versuch, das so Getrennte wieder zu vereinen, kritisierte Marx als rein gedankliche Versöhnung. In der Kritik der Religion sah er die Voraussetzung aller Kritik und fand die Bedingung ihrer Möglichkeit im weltlichen Elend. Um dessen Unvernunft zu ergründen, untersuchte er die Grenzen des Geltungsbereichs der politischen Ökonomie und fand sie in der mangelnden Geschichtlichkeit ihrer Begriffe. Seit dem „Ende der Geschichte“ kann sich die Philosophie wieder mit sich selbst beschäftigen. Holger Hutt

Materialismus

„Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ ist ein materialistischer Satz. Doch was ist Materialismus, was ist Materie? Darüber sind recht simple Vorstellungen in Umlauf gewesen. Zum Beispiel, die wirklichen Dinge seien materiell, auf sie also müsse alles Ideelle zurückgeführt werden. Oder: Es müsse sich nicht um Dinge handeln, jedenfalls aber um Sachen, die außerhalb des Bewußtseins und ohne es existierten, wie die Energie.

Im Marxismus hat erst Ernst Bloch darauf hingewiesen, dass der Begriff Materie, seit seinem ersten Auftauchen bei Aristoteles, das Mögliche bedeutet. Und so versteht man erst, was Marx (➝ Kritik) sagen will: Dass das Sein ein Möglichkeitsraum ist und als solcher Grenzen hat – in jeder historisch bestimmten Situation andere –, die das Bewusstsein nicht überschreiten kann. Dann bleibt aber die Freiheit, innerhalb des Raums so oder anders zu interpretieren beziehungsweise zu handeln. Michael Jäger

Nihilismus

Eine Gesellschaft wird laut Friedrich Nietzsche nihilistisch, wenn sie ihre obersten Werte verliert und nicht mehr imstande ist, auf Ziele hin zu existieren; wenn solche nicht mehr entdeckt, ja gar nicht mehr gesucht werden.

War dann nicht die Proklamation eines „Endes der Geschichte“ nach 1990 (➝ Kritik) eine nihilistische Proklamation? Damit wurde gesagt, es könne besser nicht mehr kommen, schlimmer auch nicht. Denn Geschichte ist Bewegung zu etwas hin, das noch nicht da ist. Aber beide Behauptungen waren absurd. Und so bleibt nur „Uns fällt nichts ein“ übrig. Gegen solchen Nihilismus steht das Werk Ernst Blochs. Dessen Philosophie der Hoffnung, des Noch Nicht, setzt Nietzsches Philosophie voraus und beantwortet sie marxistisch. Das hängt so zusammen: Marx handelt vom Kapital, einer unendlichen, also ziellosen („Wachstums-“)Bewegung; dazu ist Nihilismus, zielloses Existieren, die passende Ergänzung. MJ

Politische Philosophie

Was ist Öffentlichkeit? Keine philosophische Frage hat heute mehr Aufmerksamkeit verdient. Öffentlich ist für den US-Pragmatisten John Dewey Handeln, dessen Folgen mehr als die an ihm beteiligten Menschen betrifft. Diese Öffentlichkeit ist für Hannah Arendt der Bereich, in dem Menschen nicht nur reproduzieren oder herstellen. Sondern handeln: sich in Gemeinsamkeit und Differenz zu anderen erst selbst kennenlernen und dann Dinge tun, deren Ausgang unvorhersehbar ist. Am besten, das bringt Dewey und Arendt zusammen, erfährt der Mensch Öffentlichkeit im „Verkehr von Angesicht zu Angesicht“ (Dewey), wenn er „den eigenen Faden in ein Gewebe“ schlägt, „das man nicht selbst gemacht hat“ (Arendt). Öffentlichkeit und damit Demokratie lassen sich am besten im Kleinen erfahren, das wortwörtlich greifbar ist. Zuletzt am Stuttgarter Hauptbahnhof – egal, wie der Bürgerentscheid ausgegangen ist. Sebastian Puschner

Programm

Der Ursprung der Philosophie liegt laut Aristoteles im Staunen. Verwundert über dies oder das in der Welt kratzt sich der Mensch am Kopf, das Philosophieren beginnt. Während viele Fragestellungen berechtigt oder zumindest originell sind, hat Kant das Programm der Philosophie auf drei Fragezeichen gebracht: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Gebündelt hat sie der Königsberger in der Gattungsfrage: Was ist der Mensch?

