1926: Atempause

Zeitgeschichte Deutschland wird Mitglied im Völkerbund. Eine Neuordnung der internationalen Beziehungen nach der noch nicht bewältigten Katastrophe des Weltkriegs scheint möglich
Georg Fülberth | Ausgabe 38/2016 1

Im Deutschland der Weimarer Republik galt parteiübergreifend der Friedensvertrag von Versailles (1919) als die Ursache aller aktuellen Übel – ein imperialistisches Diktat. Der Ökonom John Maynard Keynes, Mitglied der britischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz ab 18. Januar 1919, verließ diese im Protest und warnte in einem Buch vor den wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags. Dass der Griff der deutschen Eliten nach der Weltmacht vorerst gescheitert war, hätte die Volksmassen im Reich kaltlassen können, aber ihre Lebenshaltung wurde durch die Reparationslasten gedrückt. So fand die Agitation der Rechten eine breite Basis. Dabei wurde gern übersehen, dass es einen Vorläufer von Versailles gab: Brest-Litowsk im März 1918. Dort hatte das Deutsche Reich Sowjetrussland noch weit härtere Bedingungen auferlegt. Sie waren durch seine eigene Kriegsniederlage wieder kassiert worden.

Teil der Versailler Verträge war die Gründung des Völkerbundes gewesen. Deutschland und Sowjetrussland waren nicht zugelassen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Präsident Woodrow Wilson die Völkerbund-Idee in seinen „Vierzehn Punkten“ von 1918 gefördert hatte, fehlten ebenfalls. Die republikanische Mehrheit im Senat lehnte die Ratifizierung mit der Begründung ab, dass dieser in die Aushandlung nicht ausreichend einbezogen worden sei. 1921 schlossen Deutschland und die USA in Berlin einen Separatfrieden ab. Im Unterschied zu Versailles wurden dem Reich nicht einseitig Reparationen auferlegt, sondern die Ansprüche beider Seiten sollten durch ein von ihnen eingerichtetes Schiedsgericht reguliert werden.

Auf einer internationalen Finanz-und Wirtschaftskonferenz in Genua 1922 erklärte das Reich, es könne die hohen Reparationen nicht fristgemäß bedienen. Als Frankreich und Großbritannien unnachgiebig blieben, schloss Reichsaußenminister Walther Rathenau in Rapallo einen Vertrag mit Sowjetrussland, in dem die beiden Paria-Staaten der Nachkriegsordnung ihre Beziehungen normalisierten und wechselseitig auf Reparationen verzichteten. Durch das Ausscheren der Vereinigten Staaten und die Diskriminierung Deutschlands war aus dem Völkerbund, der zunächst als Organisation einer neuen Friedensordnung geplant war, in den Augen insbesondere der meisten Deutschen ein Instrument ihrer Kriegsgegner – der Rest-Entente von Frankreich und Großbritannien – geworden.

Grundlage für die Goldenen Zwanziger

Mit den Verträgen von Berlin und Rapallo hatte das Reich jedoch erste Schritte aus der Isolation gehen können. Als umso härter und unzumutbarer wurde der Druck der Entente wahrgenommen, als Frankreich 1923 das Ruhrgebiet besetzte, um ausstehende Reparationen einzutreiben. Wieder waren es die Vereinigten Staaten, die eine Erleichterung ermöglichten: Im Dawes-Plan von 1924 wurden Deutschlands Kriegsschulden zwar nicht erlassen, aber gestreckt, und eine große Anleihe schuf Liquidität. Dies war die Grundlage für die sogenannten Goldenen Zwanziger, die sich in Wirklichkeit auf die Spanne von 1924 bis 1928 beschränkten. Oberbürgermeister deutscher Großstädte reisten in die USA, um Kredite einzuwerben. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Verbesserung der kommunalen Infrastruktur und Förderung des öffentlichen Wohnungsbaus.

