Stars der Manege

Porto Algre ist eine Entdeckung wert Und Wallfahrtsort für manche Prominente

So ist das nun einmal - sobald eine Bewegung einigermaßen von sich reden macht, sehen die Etablierten ihre Felle davonschwimmen und setzen alles daran, sich selbst in die erste Reihe zu bugsieren. Das haben wir doch alles schon erlebt, vergangenen Sommer etwa, als sich Normalo-Politiker plötzlich als Globalisierungskritiker outen wollten. Auch beim Weltsozialforum sind derartige Shows üblich. Schon beim Treffen im Januar 2001 hatten sich ein paar politische Hotshots ausgesprochen telegen in Demonstrationsspitzen und Protestmeetings eingereiht. Frankreichs Medien berichteten mehr über den Auftritt des einstigen Innenministers Jean-Pierre Chevènement als über den Rest der Veranstaltungen am Ort des Geschehens (während sich in Deutschland niemand aus der rot-grünen Regierungsriege für einen Gipfel interessierte, bei dem es nicht um das Beklatschen des Bestehenden ging). Beim Treffen des Jahrgangs 2002 hat allein schon das dem WSF unmittelbar vorausgehende Lokalpolitikerforum die mediale Aufmerksamkeit umgelenkt. Erwartet wurden Ehrengäste wie der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, oder das Stadtoberhaupt von Rom, Walter Veltroni, oder José Arana aus Montevideo.

Sicher, den einen Sinn des Ganzen kann es ohnehin nicht geben. In gewisser Weise hat die Organisation dem auch vorgebaut. Es gibt keine gemeinsame Schlusserklärung, da eine solche bei der frappierenden Teilnehmerzahl unter Einhaltung demokratischer Prinzipien nicht ernsthaft abstimmbar ist. Zum WSF I strömten mehr als 5.000 Delegierte und insgesamt etwa 20.000 Aktivisten. Diesmal, so glaubt Gouverneur Dutra, dürften es 70.000 sein. Nur ein Teil davon Delegierte, also Abgesandte einer Organisation, die eine Veranstaltungsgebühr bezahlt haben und dafür ein Schildchen erhalten, das ihnen theoretisch den Zutritt zu den Sälen mit den Hauptkonferenzen - wie beim ersten Mal wieder in der lokalen katholischen Universität - sichert. Dort haben maximal 11.000 Personen Platz. Bis zum Stichtag am 23.Oktober aber hatten sich schon 17.000 Aspiranten auf einen Delegiertenplatz angemeldet.

Wer nun nach welchen Kriterien aussortiert werden sollte, das stand beim Vorbereitungstreffen in Dakar (Senegal) nicht auf der Tagesordnung. Und es wollte auch niemand von den Organisatoren laut darüber reden, wie man denn damit umgeht, wenn - wie gemunkelt wird - der Kubaner Fidel Castro und der venezolanische Staatschef Hugo Chávez auftauchen. Als mache die allerdings berechtigte Frage Angst, ob die Stars dem Forum nicht den Lebenssaft wegsaugen - ob die Bewegung sich nicht im Schoße des Systems und des Machbaren wiederfindet, ehe sie so richtig ausgebrochen ist - und wer da am Ende wen kooptiert.

Stattdessen ging es in Dakar ewig um den Veranstaltungsort für das Weltsozialforum III. Schon beim WSF I stand auf Messers Schneide, ob Porto Alegre weiterhin Austragungsort bliebe. Dagegen sprachen seinerzeit vor allem die im Mai 2002 anstehenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Die Arbeiterpartei, die sowohl den Bürgermeister von Porto Alegre als auch den Gouverneur des zugehörigen Bundesstaates Rio Grande do Sul stellt, könnte, so die Befürchtung, das WSF zu Wahlkampfzwecken umfunktionieren. Andererseits waren wirkliche Alternativen nicht in Sicht. Wo gibt es schon Stadt- und Regionalregierungen, die hinter dem Projekt stehen, die Infrastruktur finanzieren, die Innenstadt nicht absperren und Demonstranten nicht die Polizei auf den Hals schicken?

Der Kompromiss vom Januar 2001 lautete, das WSF noch einmal in Porto Alegre zu belassen, gleichzeitig aber für Regionalforen in anderen Teilen der Welt zu werben und mindestens 2003 definitiv woanders zu tagen. Die Idee mit den regionalen Sozialforen hat sich, was voraussehbar war, nicht sonderlich durchgesetzt. Dazu ist das WSF noch zu wenig konsolidiert. Das Forum 2003 schien zunächst weiterhin heimatlos. Nochmals Porto Alegre? Zu lateinamerikaorientiert. Oder Südafrika? Dot Keet vom dortigen Alternative Information and Development Center war entsetzt. "No way", sagte sie, "von außen aufpfropfen geht nicht. Der Vorschlag muss von einer breiten sozialen Bewegung in einem Land selbst kommen. Sonst endet das WSF im Chaos."

Irgendjemand hatte gehört, dass in Indien die Bereitschaft bestehe. Asien ist gut. Vielleicht ist das eine Möglichkeit? Das Ergebnis der Recherche: Kerala, ein links regierter Bundesstaat, sei bereit? Schlussendlich jedoch traute dem niemand so recht. In Porto Alegre wird weiter sondiert.

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