1919: Auf die Schanzen!

Zeitgeschichte Die KPD-Gründung in Berlin kommt keineswegs aus dem Nichts, aber zu spät, um Verrat und Niederlage der Novemberrevolution noch wirkungsvoll begegnen zu können

Zur Vorgeschichte der KPD gehörte das einstimmige Ja der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten am 4. August 1914. 14 Abgeordnete – darunter Karl Liebknecht, ein weithin bekannter Gegner des preußisch-deutschen Militarismus – waren dagegen, beugten sich aber dem Fraktionszwang. Für Rosa Luxemburg, die theoretische Führerin der äußersten Linken in der Partei, war die Zustimmung für die Kriegskredite der Verstoß gegen einen Beschluss des internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart 1907, in dem die daran teilnehmenden Arbeiterparteien und Gewerkschaften sich verpflichtet hatten, gegen den Ausbruch eines Krieges zu kämpfen und – falls es dennoch dazu kommen sollte – „für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahinzustreben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen“.

Noch am Tag der Abstimmung traf sich in Rosa Luxemburgs Wohnung ein Kreis von Gleichgesinnten, darunter der Parteihistoriker Franz Mehring und Wilhelm Pieck. Im September wandten sie sich in einer Erklärung gegen die Parteiführung. Jetzt war schon Karl Liebknecht dabei, der am 2. Dezember 1914 als einziger Parlamentarier gegen die nächste Kriegsanleihe votierte.

Im April 1915 veröffentlichten unter anderem Rosa Luxemburg und Franz Mehring die erste (und nach schnellem Verbot einzige) Nummer ihrer Zeitschrift Die Internationale, um die sich ein nach dieser benannter Kreis von linkssozialistischen Kriegsgegnern sammelte. Seit 1916 bezeichnete er sich als Spartakusgruppe.

Auf internationalen Konferenzen in Zimmerwald (1915) und Kiental (1916) in der Schweiz verlangte Lenin eine Trennung der Kriegsgegner von den alten Parteien: In der jetzt anbrechenden Phase einer weltweiten sozialistischen Revolution sei Neuorganisation unerlässlich. Die Spartakus-Abgesandten Ernst Meyer und Bertha Thalheimer wollten dagegen im Inneren der bisherigen Organisationen weiterkämpfen.

Anders verhielten sich in der Folgezeit die sogenannten „Bremer (und Hamburger) Linksradikalen“ und ein Zirkel um die Zeitschrift Lichtstrahlen in Berlin, die später – Mitte Dezember 1918 – die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) bilden sollten: Sie wollten eine neue Partei. Diese Differenz kennzeichnete auch die Haltung der äußersten Linken zu einer 1917 tatsächlich erfolgten Gründung: In der Reichstagsfraktion hatten ab Ende 1915 immer mehr Abgeordnete der Kriegsunterstützung widersprochen und wachsenden Anklang in der Partei gefunden. Die Führung erklärte die Zugehörigkeit zu dieser Opposition für unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD, sodass sich die Dissidenten 1917 zu einer Neugründung gezwungen sahen: der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Übrig blieb die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) unter Führung von Friedrich Ebert. Die Spartakusgruppe trat der USPD bei.

Die nahezu gleichzeitige Ausrufung einer Republik durch den Mehrheitssozialdemokraten Philipp Scheidemann und den Linkssozialisten Liebknecht am 9. November 1918 kennzeichnet den Doppelcharakter der deutschen Revolution. Die Spartakusgruppe – sie nannte sich zwei Tage später „Spartakusbund“ – wollte sie über die nun erreichte bürgerliche Demokratie bis zur sozialistischen Umwälzung fortsetzen. Deren politischer Ausdruck sollte ein Rätesystem sein. Deshalb lehnte der Spartakusbund die Ausschreibung von Wahlen zu einer Nationalversammlung als Schritt in die falsche Richtung – nämlich zum bürgerlich-parlamentarischen Repräsentativsystem – ab. Die USPD verhielt sich beim Thema Rätesozialismus oder Parlamentarismus sowie der Frage der Fortsetzung der Revolution schwankend. Erwägungen, sich deshalb von ihr zu trennen, blieben im Spartakusbund umstritten. Dessen Organisator Leo Jogiches, der langjährige Freund Rosa Luxemburgs, war dagegen, sie selbst zögerte, Karl Liebknecht neigte einem solchen Plan eher zu.

