Die Säule des Ensembles

MARTIN FLÖRCHINGER ZUM NEUNZIGSTEN Don Carlos

Brecht selbst hat Martin Flörchinger, seinen bayerischen Landsmann, noch ans Berliner Ensemble geholt, aus dem Deutschen Theater, an dem dieser drei Jahre lang ein vielbeschäftigter Darsteller gewesen war: als König Philipp in Don Carlos, als (mit Wolfgang Langhoff alternierender) Thomas Münzer in Friedrich Wolfs ambitioniertem Historienstück, dem es nicht gelang, eine Gegenposition zu Brechts Theaterästhetik aufzubauen, und das deren Vorrang dergestalt bekräftigte. In Brechts letzter, von Erich Engel dann allein zu Ende geführter Inszenierung, Leben des Galilei, kreierte der damals 47jährige die Figur des Sagredo, und schon bei dieser ersten Rolle, die er am Schiffbauerdamm spielte, verschmolzen Figur und Darsteller, Text und Persönlichkeit in einem Maß, dass das eine vom anderen gar nicht mehr zu trennen war: was die Theoretiker als Alternative von "Einfühlung" und "Verfremdung" beschäftigte, war hier zu souveräner Synthese gebracht.

In Leipzig, wo er von 1948 bis 1953 engagiert gewesen war (er hatte dort 1929 studiert und 1931 sein erstes Engagement angetreten), waren Flörchinger zentrale Rollen aufgegeben gewesen; unter Max Burghardt hatte er Hamlet und (in einer späten Rolland-Uraufführung) Robespierre gespielt und die Nachkriegsblüte dieser Bühne mitgeprägt. Am Schiffbauerdamm erwies er sich als der Inbegriff eines Ensembleschauspielers, dem keine Rolle zu gering war, um ihr nicht ein unverwechselbares Gepräge zu geben. In gewisser Hinsicht war Flörchinger die Verkörperung dessen, was dieses Theater zum Ensemble machte: durch die Fähigkeit, den Unterschied zwischen großen und kleinen Rollen zum Verschwinden zu bringen, und an jeder Stelle vollkommene Präsenz zu zeigen; was er dadurch für die künstlerische Moral der Truppe geleistet hat, ist kaum ermesslich. Flörchinger konnte alles spielen, den Volkstribunen (in Coriolan) und den Großspekulanten (Pierpont Mauler), den Ortspolizisten (im Guten Menschen) und den kleinen Gangster (in der Dreigroschenoper); er konnte den Sozialcharakter einer Figur mit großer Genauigkeit bezeichnen und blieb dabei die vollplastische, lebensprühende Persönlichkeit - ein Urkomöde, dessen schwerfällige Grazie, intensive Gelassenheit ihn, wo immer er auftrat, ins Zentrum der Szene rückte.

Hätte damals nicht nur das Theater, sondern auch der Film in der DDR geblüht, so hätte Flörchinger zu einem Filmstar werden müssen wie im Frankreich dieser Zeit der ihm typverwandte (und nur um fünf Jahre ältere) Jean Gabin. So blieb seine Wirksamkeit auf jene Welt-Bühne beschränkt, die das Berliner Ensemble zu dieser Zeit war. 1962 konnte er dort, in der Regie von Engel und Pintzka, endlich die Rolle seines Lebens spielen, den Brechtschen Schweyk, der ihm wie auf den Leib geschneidert war. Er hat ihn gewiss mehr als dreihundert Mal gespielt; die Aufführung lebte von seiner plebejischen Subversivität, einer habituellen Ununterwerfbarkeit; aus sich selbst heraus verkörperte er Brechts Kerngedanken: die Unbesiegbarkeit des Volkes durch die Anschläge der Herrschenden.

Bis ins Ruhestandsalter hat Flörchinger diese Rolle und viele andere gespielt und daneben eine Lehrtätigkeit ausgeübt, die ihn, das pädagogische Naturtalent, schon in Leipzig zu finden gewußt hatte. Den Fünfundsechzigjährigen zog es in seine bayerische Heimat zurück, nach Geisenhausen, wo er Liebhabereien - das Malen vor allem - pflegen wollte und bald in die pfleglichen Hände von Dieter Dorn fiel, der ihn immer wieder in die Münchner Kammerspiele holte. So klug, wie er 1953 seinen Auftritt auf Berlins Bühnen bemessen hatte, so sinnreich hatte er den Zeitpunkt seines Abgangs aus einer Theaterstadt gewählt, die zunehmend ins Ende ging. Martin Flörchinger, der in jungen Jahren weit herumgekommen ist in Deutschland, der in Gera und in Stettin, in Königsberg und in Darmstadt auf der Bühne stand, ist einer der Großen des deutschen Theaters; am 9. Oktober wird er neunzig Jahre alt.

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