Wer will ’ne Wurst?

A-Z Picknick Die Nahrungsaufnahme im Freien ist beliebt als "piquer nique" und "pikunikku". Was man wissen sollte und braucht, vom Messer bis zur Bierbanklehne, erfahren Sie hier

Augengitter


Stars tragen gerne Sonnenbrillen, um sich vor den Augen der Öffentlichkeit zu schützen. Das war schon im feudalen Zeitalter Koreas nicht viel anders. Da es noch keine getönten Gläser gab, behalfen sich die Kaiser und Könige auf der ostasiatischen Halbinsel mit einer einfachen Konstruktion: einer Sichtblende aus feinen Bambusstreifen.

Der koreanische Designer Sang Jang Lee, der schon etliche Preise für seine stylischen, immer aber auch höchst praktischen Erfindungen erhalten hat, knüpft mit seinen „Reed Screen Sunglasses” an diese Tradition an. Der Bambusrohr-Vorhang bricht das Licht der Sonne und den Blick des Betrachters – und ist selbstverständlich abgestimmt auf die jeweilige Farbe des Gestells. Gut sehen und gut aussehen, lautet die Devise. Noch existieren von der Bambusbrille leider erst einige Prototypen. Doch die serielle Produktion soll bald starten. Mark Stöhr

Bayerische Biergartenverordnung

Es kann passieren, dass in München ein Uniformierter die Überschreitung der zulässigen Höhe für mobile Sitzgelegenheiten moniert (➝Zefix). Aber wenn man dann beleidigt abreist, hat man ein falsches Bild. Um München schätzen zu lernen, muss man in den Biergarten gehen.

Nicht nur hat München schöne Biergärten, sondern auch lustige Regeln: Man darf etwa, obwohl auch Speisen verkauft werden, sein mitgebrachtes Essen verzehren, wie in der Bayerischen Biergartenverordnung 1999 bekräftigt wurde.

Die Regel hat eine Geschichte: Die kleineren Bierbrauer sahen im 19. Jahrhundert eine Bedrohung in den etwas außerhalb liegenden Biergärten der großen Brauer. Um die Abwanderung von Gästen nicht noch zu fördern, durften die großen kein Essen mehr servieren. Klaus Raab

Berliner Grillverordnung

Verordnungen gibt es in Berlin auch, man muss sie aber nicht kennen. In vielen Grünbereichen grillt man einfach drauflos. Was braucht man in Berlin zum Grillen? Definitiv braucht man ➝Grillgut-Branding, eventuell auch ➝Messer und ➝Lehne. Aber in der Regel keine Genehmigung. raa

Gitarrenverbot in Paris

Es war eng und heiß in meinem 9-Quadratmeter-Dienstmädchenzimmer, draußen stand der blaue Himmel wie ein Versprechen über Paris. Johanna, meine Nachbarin klopfte an die Tür: „Los, nimm deine Gitarre, wir gehen PICNIQUER (➝Picknick-Geschichte)!“ Mit gepackter Tasche (Decke, Pain Noir, Salzbutter, Côtes du Rhone) stand sie da: Wer sollte da Non sagen?

Wir fanden einen schattigen Fleck unter einem Baum. „Spiel mein Lied“, sagte Johanna. Seit sie 1000 Mal berührt das erste Mal gehört hatte, ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Auf dem exakt gestutzten Rasen kläfften Hunde, sie störten meinen Vortrag. Oder ich ihren?

„Bonjour“, tönte eine kernige Männerstimme. Ich sah hoch und einem Flic in die Augen. „Musikmachen ist hier verboten! Das nächsten Mal konfiszieren wir das Instrument.“ Tölen? Erlaubt. Aber Gitarren? Als er verschwand, spielte ich einfach weiter, und immer mehr Picniqueurs lauschten uns, manche sangen mit, der Wein war fast alle. Da stand er wieder, der Polizist mit der düsteren Miene. „Mademoiselle, Sie...“. Ich schwenkte um auf nostalgische Chansons, Brel, Aznavour, ach, die gesamte Klaviatur seiner Jugend. „Merci“, sagte er leise. „Noch eins?“ Maxi Leinkauf

Grillgut-Branding

Alleine grillen ist öde, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Man weiß immer, wem das Würstchen oder das Fleisch gehört. Bei größeren Grillzusammenhängen hingegen geht die Ordnung gerne mal verloren. Eigentlich ist es immer dasselbe: Die Besitzer eingeschweißter Industriewürste mischen ihre Mitbringsel unter die Premiumware und stibitzen die saftigsten Nackensteaks. Vor dieser perfiden Art des Mundraubs ist niemand sicher. Die Überführung des Täters ist schwierig bis unmöglich.