Derart auf den Punkt gebracht, war die philosophische Disziplin damit in ihren Bereichen Erkenntnistheorie/Metaphysik, Ethik sowie Religion/Kunst abgesteckt und lehrplangerecht serviert. Auch wenn das noch nicht zur Aufklärung der Fragen führte, so wusste man fortan immerhin exakter, worüber man sinnierte. Und das ist die halbe Miete, denn wie ➝ Wittgenstein warnte: „Ein philosophisches Problem hat die Form: ‚Ich kenne mich nicht aus.’“ Tobias Prüwer

Weltfremdheit

Seit der Antike gelten Philosophie und praktische Veranlagung als Antagonismen. Die einzige Praxis, die man sich für einen Philosophen vorstellen kann, ist die philosophische: wenn er Managern und Hausfrauen für viel Geld beibringt, wie man an den einfachsten Dingen zweifelt.

Natürlich gab es immer auch den Bruch mit diesem Habitus. Norbert Bolz schien vor seinen Nietzsche-Seminaren ein Sonnenstudio zu besuchen. Ein anderer FU-Philosoph führte die berüchtigte „Kehre“ im Spätwerk Heideggers auf eine Technik beim Skilaufen zurück. Noch attraktiver schien da nur, die Weltfremdheit einfach positiv zu sehen. Was dann Peter Sloterdjik mit seinem gleichnamigen Buch 1993 auch tat. Michael Angele

Wittgenstein

Kurz gesagt, besteht Ludwig Wittgensteins Leistung darin, dass er gezeigt hat, dass Philosophen bis ins 20. Jahrhundert hinein blind dem Motto der Sesamstraße gefolgt sind: „Wer nicht fragt, bleibt dumm“, heißt es dort im Titelsong. Und Philosophen fragen sich ja Sachen wie: Wieviele Engel passen auf den Kopf einer Nadel? Wie sieht ein idealer Staat aus? Was ist ethisches Handeln?

Gegen solche Fragen sei nichts zu sagen, meinte Wittgenstein. Der Fehler der meisten liege allerdings darin, die Antworten in „reinem Denken“ zu suchen – und zu hoffen, so zu allgemeingültigen Erkenntnissen zu kommen (➝ a priori). Die aber sei in den praktischen Feldern der Religion, der Politik oder der Erfahrung eine Suche an der falscher Stelle. Vielmehr solle man sich lieber an die Theologie, politische Theorie und die Wissenschaft wenden. Für Philosophen bleibt dann zwar nicht viel zu tun. Aber schließlich muss einer ja erklären können, warum es auf manche Fragen prinzipiell keine ewigen Antworten gibt. skra

Zweitfach

„Ich studiere Philosophie“ – spricht man nicht gerade mit einem BWL-sozialisierten Karrieristen, macht sich dieser Satz gut: Ein Philosophie-Studium suggeriert meiner Erfahrung nach vielen, man habe einen besonders originellen Blick auf den Gang der Dinge.

Ich habe Philosophie im Zweitfach studiert, dann auch noch auf Bachelor – nichts hat mir das Gefühl der Unzulänglichkeit je näher gebracht. Ein bisschen Platon hier, ein bisschen Nietzsche dort; von Sprachphilosophie habe ich bis heute keine Ahnung, Anwandlungen eines Gesprächs über Heidegger versuche ich schleunig zu unterbinden, vor Lacan habe ich bedingungslos kapituliert.

Philosophie als Zweitfach ist Bullshit. Man hat zu wenig Zeit zum Lesen, zu wenig Raum zur Versenkung. Wenn überhaupt, dann nenne ich mein Zweitfach nur noch, um zum Ausdruck zu bringen, dass es nett war, ab und an mein Erstfach Politik zu vertiefen (➝ Politische Philosophie). sepu

10:00 11.12.2011
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Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

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