In dem Maße, in dem sich abzeichnete, dass die MSPD unter Führung Friedrich Eberts im Bündnis mit dem Militär die über eine bürgerliche Republik hinausstrebenden Kräfte der Revolution zerschlagen wollte und die USPD dem nichts entgegenzusetzen hatte, überwogen im Spartakusbund die Tendenzen, eine eigene Partei zu gründen. Hierin traf er sich nun mit den Internationalen Kommunisten Deutschlands.

Am 30. Dezember 1918 trat in Berlin eine „Reichskonferenz“ zusammen, sie wollte die nächsten Schritte beraten und hatte 127 Teilnehmer: 83 kamen vom Spartakusbund, 29 von den IKD. Es gab drei Delegierte eines Roten Soldatenbundes und einen Vertreter der kriegsgegnerischen sozialistischen Jugend, die seit 1915 aktiv war. Elf weitere Teilnehmer können organisatorisch nicht identifiziert werden. Am 1. Januar fasste Karl Liebknecht die Ergebnisse der Beratungen dahingehend zusammen, dass diese als der erste Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands gelten konnten.

Dessen personelle Zusammensetzung war wegen seiner kurzen Vorbereitungszeit eher zufällig. Er beschloss den Boykott der am 19. Januar anstehenden Wahl der Nationalversammlung – gegen die Argumentation Rosa Luxemburgs und ihrer engsten Mitstreiter, darunter Leo Jogiches und der Rechtsanwalt Paul Levi. In ihrem Referat, mit dem sie das Programm der Partei umriss, stellte Luxemburg vor, dass die Revolution nicht in einem Handstreich gegen die politische Spitze zu vollenden sei. Durch Streiks in den Betrieben müsse die ökonomische Basis des Kapitalismus untergraben werden. Bislang habe die Revolution erst die Industriezentren erfasst. Es wäre aber „ein Wahn, den Sozialismus ohne Landwirtschaft zu verwirklichen“. Hier seien das „landlose Proletariat und das Kleinbauerntum“ zu mobilisieren.

Diese Rede wurde zu einer Art politischem Vermächtnis von Rosa Luxemburg. Sie beruhte auf theoretischen Voraussetzungen, die sie sich in ihrem Buch Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus aus dem Jahr 1913 erarbeitet hatte. Hier analysierte sie die Entwicklungstendenz der bürgerlichen Gesellschaft zur Selbstzerstörung bis hin zu der Alternative: entweder allgemeine Katastrophe oder Sozialismus. Diese Schlusskrise trete in dem Moment ein, in dem die Nationalstaaten sich die letzten Absatzgebiete für ihre Kapital- und Warenexporte unterworfen hätten. Der Verteilungskampf im Weltkrieg und die auf ihn folgenden Umwälzungen waren – so argumentierte Rosa Luxemburg 1918 – nur eine Etappe auf diesem Weg, der sehr lang sein werde. Wer ihn durch einen einmaligen Kraftakt abkürzen wolle, mache sich seinen Radikalismus zu leicht.

Wenige Tage später waren die von Luxemburg aufgezeigten Perspektiven durch das schnelle Handeln der Gegenseite zerschlagen: Der preußische MSPD-Innenminister setzte den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) ab. Führerlose Massen demonstrierten tagelang. Ein Teil von ihnen besetzte das Zeitungsviertel und wurde von den Truppen des MSPD-Politikers Gustav Noske niedergemacht. Die KPD ist in diese Ereignisse eher hineingezogen worden, als dass sie darauf hätte bestimmenden Einfluss nehmen können. Dennoch galten sie als „Spartakusaufstand“. Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet, am 10. März traf es Leo Jogiches. In der KPD blieb der Voluntarismus dominierend. Ihr neuer Vorsitzender, Paul Levi, drängte im Laufe des Jahres 1919 dessen Anhänger hinaus. Dadurch verlor die Partei viele Mitglieder. Als sich 1920 die USPD spaltete und ihr linker Flügel zur KPD wechselte, wurde diese dauerhaft zur Massenorganisation. Der Parteitag 1918/19 war also lediglich die Durchgangsphase eines Gründungsprozesses, der 1914 begann und erst 1920 abgeschlossen war.

06:00 27.12.2018
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