Doch das Ende dieser vielen Sommer der Anarchie (➝Berliner Grillverordnung) ist da! Ab dieser Saison wird das Grillgut gnadenlos „gebrandet“! Brandeisen mit variablen Buchstabenfolgen bringen die Rechtsstaatlichkeit zurück auf den Grillrost. Nun kann sich jeder seinen Namen auf die Thüringer brennen, auf Koteletts ist sogar noch Platz für die Mobilnummer. Der Barbecue-Tätowierer eignet sich auch bestens für politische Botschaften, zum Beispiel von Vegetariern. MS

Kunst

In der bildenden Kunst ist das Sujet des Picknicks äußerst beliebt. Das bekannteste Werk ist „Das Frühstück im Grünen“ des französischen Impressionisten Édouard Manet, welches aufgrund der abgebildeten nackten Dame seinerzeit für einen Skandal sorgte. So lehnte es der konservative Pariser Salon 1863 einstimmig ab und nur dank Napoléon III., der den Salon des Refusés (Salon der Zurückgewiesenen) ins Leben rief, schaffte es das Gemälde an die Öffentlichkeit. Ursprünglich angedachter Titel war „La Partie carée“ – „Der flotte Vierer“.

Malerkollege Claude Monet ließ sich von diesem frivolen Motiv zu einem gesitteteren Bild inspirieren. Mit seinen gigantischen Ausmaßen von 4,60 auf 6 Meter blieb es aber unvollendet. Weitere bekannte „Picknicks“ schufen etwa der Spätromantiker Carl Spitzweg, Francisco de Goya und der Impressionist Paul Merse. Keines sorgte jedoch für soviel Wirbel wie Manets. Sophia Hoffmann

Lehne

Bierbänke sind praktisch, aber unbequem. Ratzfatz auseinandergefaltet und aufgestellt, kann man die harten Bänke zwar mit einem Sitzkissen etwas gemütlicher machen. Aber mehr Komfort verspricht die mobile Bierbanklehne. Sie ist raumsparend und sofort einsatzbereit. Am hinteren Ende des Polsterkissens aus Hartschaumgummi ist eine Holzlehne angebracht. Mit einem Haken kann man sie in die Festbank einhängen. Das eigene Gewicht sorgt für sicheren Halt, so dass man das Teil an jeder Kante anbringen kann. Von Fensterbänken würde der Hersteller wegen Absturzgefahr sicher abraten. Im Park kann die Lehne aber sogar aus dem Bierkasten einen bequemen Sitz machen (s. auch ➝Zefix).

Die Erfindung verhilft sogar zum gesünderen Sitzen. Denn der sonst nach einer halben Stunde verspannte Rücken erhält eine feste Stütze. Allerdings wird es kompliziert, wenn alle, die auf der Bierbank sitzen, zeitgleich eine solche Lehne eingehängt haben. Will man nicht kollektiv hintenüber kippen, muss man sich abwechseln – eine Herausforderung für die Koordinierung, die mit zunehmender Feierstunde größer wird. Tobias Prüwer

Messer

Neben einem Hut – der als Tüte, Korb oder sogar Teller dienen kann – gehört ein Messer zur absoluten Grundausstattung. Vor allem laden diese Ausrüstungsgegenstände zu spontanen Picknicks ein. Ein tragender, wilder Kirschbaum am Wegesrand, ein Obst- oder Räucherfischstand – die Ausbeute sollte man gleich verputzen. Ein Messer leistet da immer gute Dienste. Klassischer Begleiter ist das Schweizer Taschenmesser (ohne USB-Stick, aber bitte mit Korkenzieher) – für den Funktionalisten.

Der Ästhet greift zu Produkten der französischen Firma Opinel: Simple Klappmesser mit einfachen Holzgriffen, aber scharfen Klingen, die sich zuverlässig arretieren lassen. Es sind durchaus Multifunktions-Tools: Man kann schneiden, Nüsse aufklopfen, Kronkorken abhebeln. Nur, es ist wie mit französischen Autos, die Klingen rosten leicht. Der Ästhet sagt dazu: Patina. Jörn Kabisch

Mobiles Kraftwerk

Ein Düsseldorfer Pärchen hängte sich schon vor drei Jahren die Energiewende über die Schulter. Rudolf Schuler und Martina Schuler-Zöller von „Stromwerk” landeten mit ihren Solartaschen einen Coup. Das Prinzip ist simpel: An den Außenseiten der Taschen sind Solarmodule angebracht, die Sonnenstrahlen in Strom umwandeln. Im Inneren sitzt eine „Tankstelle”, von der aus die Energie über Adapter weitertransportiert wird, an iPod, iPhone, Navi oder anderes. Dafür muss die Sonne nicht mal brennen, Schattenschlag reicht.