Der Dawes-Plan war ein erster Erfolg Gustav Stresemanns, der nach einer kurzen Zeit als Reichskanzler 1923 mehrere Jahre Außenminister war. Er führte die Deutsche Volkspartei (DVP), die aus der Nationalliberalen Partei des Kaiserreichs hervorgegangen war, eine Interessenvertretung des Industriekapitals, vor allem der Schwerindustrie. Im Kaiserreich war Stresemann Monarchist und zwischen 1914 und 1918 ein vehementer Annexionspolitiker gewesen, er galt als der „junge Mann“ von Erich Ludendorff, dem Kopf der Obersten Heeresleitung, und hatte den Spitznamen „die Kriegstrompete“. Jetzt wurde er „Vernunftrepublikaner“ und vertrat die Ansicht, nur durch eine Verständigungspolitik mit den Siegern könne Deutschland seine Lage verbessern. Darunter konnte Unterschiedliches begriffen werden: entweder der Versuch, die Vertragsbedingungen zu erfüllen, bis auch Frankreich und Großbritannien klar würde, dass dies nicht möglich war, und sie sich zu einer Revision des Vertrags bereitfänden. Oder (nach Erreichen dieses Zwecks) allmähliche Heraufarbeitung des Reichs zur Erreichung einer Dominanz, die man im Weltkrieg verfehlt hatte. Die zweite Absicht wird Stresemann von einem Teil der Forschung nachgesagt, er selbst äußerte sich dazu nicht. Die Entfaltung des deutschen Wirtschaftspotenzials, auch wenn es gegenwärtig durch die Bedingungen von Versailles beeinträchtigt war, hielt er für eine entscheidende Voraussetzung eines Wiederaufstiegs.

Zu den Folgen der Annäherung Deutschlands zugleich an Sowjetrussland und – vor allem – die USA gehörten Überlegungen in der Entente zum Einlenken. In Frankreich wurde 1925 Aristide Briand Außenminister und setzte sich für einen Ausgleich ein. In Versailles hatte Deutschland den Siegern Meistbegünstigung im Außenhandel einräumen müssen. Diese Regelung galt nur bis 1925, also waren ohnehin neue Verhandlungen nötig. Auch Frankreich und Großbritannien waren auf US-amerikanische Kredite angewiesen, und die potenziellen Gläubiger waren an deren Sicherheit interessiert, die durch Entspannung eher garantiert war. Dies waren die Voraussetzungen für die Konferenz von Locarno 1925, an der Vertreter Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Polens und der Tschechoslowakei teilnahmen. In insgesamt sieben Verträgen wurde Versailles letztlich nicht nachgebessert, aber neu interpretiert. Belgien, Deutschland und Frankreich sicherten einander die Endgültigkeit ihrer Grenzen zu. Deutschland war nicht bereit, Polen die gleichen Garantien zu geben. Lediglich ein Abkommen über Schiedsverträge wurde abgeschlossen, schließlich der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund für den Augenblick vereinbart, in dem die anderen Verträge ratifiziert waren.

Erfolg von kurzer Dauer

Die nationalistische Rechte der Weimarer Republik lehnte Locarno als Bestätigung der bisherigen Unterwerfung ab, die monarchistische Deutschnationale Volkspartei (DNVP) trat aus der Regierung aus. Auch die KPD war dagegen und erklärte, es handele sich um einen Pakt imperialistischer Mächte. Im November wurden die Verträge im Reichstag auch mit den Stimmen der SPD, die sich in der Opposition befand, ratifiziert. Damit waren die Bedingungen für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund erfüllt. 1926 erhielten Aristide Briand und Gustav Stresemann gemeinsam den Friedensnobelpreis. 1928 gehörte das Deutsche Reich zu den Unterzeichnerstaaten des Briand-Kellogg-Paktes zur Ächtung des Krieges.

In seiner Rede, die Stresemann anlässlich des Beitritts zum Völkerbund in Genf 1926 hielt, stellte er dieses Ereignis als einen Wendepunkt in den internationalen Beziehungen dar. Freilich war der Erfolg einer solchen Politik an Sonderbedingungen gebunden, die nur wenige Jahre bestanden: Die relative wirtschaftliche Erholung nach dem Ende der Hyperinflation 1923 und dem Inkrafttreten des Dawes-Plans schwächte für kurze Zeit die Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik und damit auch gegen die Ausgleichspolitik. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 war das schon wieder vorbei. Gegen den Young-Plan, der den Dawes-Plan ablöste, veranstalteten der deutschnationale Medien-Mogul Alfred Hugenberg, die NSDAP und der rechte Frontkämpferbund „Stahlhelm“ 1929 einen Volksentscheid, der zwar scheiterte, aber einen erheblichen Mobilisierungseffekt hatte.

Im Oktober 1929 starb Stresemann. Weder Locarno noch der Eintritt in den Völkerbund hatten die Reparationen beendet. Die Agitation gegen Versailles behielt damit ihre Massenbasis. Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, trat Deutschland 1933 wieder aus dem Völkerbund aus.

06:00 05.10.2016
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