Ausgedient

Wundersamer Alltag Münster streitet über seinen Hindenburg-Platz. Unser Kolumnist fragt sich, was da verschwinden soll, wenn man Straßen und Plätze umbenennt. Die eigene Geschichte?

Der größte und hässlichste Platz in Münster – früher ein Exerzierplatz und heute eine Brachfläche, die als Parkplatz und dreimal im Jahr als Rummelplatz verwendet wird – heißt Hindenburgplatz. Seit Jahrzehnten wird in der Stadt darüber diskutiert, ob dieser Platz nicht endlich umbenannt werden soll, im Moment hat diese Diskussion wieder einmal an Heftigkeit zugenommen. Es ist die Stadtverwaltung, die städtische Bürokratie, die ihr historisches Gewissen entdeckt hat und die Bürger von falschen Ehrenbezeichnungen, zu denen es durch das Nennen des Namens Hindenburg kommen könnte, abhalten möchte.

Man kann natürlich fragen, ob eine Behörde oder ein Amt überhaupt ein Gewissen haben kann. Aber der Münster'sche Verwaltungsapparat gibt sich im wahrsten Sinn des Wortes gewissenhaft, es scheint die Verwaltung geradezu seelisch zu quälen, dass dem Reichsfeldmarschall und Reichspräsidenten seit nunmehr 85 Jahren ein Andenken gesetzt ist. Wer genau diese Qualen leidet, ist ungewiss, es scheint die ganze Beamten- und Angestellten-Schar zu sein, nicht jeder Einzelne, aber alle zusammen wollen, dass das schöne Münster sich endlich von dieser Schmach befreit. Zu diesem Zwecke wurde eigens eine Ausstellung eingerichtet, die den fragenden Titel "Ehre, wem Ehre gebührt?" trägt, und 5.000 Bürger werden repräsentativ befragt, ob sie es denn tatsächlich wollen, dass Hindenburg noch immer durch die Benennung des Platzes mit seinem Namen geehrt werde.

Erinnerung auslöschen?

Es ist sicherlich unbestritten, dass eine Stadt in dem Moment, wo sie einen Platz oder eine Straße nach einer Person benennt, oder einem Menschen anderweitig ein öffentliches Denkmal setzt, die Absicht hat, diese Person zu ehren. Aber heißt das denn, dass die Ehrung andauert, solange der Ort diesen Namen trägt, solange das Denkmal steht? Die Zeiten ändern sich, und aus der Ehrung wird Erinnerung. Mit der Namensgebung brennt sich die Gesellschaft einen Namen ins kollektive Gedächtnis, und das ist gut so. Wenn Namen aus dem öffentlichen Raum verbannt werden, dann soll damit vor allem Erinnerung ausgelöscht werden – nicht so sehr die Erinnerung an den Menschen, der zuvor geehrt wurde, sondern vor allem daran, dass die Bürger der Stadt es einmal für notwendig und richtig befunden haben, diesen Menschen zu ehren.

Nach Niederlagen und Revolutionen, in Zeiten großer Umbrüche, werden schnell viele Namen aus dem öffentlichen Raum getilgt. Natürlich ist das auch ein Tribut an die Opfer von Diktaturen und staatlichen Verbrechen. Aber die umfassende Auslöschung jeder Spur der vergangenen Herrschaft ist weniger dem Wunsch geschuldet, die Ehrung eines Führers oder großen Vorsitzenden zu beenden, als vielmehr dem Bedürfnis, die Erinnerung an die Tatsache der Ehrung selbst auszulöschen. Es ist die eigene Schande, von der die Menschen sich reinigen wollen, wenn sie kurz nach einem Umsturz die Namen ihrer eigenen Helden von Vorgestern nicht mehr sehen wollen. Die paar Namen, die solche Säuberungen überstehen, sollten wir pflegen, sie sind Markierungen unserer Geschichte, die wir nicht übersehen können und an denen wir nicht unbemerkt vorbei kommen.

Vielleicht ist es deshalb gerade die Verwaltung, der Apparat, der so sehr auf eine Umbenennung des Hindenburgplatzes drängt. Der Politik selbst ist ja eine sichtbare Narbe aus der Geschichte ganz recht, sie gibt dem Politiker immer wieder neu die Möglichkeit, sich zu profilieren und einen Streit vom Zaun zu brechen. Die Verwaltung aber braucht und will keine Störungen, keine Stolperfallen. Bürokratie braucht Reibungslosigkeit, und da können Fragen an die eigene Geschichte nur stören.

Hindenburg kann nicht neutralisiert werden

Also, findet die Verwaltung, muss der Platz umbenannt werden, zumal der andere Weg, sich der unangenehmen Erinnerung zu stellen, verbaut ist: Hindenburg eignet sich nicht für Folklore, der General kann nicht neutralisiert werden wie all die Kaiser und Könige, die unabhängig von der Brutalität ihrer Diktatur noch immer Namensgeber für Straßen, Plätze und Universitäten sind. Die Pickelhaube des Staatsdieners ist keine schöne Kaiserkrone, gerade Hindenburg steht für die hässliche Seite der Bürokratie.

Solange der hässliche Platz in Münsters Mitte diesen Namen trägt, wird die Erinnerung an eine Zeit, in der eine Stadt einem Militaristen die Ehre erwiesen hat, nicht verschwinden. Es geht nicht um Ehre, es geht nicht um Gedenken, sondern um die unumgehbare Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, wenn man solche Namen im Stadtbild behalten möchte.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Weltveränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche wunderte sich Friedrich über unseren immer weiter steigenden Stromhunger.

14:53 23.02.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
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Jörg Friedrich

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