Die Funktionsweise haben sie nun auf ihre „Sonnenlader” übertragen: Armbinden für unterwegs, variabel einsetzbar. Am Körper, am Rad, am Rucksack, am Zelt. Strom ist also vorhanden, „wenn die Parkausflügler dann die Schwäne füttern, und die allerblödsten es gleich weiter-twittern“, wie Christiane Rösinger singt. Die erneuerbaren Energien sind halt manchmal auch ein Fluch. MS

Mobiler Kühlschrank

Beleibte Bäuche, wie sie gern das Bier aufschwemmt, nennt man gemeinhin Rettungsringe. Dass diese eine taugliche Schwimmhilfe sind, darf bezweifelt werden. Ein Schwimmring hilft aber dem Biertrinker, auch in der freien Natur seinen Getränkevorrat wohl temperiert zu halten. Musste man sich lange genug mit sperrigen Styroporkonstruktionen oder abgesoffenen Kühltruhen herumschlagen, bietet der Handel nun eine praktische Lösung an. Mit dem platzsparenden Bierkastenschwimmreifen lassen sich Pullen in Teich, Fluss und Tümpel zum Kühlen stellen, ohne sie zu versenken.

Der tragende Plastikreifen ist aufblasbar und bietet für eine Bierkiste Platz. Mit zwei Gurten darin verschnürt, schippert der Reifen sicher an der Oberfläche. Eine Leine verhindert das Wegschwimmen, damit niemand auf dem Trockenen sitzen bleibt. Natürlich kann das knallgelbe Gummiboot auch andere gebräuchliche Getränkekisten aufnehmen. Aber wer will den Sonnentag schon mit Saft oder Soda statt einem kühlen Blonden begießen? Dem körpereigenen Rettungsring kann man ja ein anderes Mal im Park mit sportlicher Ertüchtigung vorbeugen. TP

Picknick-Geschichte

Mahlzeiten unter freiem Himmel zu verzehren, war schon in der Antike üblich, im Mittelalter wurde dies insbesondere auf Reisen und während landwirtschaftlicher Tätigkeiten praktiziert. Doch erst im Barock begann die Blütezeit des Picknicks. Über die etymologische Herkunft des Wortes streiten sich Historiker allerdings bis heute: Ein Großteil behauptet, es würde sich aus den französischen Wörtern piquer (aufpicken) und nique (Kleinigkeit) zusammensetzen, aber auch Briten und Schweden beanspruchen den Ursprung für sich. Wobei die Erwähnung in jenem schwedischen Text von 1738 (picnick) ein klitzekleines bisschen älter ist, als die in dem Brief von Lord Chesterfield (picnic) von 1748.

Auch in Japan wird zur Kirschblütenzeit gerne draußen herum gelümmelt, und so kam es, dass im 20. Jahrhundert pikunikku als Lehnwort in die japanische Sprache aufgenommen wurde. Das Land mit der größten Picknick-Tradition ist allerdings bis heute Großbritannien. Seit dem Viktorianischen Zeitalter sind die Open-Air-Mahlzeiten bei gesellschaftlichen Großereignissen wie dem Pferderennen in Ascot oder dem Tennisturnier in Wimbledon nicht mehr wegzudenken. Charles Mosley, ein englischer Experte für Etikette sagte einmal: „Wir sind nicht berühmt für unser Essen, sondern dafür, wie wir es zu uns nehmen“. So ähnlich wie in Bayern (➝Bayerische Biergartenverordnung). SH

Skaterpark

Nicht nur Allergiker, auch Skateboardfahrer schwören auf Betonparks. Auf Grünflächen ist in der Regel nicht nur das Ballspielen verboten. Und Flecken macht der Rasen auch. So tanzen Skater frei nach der Punk-Band S.Y.P.H. im Beton: „Ekel Ekel Natur Natur / Ich will Beton pur / Blauer Himmel Blaue See / Hoch lebe die Beton-Fee / Keine Vögel Fische Pflanzen / Ich will nur im Beton tanzen“.

Der Betonpark ist die ideale Fläche für Kickflips, Slides, Grinds und Grab-Tricks. Es gibt ausgeklügelte Rollbahnen, abschüssige Bahnen und ausgegossene Hindernisse. Und kein Passant, Gestrüpp oder Tier stört das Klack-Klack der Rollen. Picknicken kann man dort notfalls auch – allerdings während der Fahrt, ausruhen muss man sich woanders. In Stuttgart gab es allerdings schon bürgerschaftlichen Ärger mit einem Betonpark: der vor zwei Jahren grau-sanierte Hohensteinplatz im Stadtteil Zuffenhausen erregte den Unmut der Anwohner. Ob das ein Vorbote des Parkschützer-Protests war? TP

Zefix

Ein Picknick am Isar-Ufer in München. Nach einer Weile kam das Ordnungsamt: Bei nicht angemeldeten Festivitäten dürfe die zulässige Höhe für mobile Sitzgelegenheiten nicht überschritten werden. Die Bierbänke seien zu hoch. Man könne aber gerne ihre Füße einklappen und die Bank als Brett auf zwei Bierkisten legen. Woraus wir lernen: Bayern hat nicht nur schöne Ideen (➝Biergartenverordnung). Sondern auch schrifttreue Verwaltungsangestellte. raa

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16:00 21.04.2011
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Ausgabe 42/2021

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